„Ruhrgebiet, wir müssen reden!“

Schulministerin Feller: So gehen wir den Lehrermangel an

| Lesedauer: 5 Minuten
Ruhrgebiet, wir müssen Reden! Mit Ministerin Dorothee Feller

Ruhrgebiet, wir müssen Reden! - im Gespräch mit Dorothee Feller

WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock spricht mit NRW-Schulministerin Dorothee Feller über Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Bildungsgerechtigkeit.

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Essen.  Lehrermangel, Gewalt an Schulen, Corona-Pandemie: CDU-Ministerin stellte sich im WAZ-Videotalk „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“ vielen Fragen.

Das Thema Schule brennt den Leserinnen und Lesern der WAZ offenbar unter den Nägeln. Noch nie erreichten die Redaktion so viele Fragen zum WAZ-Videotalk unter dem Motto „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“ mit Chefredakteur Andreas Tyrock wie vor dem Besuch von NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU).

Mit Problemen wie Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Bildungsgerechtigkeit, Corona-Pandemie, schlechten Bildungsergebnissen und Gewalt an Schulen ist die 56-jährige Politikerin als Leiterin des vermutlich schwierigsten Ressorts der Landesregierung besonders gefordert. Im Videotalk stellte sie sich den Fragen der Leser und des Chefredakteurs.

Zum Lehrermangel

„Ja, wir stehen vor großen Herausforderungen“, betonte die Ministerin. Neben der Digitalisierung und der Schulfinanzierung werde sie vor allem den eklatanten Lehrermangel entschieden angehen. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder.“ Erst am Donnerstag musste sie bekanntgeben, dass aktuell gut 8000 Stellen an Schulen in NRW nicht besetzt sind. Daher habe sie bereits in den Sommerferien einer Arbeitsgruppe den Auftrag gegeben, die wirksame Maßnahmen für eine bessere Unterrichtsversorgung entwickelt habe. „Die Ergebnisse liegen jetzt vor“, so Feller. Am 14. Dezember werde sie das daraus entstandene Handlungskonzept dem Landtag vorlegen und der Öffentlichkeit vorstellen. „Langfristig wollen wir mehr Studienplätze im Grundschulbereich schaffen“, kündigte die Ministerin an. Dafür sei bereits Geld eingeplant.

Zu Seiteneinsteigern

Schneller wirksam sei es, die Zahl der Seiteneinsteiger zu erhöhen. „Diese Kräfte sind eine gute Ergänzung und hier wollen wir mehr Möglichkeiten schaffen“, antwortete die Ministerin auf Fragen der Leser. Dies sei auch Bestandteil des angekündigten Maßnahmenpakets. „Klar ist: Ohne Seiteneinsteiger wird es nicht gehen.“ Dazu gehöre auch die Überlegung, diese Tätigkeit im Zuge der Anhebung der Lehrerbesoldung auf A13 ebenfalls attraktiver zu machen. Feller: „Wir haben das auf dem Schirm.“ Auch die Qualifizierungsangebote für diese Kräfte sollen verbessert werden, um sie auch während ihrer Lehrtätigkeit zu begleiten und zu beraten.

Zu den Schülerleistungen

Die jüngste IQB-Bildungsstudie zeigte, dass Grundschüler in NRW erhebliche Probleme in den Kernfächern Mathematik und Deutsch aufweisen. „Das ist ein deutliches Alarmsignal für uns“, räumte die Ministerin ein. Bei den Erhebungen 2011, 2016 und zuletzt 2021 habe NRW zum dritten Mal in Folge schlecht abgeschnitten. Die Lernlücken setzten sich in der weiteren Schulkarriere fort. „Wir müssen die Kompetenzen stärken und dafür schon vor der Grundschule anfangen.“ Lernstanderhebungen schon bei den Schuleingangsuntersuchungen könnten den Bildungsstand der Kinder früh sichtbar machen, um sie anschließend individuell besser fördern zu können. „Wir müssen hier wirklich handeln“, sagte Feller. In der Frage nach Bildungsstandards in Kitas sei sie im Austausch mit dem zuständigen Familienministerium.

Zur Corona-Pandemie

Die Pandemie habe bei Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen, so die Ministerin. Die psychischen und physischen Folgen würden jetzt sichtbar. „Und es gibt Kinder, die Lücken haben. Wie sollte es anders sein?“ Corona sei zwar immer noch eine Herausforderung für die Schulen, eine Rückkehr zur Maskenpflicht sehe sie derzeit jedoch nicht. Luftfilter seien wissenschaftlich umstritten und könnten regelmäßiges Lüften nicht ersetzen, meinte sie. Außerdem stehe es den Schulträgern frei, diese Geräte anzuschaffen, das werde vom Land gefördert. Zudem sei ein Online-Schulangebot für gesundheitlich besonders gefährdete Schüler sei in Arbeit, kündigte sie an.

Zur Chancengerechtigkeit

Dass die Bildungschancen nicht nur im Ruhrgebiet ungleich verteilt sind, ist der Ministerin bewusst. Bildungserfolg dürfe aber nicht vom Wohnort abhängig sein. Mit dem Sozialindex, der Brennpunktschulen mit zusätzlichen Mitteln und Personal unterstützt, mit 60 Talentschulen in NRW und mit dem Ausbau der Familiengrundschulzentren steuere das Land gegen. Eine Debatte um die Schulstruktur möchte sie indes vermeiden, sagte sie auf eine Leserfrage zum breiten Ausbau der Gesamtschulen. „Das bringt nur Unruhe ins System. Die Schulen haben derzeit genug andere Aufgaben. Wir sollten uns auf Inhalte konzentrieren.“

Zu den Bildungsausgaben

Nirgendwo in Deutschland sind die Bildungsausgaben so gering in NRW, doch die Ministerin sieht das Land auf einem guten Weg. „Ich finde, wir haben ein Zeichen gesetzt mit der stufenweisen Anhebung der Besoldung für Lehrkräfte an Grundschulen und der Sekundarstufe eins auf A13.“ Bis 2026 bringe das Land dafür immerhin 900 Millionen Euro auf.

Zur Gewalt an Schulen

Für die zunehmende Gewalt an Schulen und gegenüber Lehrkräften, wie sie zuletzt durch Studien und zahlreiche Vorfälle sichtbar geworden ist, hat die Ministerin kein Verständnis. Manche Schulen seien bereits Partnerschaften mit der Polizei oder dem Ordnungsamt vor Ort eingegangen. Auch die Landespräventionsstelle unterstütze die Pädagogen mit zahlreichen Konzepten. Feller: „Für uns hat Gewalt an Schulen keinen Platz und wir gehen entschieden dagegen vor.“

Weitere Folgen von „Ruhrgebiet, wir müssen reden!“

Folge 1: Martina Merz, Thyssenkrupp-Chefin

Folge 2:

Folge 3: Julia Gajewski, Schulleiterin in Essen-Altendorf

Folge 4:

Folge 5: Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

Folge 6: