Online-Petition

Warum viele Eltern die Einschulung von Fünfjährigen ablehnen

Für manche Eltern kommt die Einschulung ihrer Kinder zu früh: Sie fordern, den geltenden Stichtag in NRW vom 30. September auf den 30. Juni zu verlegen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Für manche Eltern kommt die Einschulung ihrer Kinder zu früh: Sie fordern, den geltenden Stichtag in NRW vom 30. September auf den 30. Juni zu verlegen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Düsseldorf.   Eine Mutter aus Essen hat eine Petition gestartet: Sie fordert einen Wechsel des Stichtags zur Einschulung. Land sieht dazu keine Notwendigkeit.

Ist es in Ordnung, dass in NRW oft schon Fünfjährige schulpflichtig werden? Seit etwa zehn Jahren ist der Stichtag für die Schulpflicht der 30. September. Gegner dieser Regel warnen: Auf diese Weise kommen viele Mädchen und Jungen in die 1. Grundschulklasse, die noch nicht reif sind für den Schulbesuch. Offenbar trifft diese Warnung einen Nerv. Einer Online-Petition der Essenerin Sylvia Montanino (41) folgten in wenigen Tagen mehr als 20.000 Bürger.

Montanino, Mutter einer dreijährigen Tochter, sagt: „Das Stichtagsdatum muss auf den 30. Juni vorgezogen werden. Eltern von Kindern, die im Juli, August oder September sechs Jahre alt werden, sollten selbst entscheiden können, ob ihr Kind in die erste Klasse kommt oder noch im Kindergarten bleibt.“ Viele Lehrer und auch Mediziner sehen das genauso.

Pädagogin unterstützt die Petition

Nadine Röser ist Mutter und Lehrerin an einem Velberter Gymnasium. Sie erlebt häufig, dass Eltern am Ende des fünften Schuljahrs ihr Kind wieder zurückstufen lassen wollen. „Meistens sind die Kinder schlicht und ergreifend unglücklich“, erzählt sie. „In Kindheit und Pubertät macht ein Jahr einen großen Unterschied aus. Die jüngeren Kinder spielen dann noch mit Puppen, während die Älteren sich schon für ganz andere Dinge interessieren.“

Dies wirke sich dann auch auf die Akzeptanz des Kindes im Klassenverband und gegebenenfalls sogar auf die schulischen Leistungen aus. Röser erhofft sich von der Petition aber mehr als nur eine Änderung des Stichtags. Sie fordert ein größeres Mitspracherecht der Eltern: „Wir dürfen nicht vergessen, dass verantwortungsbewusste Eltern ihr Kind am besten kennen. Im Extremfall entscheidet ein einzelner Tag über die Zukunft des Kindes, ohne dass die Eltern sich dazu äußern können.“

Schulministerium sieht keinen Anlass zu Änderungen

Kinderarzt Dr. Frank Johne erzählt, dass er und viele seiner Kollegen eine Vorverlegung des Stichtags durchaus begrüßen würden: „Viele Kinder weisen Defizite in der persönlichen Reife auf, teils auch massiv in der Sprache. Sie könnten die Zeit gut gebrauchen, ihre Fähigkeiten auszubauen.“ Die Entwicklungssprünge in so jungen Jahren seien ebenfalls nicht zu unterschätzen, betont der Arzt. Nicht immer sei wegen einer nicht ausgebildeten Fähigkeit eine Förderung notwendig. „Doch die Tendenz unserer Gesellschaft ist, immer früher Leistungen abrufen zu müssen. Das ist nicht für jedes Kind der ideale Weg.“

Das NRW-Schulministerium lässt sich durch diese Einwände allerdings nicht beeindrucken. Es habe schon eine „Präzisierung“ der strengen Regeln durch Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) gegeben. Kinder könnten „aus erheblichen gesundheitlichen Gründen“ für ein Jahr zurückgestellt werden. Die Schulleitungen entscheiden jetzt nicht nur auf der Grundlage eines schulärztlichen Gutachtens, sondern können auch fachärztliche Argumente, die die Eltern einbringen, berücksichtigen. Weitere Veränderungen werde es nicht geben, stellt das Ministerium klar.

Gewerkschaften zeigen Sympathie

Die großen Bildungsgewerkschaften beobachten die Online-Petition durchaus mit Sympathie. „Wir waren schon 2010, als Rot-Grün in NRW antrat, dafür, den Stichtag wieder auf den 30. Juni zurückzudrehen“, sagte Dorothea Schäfer, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dieser Redaktion. Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Stefan Behlau, findet Stichtage problematisch, weil sie nicht immer die individuelle Situation des Kindes berücksichtigten. Die Entscheidung über eine Einschulung sollte von Eltern, Schulleitungen und Schulärzten gemeinsam getroffen werden.

Neben NRW gibt es nur in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg einen Einschulungsstichtag 30. September. In Bayern hat eine Petition gerade dazu geführt, dass sich der Landtag mit dieser Frage beschäftigt, in Niedersachsen wurde der Stichtag nach einer Petition auf den 30. Juni vorverlegt. Sylvia Montanino hofft nun, dass sich auch die NRW-Landespolitik am Ende doch von dem Protest beeindrucken lässt, den sie angestoßen hat.

>>> „Kind im Mittelpunkt“

Die Landtags-Fraktionen tun sich schwer mit dem Thema. Die CDU konnte am Dienstag keinen Standpunkt formulieren. Sigrid Beer (Grüne) sagte: „ Die Stichtagsregelung kann nicht jedem Kind gerecht werden, deshalb würde auch eine Verschiebung das Problem nicht lösen.“


Jochen Ott (SPD) sagte, die Kinder müssten bei der Regelung im Mittelpunkt stehen.

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