Sicherheit

Amokfahrt: Experte sieht Zuwanderungsdebatte als Auslöser

Einer der Tatorte ist die Bushaltestelle Laarmannstraße am Rabenhorst in Essen-Borbeck. In der Silvesternacht hat ein 50-Jähriger versucht, mehrere Menschen mit seinem Auto anzufahren. Foto:Fabian Strauch

Einer der Tatorte ist die Bushaltestelle Laarmannstraße am Rabenhorst in Essen-Borbeck. In der Silvesternacht hat ein 50-Jähriger versucht, mehrere Menschen mit seinem Auto anzufahren. Foto:Fabian Strauch

Essen.  Kriminologe sieht das wachsende Bedrohungsgefühl durch Zuwanderung als eine Ursache für Gewalt. Er befürchtet weitere Amoktaten.

Immer wieder lösen Taten wie die Essener Amokfahrt Entsetzen, Schrecken und Spekulationen aus. Was treibt einen solchen Täter an, was will er beweisen, woher kommt solcher Hass? Jede einzelne Tat hat einen anderen Ursprung, jeder Täter ein anderes Motiv. Dennoch lassen sich erschreckende Muster und Gemeinsamkeiten erkennen. So kündigen Amokläufer ihre Tat häufig zuvor an, machen Andeutungen, doch das Umfeld nimmt sie nicht ernst. Ist die Entscheidung einmal gefallen, sind solche Menschen nicht mehr aufzuhalten, weiß der Kriminologe Hans-Dieter Schwind, der an der Ruhr-Uni Bochum und an der Uni Osnabrück lehrte. „Es brodelt in den Leuten, und dann kommt es plötzlich zum Ausbruch.“

Eine Ursache sieht er in dem wachsenden Bedrohungsgefühl vieler Menschen durch die Zuwanderung. „Das ist eine gefährliche Entwicklung. Ich habe einen solchen Fall schon viel früher erwartet“, sagte Schwind. Solche Amokfahrten oder auch die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte der vergangenen Monate sind für ihn die extreme Spitze einer allgemeinen Entwicklung, „und ich befürchte, dass sich dies fortsetzt“, so Schwind.

Aus der Mitte der Gesellschaft

Die Täter seien dabei oftmals zuvor nicht als rechtsextrem aufgefallen, sondern stammten aus der Mitte der Gesellschaft. „Wir müssen die Entwicklung sehr ernst nehmen und dürfen nicht weiter beschwichtigen, so wie es die Politik häufig macht“, sagt der Kriminologe. „Die Willkommenskultur ist am Ende.“ Die bisherige „emotionale Politik“ müsse einer klaren Begrenzung der Zuwanderung Platz machen, findet er.

Der Psychologe Roland Neumann von der Uni Trier sieht im Falle der Migration allerdings eher eine gefühlte Bedrohung als eine tatsächliche. „Das geben die Kriminalstatistiken nicht her“, sagt Neumann. Die Angst habe sich von der Realität ein Stück weit abgelöst. Der 50-jährige Amokfahrer habe womöglich ein persönlich erlebtes Gefühl von Ungerechtigkeit auf Sündenböcke projiziert. „Und wir wissen aus der Forschung, dass Sündenböcke austauschbar sind.“ Eigene Probleme werden auf vermeintlich Schuldige geschoben.

Täter ließ sich anstecken

Auch der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick sagt, die schreckliche Tat habe ihn nicht erstaunt. Auch er beobachte, dass sich zunehmend Menschen aus der Mitte der Gesellschaft radikalisierten, die zuvor keinen Bezug zu einer rechtsextremen Ideologie hatten. „Der Essener Täter war mit Sicherheit zuvor im Internet unterwegs und hat sich anstecken lassen von einer Bewegung, die meint, das Land werde überfremdet und die Politik habe die Kontrolle verloren.“ Die Fremdenfeindlichkeit sei nach 2015 weiter gewachsen. Zick: „Es gibt eine wachsende Stimmung in der Bevölkerung, die von nationaler Identität spricht, von Widerstand und von Kontrolle, die man wieder in die eigene Hand nehmen müsse. Diese Selbstermächtigung der Bürger besorgt mich sehr.“ Auch er glaubt daher, dass weitere Taten folgen könnten.

In einem Stopp der Zuwanderung sieht Zick indes keinen Ausweg. „Wir haben einen Rückgang bei der Einwanderung und dennoch nimmt die Radikalisierung zu.“ Die einfache Gleichung, Zuwanderung erzeuge Gewalt führe in die Irre. „Wir haben auch einen Antisemitismus ohne Juden“, sagt Zick. Nötig sei eine Prävention gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit.

Leserkommentare (60) Kommentar schreiben