Terminservicestellen

Darum lassen immer mehr Patienten ihre Arzttermine platzen

Warten auf einen Besuch beim Facharzt - die Terminservicestellen sollen das eindämmen. Aktuelle Zahlen zeigen: Auch das Verhalten unzuverlässiger Patienten sorgt für längere Wartezeiten  - sie nehmen Termine nicht wahr und sagen nicht ab.

Warten auf einen Besuch beim Facharzt - die Terminservicestellen sollen das eindämmen. Aktuelle Zahlen zeigen: Auch das Verhalten unzuverlässiger Patienten sorgt für längere Wartezeiten - sie nehmen Termine nicht wahr und sagen nicht ab.

Foto: Patrick Pleul

Essen.   Terminservicestellen vermitteln Patienten Facharzttermine. Etwa jeder sechste Termin wurde 2018 geschwänzt. Für die Praxen hat das Folgen.

Klaus Strömer hat die Schwänzer irgendwann angefangen einzurechnen. Bis zu acht Patienten am Tag, erzählt der Dermatologe aus Mönchengladbach, seien im Schnitt am Tag nicht zu ihren Terminen in seiner Praxis erschienen. „Dermatologen sind die Fachgruppe mit den meisten Patientenkontakten“, erklärt der Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen. Kalender seien prall gefüllt und bei jedem versäumten Termin haben jene Patienten das Nachsehen, die deshalb länger auf einen Arztbesuch warten müssen. „Gerade wenn eine besonders zeitintensive Behandlung ansteht, ist es ärgerlich, wenn jemand dann nicht kommt“, so der Facharzt.

Dass Patienten nicht zu ihren Terminen erscheinen, habe es schon früher gegeben. Seit Einführung der Terminservicestellen 2016 hat dieser Umstand aus Sicht der Fachärzte in NRW und im Bund aber zugenommen. Aktuelle Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein untermauern das: Allein im Südwesten von Nordrhein-Westfalen haben Patienten rein rechnerisch im Jahr 2018 über 3000 zentral vermittelte Facharztbesuche ohne Absage platzen lassen – das entspricht 15 Prozent der über 21.000 Termine und einem Plus von 3,5 Prozentpunkten im Vergleich zu Mai 2016.

KV: Termine werden nicht mehr wertgeschätzt

Die KV Nordrhein spricht von einer Unsitte, die mehrere Gründe habe. Die freie Arztwahl, die hohe Arztdichte und das Aus der Praxisgebühr hätten zu einer hohen Verfügbarkeit ärztlicher Leistungen geführt, der einzelne Termin werde weniger wertgeschätzt. Fachärzte wie Hausärzte seien betroffen. „Desweiteren ist es mittlerweile Usus, Termine bei mehreren Ärzten parallel anzufragen, um so möglichst schnell an die Reihe zu kommen“, bemerkt KV-Vorstandschef Frank Bergmann.

Der Dermatologe Klaus Strömer sieht einen weiteren Grund in der Arbeit der Terminservicestelle: Statt dass gesetzlich Versicherte beim Facharzt ihrer Wahl lange auf eine Behandlung warten müssen, werden sie über die zentrale Telefonnummer an einen ihnen oft unbekannten und weiter entfernten Arzt vermittelt. „Ich kann im Einzelfall sogar nachvollziehen, warum Patienten diese Termine dann nicht wahrnehmen“, sagt Strömer. „Insgesamt ist das für die Praxen aber problematisch.“

Bundesminister Spahn will Servicestellen aufwerten

Die Entwicklung der Terminservicestellen ist politisch brisant: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will sie zu Ansprechpartnern für ambulante Versorgung und Notfälle weiterentwickeln, auch sollen sie Versicherten Termine bei Haus- und Kinderärzten vermitteln. Spahn will Ärzte zudem zu längeren Sprechzeiten zwingen, um Wartezeiten zu reduzieren. Die jetzt publik gewordene hohe Anzahl geschwänzter Behandlungen sehen Fachärzte als Argument, dass Wartezeiten auch mit unzuverlässigen Patienten zu tun haben.

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, verweist auf die Folgen für die Praxen: Geplatzte Termine gerade für aufwendigere Untersuchungen könnten in der Regel nicht an andere Patienten weitergereicht werden. „Hier entsteht zum einen für den Praxisinhaber ein ökonomischer Schaden, zum anderen haben immer wieder versäumte Arzttermine zur Folge, dass sich für alle Patienten die Wartezeiten insgesamt verlängern.“

Ärzte können Schäden bei den Kassen nicht einfordern

Auf dem Schaden bleiben die Praxen zumeist sitzen. Verluste können sie bei den Krankenkassen nicht einfordern, betont eine Sprecherin des Verbandes der Ersatzkassen in NRW. Ärzte seien Freiberufler, nicht abgesagte Termine ihr Berufsrisiko. „Es gibt aber Ärzte, die die Faxen dicke haben und von den Patienten Gebühren für nicht wahrgenommene Termine einfordern“, so die Sprecherin. Mit welchem Erfolg, sei ebenso wenig bekannt wie Angaben dazu, ob Ärzte per Klage Schadensersatzansprüche geltend zu machen versuchten.

Die Praxen haben anderweitig auf die Schwänzer reagiert. Sie telefonieren ihren Patienten hinterher, schreiben SMS oder sperren sie für die Onlineterminvergabe. Hans Reinhard Pies, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Internisten in Nordrhein, appelliert auch an die Patienten, geduldig zu sein: „Der Patient erhebt den Anspruch, schnell einen Termin beim Facharzt zu bekommen“, so Pies. Etwa 90 Prozent der Behandlungsanfragen, die zentral an Internisten vermittelt würden, seien aber nicht akut. „Der Hausarzt kann genau das trennscharf einschätzen und direkt an den Facharzt vermitteln.“ Deshalb sollten Betroffene zunächst den Rat ihres Hausarztes erfragen.

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