Bergisch Gladbach

Begünstigte Justiz-Panne Missbrauch einer Dreijährigen?

„Bergisch Gladbach“ steht inzwischen für die weitreichendsten Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen ein Kinderschänder-Netzwerk, das weit über die rheinisch-bergische Stadt hinausreicht.

„Bergisch Gladbach“ steht inzwischen für die weitreichendsten Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen ein Kinderschänder-Netzwerk, das weit über die rheinisch-bergische Stadt hinausreicht.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Düsseldorf.  Aus einer Hausdurchsuchung in Bergisch Gladbach ist der größte Schlag gegen Kindesmissbrauch in NRW geworden. Neue Details werfen Fragen auf.

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Die Justiz-Pannen im Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach haben möglicherweise die Vergewaltigung eines dreijährigen Mädchens begünstigt. Das ging am Mittwoch aus einem Bericht des Justizministeriums im Rechtsausschuss des Landtags hervor. Außerdem wird allmählich die gewaltige Dimension des ausgehobenen Kinderschänder-Rings erkennbar.

Bereits in der vergangenen Woche hatte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) öffentlich „handwerkliche Fehler“ der Staatsanwaltschaft Kleve bedauert. In Wesel waren im Juni Missbrauchsermittlungen gegen einen 26-jährigen Zeitsoldaten der Bundeswehr nicht mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt worden. Dem Mann wurde damals bereits der Missbrauch seines fünfjährigen Stiefsohns und seiner dreijährigen Tochter vorgeworfen. Obwohl der Beschuldigte in einer angeblich freiwilligen „Lebensbeichte“ bei der Weseler Polizei leichtere Missbrauchstaten eingeräumt und eine kinderpornografische Neigung angedeutet hatte, verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Hausdurchsuchung und die Vernehmung der Kinder. Der Generalstaatsanwalt hatte dieses Vorgehen gerügt, was in der Justiz eher selten vorkommt.

Die Ermittler stoßen im Schneeball-System auf immer mehr Kinderschänder

Bislang ging man dennoch davon noch aus, dass keine Wiederholungsgefahr bestand, da der Mann sich seit Juni nicht mehr seinen Kindern nähern konnte. Im Zuge der Ermittlungen gegen einen anderen Tatverdächtigen aus Bergisch Gladbach verdichten sich nun jedoch die Hinweise, dass der Soldat aus Wesel noch im Spätsommer seine dreijährige Nichte vergewaltigen konnte. Justizminister Biesenbach ließ dazu im Rechtsausschuss des Landtags erklären: „Ersten polizeilichen Hinweisen zufolge könnte das Geschehen am Wochenende 24./25.8.2019 als möglich erscheinen.“

Das ist politisch brisant. Sollten die Ermittlungen bestätigen, dass der Soldat noch nach den ersten Ermittlungen im Juni weitere schwere Missbrauchstaten begehen konnte, würden die Nachlässigkeiten der Klever Staatsanwaltschaft in neuem Licht erscheinen. Möglicherweise hätte Kindern Leid erspart und ein Kinderschänder-Netzwerk früher enttarnt werden können.

Erst aus einer Hausdurchsuchung am 21. Oktober bei einem Tatverdächtigen in Bergisch Gladbach haben sich mittlerweile im Schneeball-System die größte Kindesmissbrauchs-Ermittlung in der Geschichte der NRW-Sicherheitsbehörden ergeben. Rund 300 Ermittler versuchen aktuell bei Polizei und Staatsanwaltschaft in Köln mit der Besonderen Aufbau-Organisation (BAO) „Berg“ einen bundesweiten Pädophilen-Ring auszuheben. Dieser soll in Chats mit Tausenden Männern Kinderpornografie getauscht, Missbrauchstaten an den eigenen Kindern verabredet und gefilmt haben.

Acht Männer sitzen bereits in Untersuchungshaft

Anders als im Missbrauchsfall „Lügde“ in Ostwestfalen geht es diesmal nicht um lokal eingrenzbare Verbrechen, sondern um eine Vielzahl von Männern, die teilweise über Hunderttausende Missbrauchs-Dateien auf ihren Handys verfügten, per Messengerdienst miteinander in Kontakt standen und sich gegenseitig zum Missbrauch leiblicher oder verwandter Kinder animierten. Die Zahl der Tatverdächtigen liegt bundesweit bereits bei 23, davon 13 in NRW. Bislang konnten 20 Opfer identifiziert werden. Acht Männer sitzen in Untersuchungshaft, davon sieben in NRW.

Die Ermittler müssen anhand von Chatverläufen und Bilddaten rekonstruieren, wo und wann welche Missbrauchstaten stattgefunden haben. Vor allem geht es darum, weitere Grausamkeiten an Kindern zu verhindern. So hatten sich etwa der Weseler Soldat und der Tatverdächtige aus Bergisch Gladbach Anfang November zur weiteren Vergewaltigung der dreijährigen Nichte des Niederrheiners verabredet. Die Ermittlungen erstrecken sich mittlerweile auf sechs Bundesländer. Nicht zuletzt dem Einsatz der neuen Handy-Spürhunde der NRW-Polizei ist es zu verdanken, dass bei Hausdurchsuchungen immer neue Datenträger mit Fotos gequälter Kinder gefunden werden.

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