Gesundheitswesen

Kliniken in NRW beklagen Überprüfungswahn der Kassen

Lange nachdem der Patient aus einer Klinik entlassen wird, streiten Kassen und Krankenhaus über die Abrechnungen.

Lange nachdem der Patient aus einer Klinik entlassen wird, streiten Kassen und Krankenhaus über die Abrechnungen.

Foto: Oliver Berg/dpa

Essen.   Zwischen Krankenkassen und Kliniken in NRW wächst das Misstrauen. Immer häufiger werden Abrechnungen überprüft, Kliniken zahlen Millionen zurück.

Zwischen den Krankenhäusern und Krankenkassen in NRW spitzt sich ein bizarrer Abrechnungsstreit zu. Kliniken beklagen einen zunehmenden Überprüfungswahn bei den Versicherungen, die immer häufiger Krankenhausrechnungen anzweifelten und Gutachter einschalten. Das binde in Zeiten des Fachkräftemangels in den Kliniken nicht nur immer mehr Personal. Einzelne Häuser kommen in eine finanzielle Schieflage, warnte Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW.

„Wir haben mit Rechnungsprüfungen grundsätzlich überhaupt kein Problem. Wenn ein Handwerker einen Auftrag ausführt, überprüft man auch die Rechnung“, sagte Brink. Vielfach sei aber nicht nachvollziehbar, warum Kassen längst erbrachte Leistungen anzweifeln und kürzen. Er mahnte, Kliniken und ihrer Mitarbeiter würden unter Generalverdacht gestellt. „So dreht sich die Spirale des Misstrauens seit Jahren immer weiter.“

Über eine halbe Million Abrechnungen in NRW geprüft

Im Auftrag der Krankenkassen haben die beiden sogenannten Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen (MDK) in NRW im Auftrag der Krankenkassen 2018 über 530.000 Klinikrechnungen überprüft - bei 4,5 Millionen Behandlungsfällen im Jahr ein Rekordwert. 2016 waren es noch 175.000 geprüfte Rechnungen weniger. Mehr als jede zweite Abrechnung wurde beanstandet, schätzungsweise über eine halbe Milliarde Euro haben die Kassen den Kliniken gekürzt.

Dabei geht es nicht um manipulierte Rechnungen. Gestritten wird oft Monate nach der eigentlichen Behandlung eines Patienten über Dauer oder Notwendigkeit eines stationären Aufenthalts sowie abgerechnete Diagnosen. Brink unterstreicht, dass Krankenhäuser kleine Kürzungen hinnehmen, weil sie den hohen personellen und bürokratischen Aufwand scheuen. Aus Kliniken im Ruhrgebiet wird aber die Kritik laut, dass die unter hohem Wettbewerbsdruck stehenden Kassen gezielt Fälle nach Sparpotenzialen durchsuchten, um so ihre Ausgaben zu verringern.

Kassen: Kliniken optimieren Rechnungen

Dagegen wehren sich die Versicherungen. „Wir sind gesetzlich verpflichtet, Rechnungen zu prüfen“, sagte Dirk Ruiss, Leiter des Verbandes der Ersatzkassen in NRW. Die Kassen müssten mit dem Geld der Versicherten sorgfältig umgehen. Er fordert, der Gesetzgeber müsste fehlerhafte Abrechnungen auch bestrafen. „Wir brauchen einen Anreiz für korrektes Abrechnen bei den Krankenhäusern.“

Ein Sprecher der AOK Rheinland/Hamburg nennt als Hauptgrund für die gestiegene Zahl an Prüfungen den Wettbewerb zwischen den Kliniken. „Die massiven Überkapazitäten im stationären Bereich führen dazu, dass die Krankenhäuser einen oft sehr großen Personalaufwand betreiben und sogar externe Beraterfirmen einschalten, um Rechnungen in Bezug auf die Höhe der Erlöse zu optimieren“, sagte ein Sprecher. In Regionen mit bedarfsgerechteren Krankenhausstrukturen wie etwa den neuen Bundesländern seien die Prüfaktivitäten geringer.

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