Abitur

Debatte um Inflation der Einser-Abis: Entwertung befürchtet

Immer mehr Schüler schließen die Abiturprüfungen mit einer Eins vor dem Komma ab. Bundesweit waren es 2018 mehr als jeder Vierte (25,8 Prozent).

Immer mehr Schüler schließen die Abiturprüfungen mit einer Eins vor dem Komma ab. Bundesweit waren es 2018 mehr als jeder Vierte (25,8 Prozent).

Foto: Foto: Jens Büttner / dpa

Essen.  Verbände weisen die Kritik an einer „Noteninflation“ in NRW zurück. Die Elternschaft der Gymnasien fordert, den Anspruch des Abiturs zu schärfen.

In der Debatte um eine wachsende Zahl von Abiturienten mit einer Eins vor dem Komma auf dem Abschlusszeugnis hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) den Vorwurf von sinkenden Standards zurückgewiesen. Es sei verfehlt, von einer „Inflation der Einser-Abis zu sprechen“, sagte VBE-Landesvorsitzender Stefan Behlau der WAZ. Seit Jahren liege in NRW der Abi-Durchschnitt bei etwa 2,5. „Dies zeigt, dass Diskussionen über einen geringen Anspruch des Abiturs zu hinterfragen sind“, so Behlau.

Seit Jahren steigt die Zahl der Einser-Abis. Auch in NRW lässt sich der Trend beobachten. Hatten nach Zahlen der Kultusministerkonferenz im Jahr 2015 gut 22 Prozent einen Notenschnitt von mindestens 1,9, sind es nach aktuellen Zahlen knapp 24 Prozent. Der Deutsche Lehrerverband und der Hochschulverband hatten angesichts der bundesweiten Entwicklung vor einer „Noteninflation“ gewarnt. Viele Hochschulen klagten über fehlende Grundkenntnisse bei Studienanfängern, insbesondere in Mathematik.

Wachsender Wettbewerb unter den Schulen

Die Dortmunder Bildungswissenschaftlerin Nele McElvany führt den Trend unter anderem auf einen wachsenden Wettbewerb unter den Schulen zurück: „Die Schulen stehen unter wachsendem Druck, einen guten Notenschnitt im Abitur zu erzielen.“ Dieser Druck werde auch von Eltern ausgeübt. Auch Behlau beobachte einen „hohen Erwartungsdruck in vielen Familien“.

Aber auch die Schüler seien auf eine gute Note fixiert, um einen Platz in ihrem Wunschstudienfach zu erhalten, betont Nele McElvany. Sie bestätigt, dass vielen Studienanfängern wichtige Voraussetzungen fehlten. „Nicht die Noten sind das Problem, sondern die Kompetenzen, die den Schülern vermittelt werden“, so die Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung.

Maike Finnern, Landesvorsitze der Bildungsgewerkschaft GEW, glaubt nicht, dass das Abitur an Niveau verloren habe. Durch die Konzentration auf weniger Prüfungsfächer und Spezialisierung auf Detailwissen hätten sich die Anforderungen allerdings verändert. „Zeitgleich zum Anstieg der Einser-Abiturienten scheitern immer mehr Schüler am Abitur – dieses Scheitern müssen wir in den Blick nehmen“, mahnte Finnern. VBE-Chef Behlau ergänzt: „Was uns wirklich Sorgen machen sollte, ist der alarmierende Umstand, dass im vergangenen Jahr über 5000 junge Menschen die Schule ohne jeglichen Abschluss verließen.“

Menge der Abiturienten entwertet den Abschluss

„Die jungen Erwachsenen bekommen heute keinesfalls ihre Abschlüsse geschenkt“, betont die Landeselternschaft Gymnasien in NRW. Die Elternvertreter sehen aber den steigenden Zulauf an die Gymnasien kritisch. Durch die Erwartung an die Lehrer, möglichst alle Schüler erfolgreich zum Abschluss zu führen, habe der fachliche Anspruch nachgelassen. „Mit der Menge der Abiturienten wird das Abitur als Hochschulzulassungs-Voraussetzung entwertet“, argumentiert die Landeselternschaft. „Es gilt, den tatsächlich erforderlichen Qualitätsanspruch zu ermitteln, um aus dem Abitur wieder das zu machen, was es einmal war: eine allgemeine Hochschulreife.“

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