Gesundheitsversorgung

Klinik-Reform: Krankenhäuser befürchten Kahlschlag in NRW

2017 protestierten die Mendener gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie des St. Vincenz-Krankenhauses Menden. Wird die neue Krankenhausplanung solche Proteste im ganzen Bundesland auslösen?

2017 protestierten die Mendener gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie des St. Vincenz-Krankenhauses Menden. Wird die neue Krankenhausplanung solche Proteste im ganzen Bundesland auslösen?

Foto: Arne Poll / WP

Essen.  Die Sorge: Mehr als 250 Standorte könnten durch eine straffere Krankenhausplanung bedroht sein. Das Gesundheitsministerium widerspricht.

Klinikdirektoren und Krankenhausverbände laufen Sturm gegen die neue Krankenhausplanung in NRW. Die Befürchtung ist, dass drei Viertel aller Standorte an Rhein und Ruhr bedroht sein könnten. Hintergrund ist ein Gutachten zur Analyse der Versorgungssituation in NRW, das derzeit im Auftrag des Gesundheitsministeriums erarbeitet wird.

Für das Gutachten wurde Professor Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin beauftragt. Busse hält 300 bis 400 Kliniken in Deutschland für ausreichend und sieht einen Bedarf von einer Klinik pro 250.000 Einwohner. Das wäre ein Krankenhaus für eine Stadt wie Gelsenkirchen. Wolfgang Mueller, Vorsitzender des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) in NRW, kritisiert diesen rechnerischen Ansatz als „zu schlicht“. Man könne nicht einfach ein Förmchen über NRW legen ohne regionale Besonderheit zu beachten.

Ministerium versteht Sorgen nicht

Maud Beste vom Landesvorstand ergänzt: Man dürfe Patienten und Mitarbeiter zudem nicht durch eine „unnötige Strukturbereinigungs-Diskussion“ verunsichern. Der VKD stellt sich damit hinter ein jüngst vorgestelltes Grundsatzpapier der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) zur Krankenhausplanung. „Die Wahlfreiheit des Krankenhauses für die Bürger muss auch zukünftig gegeben sein“, forderte KGNW-Präsident Jochen Brink. Es dürften keine Kapazitäten kurzfristig abgebaut werden, die zukünftig wieder gebraucht würden.

Das Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, man könne die Befürchtungen der Klinikvertreter nicht nachvollziehen. Im Punkt, keine bedarfsnotwendigen Strukturen abzubauen, sei man auf einer Linie mit der KGNW. Aber: „Gerade in Anbetracht begrenzter finanzieller Ressourcen und des Fachkräftemangels sind ressourcenschonende Strukturen notwendig“, so eine Ministeriumssprecherin. Deswegen seien „Zentralisierung und Spezialisierung“ in der Krankenhauslandschaft nötig.

Die Sorge: kleine Krankenhäuser sind bedroht

Der VKD befürchtet allerdings, dass man kleinen Krankenhäusern durch diese Strategie die Grundlage entzieht. „Aktuell können viele kleine Krankenhäuser noch wirtschaftlich gut arbeiten, weil sie einerseits die Versorgung vor Ort sicherstellen, sich aber an anderer Stelle spezialisiert haben“, so Wolfgang Mueller. „Wenn sich nur noch der spezialisieren darf, der eine bestimmte Größe hat, nimmt man kleinen Häusern ihre Möglichkeiten.“

Wissenschaftler Reinhard Busse zeigte sich verwundert über die Kritik an dem Gutachten, das überhaupt noch gar nicht vorgelegt wurde und erst im Laufe des Sommers vorgestellt werden soll. „Wir haben uns die Entwicklung jedes Krankenhauses in NRW über mehrere hundert Seiten ganz genau angesehen“, sagt Busse auf Anfrage dieser Redaktion. „Es ist eine detaillierte Analyse, die zeigt, wo in NRW welche Leistung gebraucht wird.“ Ein vergleichbares Gutachten für Niedersachsen und Bayern habe er, anders als von dem Verband der Krankenhausdirektoren behauptet, nie verfasst.

Experte: Keine Massenschließungen

Dass das Gesundheitsministerium Busses Gutachten zum Anlass nehmen wird, um eine Massenschließung von Krankenhäusern in NRW in Gang zu setzten, hält Gesundheitsexperte Boris Augurzky vom Essener RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung für unrealistisch. „Es wird künftig eher Richtung Detailplanung gehen“, also darum, ob man eine Abteilung von einem Krankenhaus in ein anderes verlagern könne.

Gleichzeitig, so Augurzky, gehe die Zentralisierung in der Krankenhauslandschaft in NRW aktuell ohnehin voran – auch ohne neue Krankenhausplanung. Als Beispiel nannte er die radikalen Umbrüche im Essener-Norden. Dort soll ein großes Krankenhaus entstehen, zwei andere Krankenhäuser in der Umgebung sollen zu „ambulanten Versorgungszentren“ umgebaut werden und keine Betten mehr anbieten.

865 Millionen für Krankenhäuser

Der VKD wirft der Landesregierung auch vor, seinen Investitionsverpflichtungen seit Jahren nicht nachzukommen. Das Ministerium sieht hier vor allem ein Versäumnis der alten rot-grünen Landesregierung. 2020 seien insgesamt 865 Millionen Euro für die Verbesserung der Strukturen in der Krankenhausversorgung vorgesehen, so eine Sprecherin.

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