Geburtshilfe

NRW-Hebammen: Corona-Krise verschärft den Mangel weiter

Besonders Familien, die ihr erstes Kind bekommen, brauchen häufig eine Hebamme, bei der sie sich rückversichern können.

Besonders Familien, die ihr erstes Kind bekommen, brauchen häufig eine Hebamme, bei der sie sich rückversichern können.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Essen  Freie Hebammen beklagen die mangelnde Ausstattung mit Schutzkleidung, einige machen darum weniger Hausbesuche. Viele haben finanzielle Einbußen.

Der ohnehin schon vorhandene Hebammenmangel könnte sich in der Corona-Krise weiter verschärfen. Davor warnt der Landesverband der Hebammen NRW. Grund sei die mangelnde Ausstattung freiberuflicher Hebammen mit Schutzmaterial. „Weil wir weder zu medizinischem oder pflegendem Personal noch zu den Heilmittelerbringern gehören, fallen wir durchs Raster“, sagte die Verbandsvorsitzende Barbara Blomeier dieser Redaktion.

In NRW gibt es bisher keine verbindliche Regelung, nach der freien Hebammen Schutzmaterial zur Verfügung gestellt werden muss. „Einige Gesundheitsämter tun es trotzdem, aber das ist die Ausnahme“, so Blomeier. Vor allem Hebammen aus Risikogruppen führen deshalb die Zahl ihrer Hausbesuche massiv herunter und zögen sich aus der Betreuung zurück – in einer Situation, in der es ohnehin schon zu wenige Hebammen gibt.

Hebammen bieten Betreuung per Videotelefonie an

Dabei sei vor allem auch im Wochenbett die Betreuung durch eine Hebamme sehr wichtig, sagt Nicola Bauer, Professorin und Leiterin des Studienbereichs Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum: „Die Situation ist für frischgebackene Mütter neu, manchmal auch beängstigend. Besonders Familien, die ihr erstes Kind bekommen haben, brauchen häufig jemanden, bei dem sie sich rückversichern können und der sie durch diese aufregende Zeit lotst“, betont Bauer.

Seit Ende März können Hebammen Schwangere und Wöchnerinnen auch per Videotelefonie betreuen und ihre Leistungen entsprechend bei den Krankenkassen abrechnen. „Das hilft vielen Frauen, die ansonsten gar keine Hebamme hätten“, sagt Barbara Blomeier. Nicola Bauer weist allerdings darauf hin, dass dafür erst einmal technische Voraussetzungen wie ein funktionierender Internetzugang vorhanden sein müssen – in ländlichen Gegenden keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Befragung ergab: Ein Großteil der Hebammen hat Einbußen von 50 Prozent oder mehr

Auch daraus resultieren große finanzielle Schwierigkeiten bei den freien Hebammen. Eine Mitgliederbefragung des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) ergab jüngst, dass ein Großteil der Hebammen aktuell 50 Prozent oder mehr finanzielle Einbußen hat. „Einige Frauen wollen keine Hausbesuche mehr, weil sie Angst haben, sich mit dem Coronavirus zu infizieren“, sagt Blomeier.

Außerdem konnten Hebammen in der Krise lange keine Kurse, etwa zur Geburtsvorbereitung oder Rückbildung, vor Ort anbieten. Zwar ließen sich einige Angebote ebenfalls ins Internet verlagern, Bauer gibt jedoch zu bedenken: „Viele Hebammen konnten sich technisch gar nicht so schnell umstellen.“

Verband sieht Hebammenpraxen in ihrer Existenz bedroht

Aus Blomeiers Sicht hat zumindest die Beantragung der Corona-Soforthilfe des Landes für freie Hebammen gut funktioniert. Sie gelten als Kleinunternehmer. Allerdings kritisiert die Verbandsvorsitzende, dass freiberufliche Hebammen im Rettungsschirm des Bundesgesundheitsministeriums für Berufe im Gesundheitsbereich nicht bedacht worden sind.

Blomeier sieht in der Folge besonders Hebammenpraxen, die in ihren Räumlichkeiten Kurse anbieten und Miete zahlen müssen, in ihrer Existenz bedroht: „Das wird langfristig ein massives Problem.“ Ende März hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Hilfen für Krankenhäuser, Ärzte und Pfleger auf den Weg gebracht, seit Anfang Mai gibt es auch für Heilmittelerbringer, Zahnärzte und Reha-Einrichtungen finanzielle Unterstützung.

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