Studieren

Leistungsdruck: Viele Studenten in NRW sind psychisch krank

Volle Hörsäle und hohe Leistungsanforderungen: Der Druck auf Studenten, einen guten Abschluss zu machen ist gestiegen.

Volle Hörsäle und hohe Leistungsanforderungen: Der Druck auf Studenten, einen guten Abschluss zu machen ist gestiegen.

Foto: Waltraud Grubitzsch

Essen.   Wenn das Studium zum „Horror“ wird: Zwei Drittel der Studenten in NRW brauchen Unterstützung. Viele kämpfen mit Ängsten und Depressionen.

Sophie* ist verzweifelt. Die 21-Jährige, die lieber anonym bleiben möchte, hat bereits ein Studium abgebrochen, weil ihr das Fach absolut nicht lag. Nach einem Praktikum nahm sie voller Motivation einen neuen Anlauf. Doch schnell war sie mit den naturwissenschaftlichen Veranstaltungen überfordert, fiel bei zwei Prüfungen durch. In einem Forum erzählt sie, dass sie sich einfach nicht richtig konzentrieren kann: „Ich habe kaum Motivation, denke mit Schrecken daran, dass es die nächsten Jahre mit der ganzen Lernerei so weitergehen wird. Das Studium ist der absolute Horror für mich.“

Eine Situation, die viele der gut 750.000 Studierenden in Nordrhein-Westfalen kennen. Anja Laroche berät Studenten an den Campi in Duisburg und Essen und beobachtet, dass der Druck auf die meist jungen Studienanfänger immer größer wird: „Schon ab dem ersten Semester sind Prüfungsergebnisse wichtig, denn für die Zulassung zum Masterstudium muss in der Regel ein Schnitt von 2,5 oder besser erreicht werden.“ Gerade an den Ruhrgebiets-Unis gebe es zudem viele Bildungsaufsteiger, die ihr Studium komplett oder zum Teil selbst finanzieren müssten. „Das alles unter einen Hut zu bekommen, kann einen überfordern.“

Deshalb suchen sich viele Hilfe. Fast zwei Drittel der Studenten hat Beratungsbedarf wie die Studierendenwerke NRW berichteten. Seit der Einführung des Bachelor-Master-Systems sei diese Zahl deutlich angestiegen. Deutschlandweit nahm die Zahl der psychologischen Beratungen seit 2006 um 60 Prozent zu. Die Unis in NRW, die bis auf wenige Ausnahmen selbst Angebote organisieren, scheinen diesem Bedarf kaum gewachsen zu sein.

Betroffene warten acht Wochen auf einen Termin

Psychologe Sven Rüter betreibt eine eigene Praxis in Bochum und bietet Sprechstunden an der Universität Duisburg-Essen an. Rund 800 Beratungstermine zählt die Uni pro Jahr, die meisten Betroffenen kommen zwei bis drei mal. Wegen des großen Andrangs müssen Hilfesuchende inzwischen bis zu acht Wochen auf einen Termin warten. „Der Bedarf steigt, aber wir haben nur eine begrenzte Kapazität“, erklärt Rüter. 1,5 Stellen entfallen in Duisburg und Essen auf die Berater.

Die Hochschule Ruhr West ist gerade dabei, ihr Beratungsangebot auszubauen. Bisher war das Studierendenwerk Essen Duisburg, das auch mit der Universität zusammenarbeitet, Ansprechpartner für Ratsuchende. Ab dem Frühsommer soll es eigene Berater an den Campi in Mülheim und Bottrop geben, die Studierende bei der Krisenbewältigung unterstützen.

„Depressionen und Ängste sind verbreitet“

Denn immer Studenten fühlen sich wie Sophie* den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen. Einige müssen sich außerdem mit Nebenjobs selbst finanzieren. „Depressionen und Ängste sind verbreitet. Manche machen ein Semester lang gar nichts, aus Angst, durch die Prüfungen zu fallen“, sagt Rüter. Angaben der Krankenkasse Barmer zufolge leidet jeder sechste Student sogar unter ernstzunehmenden psychischen Erkrankungen. Laut DSW sind 17 Prozent aller Studenten zumindest zeitweise von einer psychischen Störung betroffen, fünf Prozent leiden unter Depressionen.

Eine der Folgen: Jeder fünfte Student hat laut einer Befragung des Deutschen Studentenwerks (DSW) bereits darüber nachgedacht, das Studium abzubrechen. Bei einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) mit 6000 Studienabbrechern nannten 30 Prozent der Befragten Leistungsprobleme als ausschlaggebenden Grund für den Abbruch, 17 Prozent mangelnde Motivation und elf Prozent hatten mit Geldnot zu kämpfen.

Zwischen Aktionismus und Prokrastination

Die Berater sehen aber noch einen Trend: Die Bereitschaft, sich helfen zu lassen, sei gestiegen. Rüter ermutigt Ratsuchende deshalb: „Gerade im Bereich der Ängste kann man total viel erreichen.“ Einige Studenten würden aus Sorge, eine Prüfung nicht zu bestehen, sogar zu viel lernen. Andere verfielen wie Sophie* in Lethargie, versuchten sich von ihren Problemen abzulenken. Der Experte spricht von Prokrastination oder „Aufschieberitis“. In beiden Fällen könne es helfen, offen mit der Angst umzugehen. Auch, damit das Studium nicht weiter zum Horror wird.

>>> Studierendenwerke und Unis bieten Beratungen an

In NRW haben die meisten Unis eigene Beratungsangebote. Dazu gehört nicht nur die psychologische Beratung. In der allgemeinen Studienberatung finden Hilfesuchende Unterstützung bei Fragen rund um die Organisation des Studiums.

In Köln, Bonn und an der Universität Duisburg-Essen bietet das Studierendenwerk NRW zusätzlich Beratungen an. Insgesamt zählten die Stellen etwa 10.000 Beratungskontakte pro Jahr.

Leserkommentare (35) Kommentar schreiben