Brexit

Städte warnen: Briten müssen deutschen Pass beantragen

In Deutschland lebende Briten ohne deutschen Pass sollten sich schnell um eine Einbürgerung kümmern. Das NRW-Innenministerium warnt vor Konsequenzen: Beim ungeordneten Brexit könnte es Probleme mit dem Aufenthaltstitel geben.

In Deutschland lebende Briten ohne deutschen Pass sollten sich schnell um eine Einbürgerung kümmern. Das NRW-Innenministerium warnt vor Konsequenzen: Beim ungeordneten Brexit könnte es Probleme mit dem Aufenthaltstitel geben.

Foto: Britta Pedersen/dpa

Essen.   Kommt der ungeordnete Brexit, benötigen Tausende Briten in NRW eine Aufenthaltsgenehmigung. Betroffene reagieren wütend und enttäuscht.

Briten, die in Deutschland leben und noch keinen deutschen Pass haben, sollten schnell einen Einbürgerungsantrag stellen. Denn im Falle eines ungeordneten Brexits hätten sie weder Aufenthaltsgenehmigung noch Arbeitserlaubnis. Damit es nicht dazu kommt, ist der Engländer Bryan Gray seit Anfang des Jahres Deutscher. „Mit dem Brexit kommen all’ die Unsicherheiten im Bezug auf Arbeit, Rente und Reisen“, sagt er.

Viele der gut 25.000 in NRW lebenden Briten bekommen in diesen Tagen sogar Post von der Ausländerbehörde. Vor allem unter denen, die seit Jahrzehnten hier leben und arbeiten, ist die Verunsicherung wegen des politisches Zickzackkurses in London groß. Immer mehr entscheiden sich kurz vor dem Stichtag doch noch für die deutsche Staatsbürgerschaft.

Seit der Austritt Großbritanniens aus der EU beschlossen ist, steigt die Zahl der Einbürgerungsanträge von Briten in NRW sprunghaft. 2017 erhielten 1741 von ihnen deutsche Papiere. Das sind mehr als 17 mal so viele wie vor dem Referendum. Im vergangenen Jahr gingen nach Schätzungen der Städte noch mehr Anträge ein. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.

Einige Ruhrgebietsstädte melden aber schon jetzt, dass 2019 bereits neue Spitzenwerte erreicht wurden: In Bochum beantragten 19 Inselbewohner die Einbürgerung, in Gelsenkirchen neun, in Oberhausen sieben. In Essen ist mittlerweile jeder sechste Britischstämmige eingebürgert, 34 Verfahren laufen noch. Die Behörden erwarten, dass die Zahlen noch steigen werden.

Ministerium fordert Städte auf, Betroffene zu informieren

Der Ansturm auf die Rathäuser ist jedoch nicht nur mit dem näher rückenden Stichtag zu begründen: Die Ausländerbehörden in einigen Städten haben in den vergangenen Tagen gezielt Briten angeschrieben. Das Integrationsministerium hatte sie aufgefordert, „britische Staatsangehörige für das Thema Einbürgerung zu sensibilisieren“, wie eine Sprecherin auf Nachfrage mitteilte. Es sei aus Sicht der Landesregierung wichtig, in Deutschland lebende Briten ohne deutschen Pass über mögliche Konsequenzen des Brexits zu informieren.

Sollte es zu einem ungeregelten EU-Austritts Großbritanniens kommen, verlieren Briten, die dann keine Angehörigen eines Mitgliedsstaates der Union mehr sind, ihren Status als EU-Bürger und damit auch ihr Freizügigkeitsrecht innerhalb der Union. Nach einer Übergangsfrist von drei Monaten benötigen Betroffene in Deutschland dann einen Aufenthaltstitel. Davon ausgenommen sind Familienangehörige von Deutschen.

Engländerin ist „vollkommen beschämt über das Chaos“

Nicht nur die Angst, das Land verlassen zu müssen, motiviert viele Briten zum Behördengang. Immer mehr sind enttäuscht über die Politik in ihrer Heimat. Eine von ihnen ist Denise Tross. Die 64-Jährige kommt aus London und lebt seit 1991 mit ihrem deutschen Mann im Kreis Kleve.

Die Call-Center-Mitarbeiterin hat vor kurzem einen Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft gestellt. Ein Schritt, den sie nie gehen wollte: „Ich habe vor dem Brexit nie darüber nachgedacht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Jetzt würde ich sogar meine Nationalität ändern.“ Sie kann sich nicht vorstellen, auf die Privilegien als EU-Bürgerin zu verzichten und ist „vollkommen beschämt über das Chaos, das die britische Regierung ausgelöst hat“.

Jason Wilkins kam mit 19 Jahren nach NRW

Von seinem Vaterland enttäuscht ist auch der Engländer Jason Wilkins. Er kam mit 19 als Soldat nach Deutschland und ist geblieben: „Weil es mir hier gefällt.“ Nach über 40 Jahren in Deutschland durfte der Handwerker beim Referendum nicht abstimmen und ist über das Ergebnis erschüttert. „Ich fühle mich von meinem Land im Stich gelassen. Meine Patriotismus bröckelt“, sagt er. Deshalb plant er, noch vor dem Stichtag die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Das hat Brian Gray bereits im November getan. Der 64-Jährige kam ebenfalls schon vor Jahrzehnten als Soldat nach NRW, behielt aber den britischen Pass. „Ich hatte nie Probleme damit, britisch zu sein, habe gearbeitet, Steuern und Krankenversicherung gezahlt“, erklärt er. Aus Sorge, wegen des Brexits plötzlich ohne Arbeitserlaubnis dazustehen, hat er die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt, „bevor es zu spät ist“.

>>>>Einbürgerung kostet rund 380 Euro

Nicht jeder Brite kann Deutscher werden. Nur wer seit mindestens acht Jahren in Deutschland wohnt und arbeitet oder seit drei Jahren mit einem Deutschen verheiratet ist, erfüllt die Voraussetzungen und kann nach bestandenem Einbürgerungs- und Sprachtest einen Einbürgerungsantrag stellen. Die Kosten dafür liegen insgesamt bei rund 380 Euro. Wer sich für die doppelte Staatsbürgerschaft entscheidet, muss das gleiche Verfahren durchlaufen.

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