Analyse

Kriminalitätsstatistik: Ist die Lage so gut wie die Zahlen?

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat am Mittwoch eine Kriminalitätsstatistik 2018 vorgelegt, die er sich am liebsten „einrahmen“ wollte.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat am Mittwoch eine Kriminalitätsstatistik 2018 vorgelegt, die er sich am liebsten „einrahmen“ wollte.

Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf   Sicherer als heute war es an Rhein und Ruhr statistisch seit fast 30 Jahren nicht mehr. Doch ein genauerer Blick auf das Zahlenwerk lohnt sich.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) würde sich die Kriminalitätsstatistik 2018 am liebsten „einrahmen und übers Bett hängen“. Die Zahl der Straftaten auf dem niedrigsten Stand seit 1991, die Aufklärungsquote mit 53,7 Prozent so hoch wie nie. Und weniger Wohnungseinbrüche gab es zuletzt 1981. Diebstahl, Gewalt- und Straßenkriminalität – alles rückläufig. Doch was sind die Zahlen wert? Eine Analyse.

Ist NRW wirklich so sicher wie seit Jahrzehnten nicht mehr?

Jahresvergleiche in der Kriminalitätsstatistik sind umstritten, da sich die Kriterien zur Erfassung von Straftaten ebenso ändern wie der Rechtsrahmen oder die Anzeigebereitschaft der Bürger. Außerdem bleibt das Dunkelfeld unberücksichtigt, also alle nicht angezeigten oder nicht erfassten Straftaten. Doch Experten sind einig, dass die Kriminalstatistik immerhin ein Indikator für die tatsächliche Sicherheitslage ist.

Was ist die höchste Aufklärungsquote der NRW-Geschichte wert?

Statistisch als aufgeklärt gilt eine Straftat bei der Polizei bereits, wenn ein Fall einem Tatverdächtigen zugeordnet werden kann. Ob der Verdächtige am Ende wirklich angeklagt oder verurteilt wird, steht auf einem anderen Blatt. Immer wieder wettern Richter darüber, dass manche Polizeidienststelle eher nach Gutdünken mehrere Wohnungseinbrüche in einer Straße einem einzelnen Tatverdächtigen zuordne, um die Statistik zu schönen. Grundsätzlich gibt die Aufklärungsquote natürlich Hinweise, wie häufig ein Verdächtiger zumindest mit hinreichendem Tatverdacht ermittelt werden konnte.

Gibt es in NRW einen „Reul-Effekt“?

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung setzt auf eine „Null Toleranz-Linie“. Innenminister Reul hat die Polizei massiv mit mehr Personal, besserer Ausrüstung und erweiterten Befugnissen gestärkt. Die Präsenz im Straßenbild, Großrazzien und Schwerpunktkontrollen haben zugenommen. Auch die neue Prognose-Software „Skala“ zur besseren Vorhersage von Wohnungseinbrüchen zeigt Wirkung. Doch zur Wahrheit gehört: Vor allem die Schließung der Balkan-Route erschwert reisenden Banden das Geschäft. Und auch die lange verlachten Präventionsprogramme von Reuls umstrittenem Vorgänger Ralf Jäger (SPD) wirken.

Sind Ausländer krimineller als Deutsche?

Auf den ersten Blick spricht die Statistik eine eindeutige Sprache: Etwa ein Drittel der rund 440.000 Tatverdächtigen in NRW ist nicht-deutscher Herkunft, obwohl der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung nur 12,8 Prozent beträgt. Tendenz: steigend. Allerdings sind Zuwanderer überproportional häufig männlich, jünger und ärmer als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Würde man eine entsprechende deutsche Gruppe zusammenstellen, wäre sie statistisch nicht weniger kriminell. Hinzu kommt, dass nicht nur hier lebende NRW-Bürger erfasst werden, sondern auch Menschenhändler, Autoschieber oder Touristen.

Warum gibt es so viele Sexualstraftaten in NRW?

Die Zahl der Sexualstraftaten ist tatsächlich seit 2015 stark angestiegen. Ein Grund dürfte die veränderte Rechtslage sein. In der „Nein heißt Nein“-Debatte wurden einige neue Tatbestände eingeführt. Die öffentliche Präsenz des Themas dürfte zudem die Anzeigebereitschaft erhöht haben. Im Bereich des Kindesmissbrauchs könnte der erhöhte Verfolgungsdruck die Fallzahlen nach oben gedrückt haben, auch wenn die Polizei selbst davon ausgeht, nur an der Spitze des Eisbergs zu ermitteln.

Klaffen Sicherheitslage und gefühlte Sicherheit weiter auseinander?

Forscher sind sicher: Die Bürger haben heute mehr Angst, obwohl sie weniger Grund dazu hätten. Ein Problem: Spätestens seit der Kölner Silvesternacht würden Flüchtlinge vor allem in sozialen Netzwerken und Teilen der Medien zu „Angstfiguren“ gemacht. Die Zahl der Fernsehberichte über kriminelle Ausländer habe sich seit 2014 vervierfacht. Schwere Straftaten würden heute durch das Internet viel schneller und breiter diskutiert, seien mit Halbwahrheiten angereichert, insgesamt präsenter - und machten im Ergebnis Angst.

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