Haus der Geschichte

NRW-Museum für Kunst, Kohle und Karneval nimmt Gestalt an

Ein Fall fürs Museum: In Bochum liefen Kultautos wie Kadett, Manta und GT vom Band. Das Werk war der größte Arbeitgeber der Stadt. Heute entstehen hier moderne Forschungseinrichtungen.

Ein Fall fürs Museum: In Bochum liefen Kultautos wie Kadett, Manta und GT vom Band. Das Werk war der größte Arbeitgeber der Stadt. Heute entstehen hier moderne Forschungseinrichtungen.

Foto: Stadt Bochum

Essen/Düsseldorf.   Das Projekt eines Museums für die Geschichte des Landes NRW nimmt plötzlich Fahrt auf. Prof. Goch erklärt uns, was es zu dort sehen geben wird.

Schon seit Jahrzehnten gibt es diese Idee: Die Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen soll ein Haus erhalten, ein Museum Mitten in der Landeshauptstadt. Pläne gab es viele, doch jetzt nimmt das Projekt plötzlich Fahrt auf. Schließlich hat NRW jede Menge Museumsreifes zu bieten: Kunst und Kohle, Wirtschaft und Bildung, Kölsch und Karneval, Fußball und Medien, Opel, Ford und Krupp, Pott und Punk. Die Landesregierung hat das Vorhaben im Koalitionsvertrag verankert, Geld ist vorhanden. Aber wie gießt man dies alles in ein Geschichtsmuseum?

Der Bochumer Historiker und Sozialwissenschaftler Stefan Goch ist stellvertretender Planungsleiter für das Haus der Geschichte, an dem bereits knapp 20 Mitarbeiter arbeiten. Es gehe um mehr als um Heimat und Identität, erklärt Goch. „Wir wollen mit der Ausstellung den Menschen zeigen, dass sie Geschichte mitgestalten können, dass sie etwas verändern können. Wir zeigen den Wandel in Politik und Leben in den vergangenen Jahrzehnten.“ Geschichte, so wie Goch sie versteht, liegt in den Händen der Menschen und der Politik. Das Haus werde zeigen, wie und warum NRW geworden ist, was es heute ist.

Goch skizziert einen ehrgeizigen Zeitplan: Bereits Anfang kommenden Jahres soll eine kleine Wanderausstellung durch sämtliche Städte des Landes touren, um auf das Vorhaben aufmerksam zu machen. Diese Schau werde derzeit bereits intensiv vorbereitet.

„Wir wollen die Bevölkerung einbeziehen, ihre Reaktionen erfahren – und vielleicht erhalten wir dadurch auch das eine oder andere Exponat“, hofft der Forscher. Das könne ein Super-8-Film vom ersten Besuch des Hermannsdenkmals im Teutoburger Wald sein, vom 70. Geburtstag der Oma, alte Fotos vom Baden im Kanal oder ein Opel-Manta mit Fuchsschwanz, lächelt Goch. Geschichte zum Anfassen eben.

Teileröffnung zum 75. Geburtstag des Landes 2021

Die nächste Etappe ist eine Ausstellung zur NRW-Geschichte zum 75. Geburtstag des Landes im August 2021. Vorgesehen ist, dass sie auf einer der vier Etagen des sogenannten Behrensbaus am Düsseldorfer Rheinufer zu sehen sein wird. Das Gebäude ist eng mit der Landesgeschichte verknüpft und bietet den entscheidenden Vorteil, dass kein kostspieliger Neubau erforderlich wäre.

Die britische Militärregierung hatte hier 1945 ihren Sitz. Und die ersten Ministerpräsidenten residierten von 1946 bis 1953 in dem repräsentativen Bau, der ursprünglich 1911 nach den Plänen des Architekten Peter Behrens für die Mannesmann-Röhren AG errichtet wurde. Als Mannesmann zu Vodafone wurde, gelangte das Haus 2012 schließlich in den Besitz des Landes.

Zum 75. Jahrestag der Landesgründung soll auf 1000 Quadratmetern die Geschichtsschau zu sehen sein, bis spätestens zum 80. NRW-Geburtstag werden die kompletten 4000 Quadratmeter des Baus im Jahr 2026 mit einer Dauerausstellung gefüllt sein. Das geplante Museum soll Geschichte anschaulich vermitteln, forschen und auch mit historischen Irrtümern aufräumen. So sei die Gründung des Bundeslandes durch die Briten 1946 keine beliebige Zwangsverheiratung von Rheinland und Westfalen gewesen. „Man wollte der Sowjetunion und Frankreich den Zugriff auf das Ruhrgebiet verwehren“, erklärt Goch. Da sich das Revier nicht selbst versorgen konnte, erschien es logisch, die Industrieregion mit ländliche Gebieten zu verbinden, um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern.

Vom Hungerwinter bis zum Krupp-Arbeitskampf

Inhaltlich orientiert sich das Museum an den politischen Leitplanken der Landesgeschichte, wobei das Ruhrgebiet einen zentralen Raum einnehmen werde. Stichworte sind Strukturwandel, Kohle, Stahl und Textilindustrie, Migration und Flucht, Schulpolitik und Hochschulgründungen. Anhand einzelner Exponate will Goch ganze Geschichten erzählen. Von Hungerwintern und Wohnungsnot, der Debatte über die Wiederbewaffnung, der Ölkrise bis zum Arbeitskampf in Rheinhausen. Wird das eine Auflistung von sich ablösenden Krisen, Prof. Goch? „Nein, des Wandels.“

Ein klassisches Heimatmuseum soll es also nicht werden. Aber mit Identität habe das schon viel zu tun. Eine Stärkung des Wir-Gefühls zwischen Aachen und Paderborn wäre nicht unbeabsichtigt. „Das Land ist zusammengewachsen“, findet der Historiker. „Wir haben mehr Gemeinsames als Trennendes.“ Schließlich habe er als eingefleischter Westfale auch die Düsseldorfer Weiberfastnacht überstanden.

>>>>Zur Person: Prof. Stefan Goch

Stefan Goch ist Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum. Bis Ende 2018 leitete er das Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen. „Mir kam es immer darauf an, die Geschichte der kleinen Leute zu erforschen“, sagte er.

Als stellvertretender Leiter der Planungsgruppe „Geschichte, Politik und Demokratie Nordrhein-Westfalens“ soll er in Düsseldorf ein Museum aufbauen. Er habe diese anspruchsvolle Aufgabe auch deshalb übernommen, weil das Parlament mit breiter Mehrheit hinter dem Projekt stehe und es nicht ein Schaufenster für die Landesregierung werden soll.

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