Medizin

Genitalbeschneidung: Zahl der Beratungen erreicht Rekordhöhe

Eine 19-jährige Patientin kämpft im Krankenhaus mit den schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat. Laut Schätzungen sind in NRW 13.455 Frauen und Mädchen betroffen.

Eine 19-jährige Patientin kämpft im Krankenhaus mit den schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat. Laut Schätzungen sind in NRW 13.455 Frauen und Mädchen betroffen.

Foto: Wolfram Kastl/dpa

Düsseldorf.   Düsseldorfer Fachberatungsstelle geht von 13.455 betroffenen Mädchen und Frauen in NRW aus. Weitere 3700 seien von Genitalbeschneidung bedroht.

Immer mehr Mädchen und Frauen suchen beim Thema Genitalbeschneidung fachlichen Rat. Die einzige Landesfachstelle in Nordrhein-Westfalen ist der Verein „Stop Mutilation“ in Düsseldorf – der Vereinsname bedeutet „Stop Verstümmelung“. Mit 1325 Einzelberatungen sei im vergangenen Jahr ein neuer Höchststand erreicht worden; vor sechs Jahren waren es lediglich 445.

Dies geht aus einer Stellungnahme des Vereins an den Gleichstellungs-Ausschuss des Landtags hervor, der am 3. Juni über das Thema beraten wird. Seit 2013 wurden nach Angaben der Fachstelle 5840 Einzelberatungen durchgeführt, darunter 3813 Frauen und Mädchen.

13.500 betroffene Frauen und Mädchen in NRW

Nach Schätzungen der Frauenrechtorganisation Terre des Femmes leben in Deutschland etwa 65.000 betroffene Frauen und Mädchen, weitere 15.500 seien von einer Genitalbeschneidung bedroht. Für NRW werden 13.455 Betroffene angenommen, knapp 3700 seien bedroht. Exakte Zahlen gebe es nicht.

Die Beratungsstelle besteht seit fast genau zehn Jahren. Sie werde von Ratsuchende aus allen Landesteilen aufgesucht. Oft wendeten sich Betroffene wegen gesundheitlicher Probleme an die Beratungsstelle, häufig seien sie durch Genitalverstümmelung und Flucht traumatisiert.

Beraterinnen besuchen Kindergärten und Schulen

Neben der medizinischen Aufklärung sei auch die kulturelle Beratung wichtig, erklärt „Stop Mutilation“. Frauen hätten oft Angst, ihre Familie und ihre Kultur zu verraten, wenn sie sich gegen eine Beschneidung wehrten, heißt es. Daher sei es auch wichtig, Männer zu beraten und aufzuklären. Sie wüssten meist wenig über die Folgen.

Zum Schutz der Mädchen gehen die Beraterinnen auch in die Familien und klärten die Angehörigen auf. Bei einem Verdacht auf so genannte „Ferienbeschneidungen“, bei denen die Kinder kurzfristig in ihr Heimatland reisen, gehen die Beraterinnen in die Schulen oder Kindergärten und führten Gespräche.

Beratungsstelle kämpft um Fördermittel des Landes

Von Genitalverstümmelungen seien vor allem Mädchen und Frauen aus afrikanischen Ländern betroffen. Oft würden sie ein Leben lang unter den Folgen leiden. Daher sind die Beraterinnen afrikanischer Herkunft und sprechen neben Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch auch mehrere afrikanische Sprachen. Das erleichtere es den ratsuchenden Frauen, Vertrauen herzustellen.

Trotz der gestiegenen Zahl der Beratungsfälle kämpfe „Stop Mutilation“ Jahr für Jahr um ihr Bestehen. Von 2011 bis 2018 habe das Land die Beratungsstelle gefördert. „Im Jahr 2019 haben wir bisher noch keine Förderung vom Land erhalten. Wir brauchen dringend eine Weiterfinanzierung“, appelliert der Verein an die Landesregierung.

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