Armutsmigration

Ortsbesuch bei Roma in Rumänien: Warum viele nach NRW ziehen

Mutter mit Kind in einem mehrheitlich von Roma-Familien bewohnten Dorf in der Nähe der Stadt Sangeorgiu de Mures/Transsilvanien (Siebenbürgen). NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) informierte sich in Rumänien über die Migration.

Mutter mit Kind in einem mehrheitlich von Roma-Familien bewohnten Dorf in der Nähe der Stadt Sangeorgiu de Mures/Transsilvanien (Siebenbürgen). NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) informierte sich in Rumänien über die Migration.

Foto: Matthias Korfmann / xxx

Targu Mures.  Die Armen verlassen Rumänien Richtung Nordrhein-Westfalen, die gut Ausgebildeten auch. NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) will helfen.

Rund 130.000 Rumänen leben in NRW. Sie arbeiten in der Fleischindustrie, versorgen Kranke, ernten Erdbeeren. Rumänische Roma wandern ins Ruhrgebiet aus. Die Umstände dieser Zuwanderung aus Südosteuropa sind komplex. NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) reiste daher nach Rumänien und kam mit der Einsicht zurück, dieses Thema benötigte mehr Aufmerksamkeit.

Am Ende der Stadt Sangeorgiu de Mures in Transsilvanien (Siebenbürgen) zweigt von der Landstraße eine Schotterpiste Richtung Cotus ab. Fünf Kilometer geht es hinab zu der Ortschaft, in der Roma-Familien in klapprigen Häuschen leben.

An einer Stelle, wo der Schotter- zum lehmigen Feldweg wird, wohnen Tamina und Adam Bolas mit ihren elf Kindern. Die dünnen Wände sind rosa angestrichen, das Dach hält den Regen ab, aber wohl jeder aus der Delegation aus NRW stellt sich hier diese Fragen: Wie kann eine Großfamilie auf 25 Quadratmetern wohnen? Und wovon lebt diese Familie?

In Rumänien zahlt der Staat 17 Euro Kindergeld im Monat

Adam Bolas hat – im Gegensatz zu seinen Nachbarn – einen Job als Bauarbeiter und verdient 400 Euro im Monat. Arbeitslose Familien müssen mit 75 Euro im Monat auskommen, für ein Kind gibt’s 17 Euro Kindergeld. Das EU-Ausland lockt diese Menschen mit vergleichsweise guten Löhnen selbst für Gelegenheitsarbeiter und mit Sozialleistungen in für Rumänien unvorstellbarer Höhe.

Fassungslos steht Karl-Josef Laumann vor dem Haus der Familie Bolas. Der Bügermeister aus Sangeorgiu de Mures erklärt dem Deutschen, dass viele in dem 300-Seelen-Dorf die Koffer packen. „Wir werden hier für eine Kanalisation sorgen, für Wasserleitungen, wir werden die Straße teeren, aber die meisten gehen dennoch ins Ausland. In Deutschland finden sie leichter Arbeit als hier“, erzählt Szabolcs Sofalvi. Und er berichtet vom Misstrauen gegenüber den Roma, von Eltern, die protestieren, wenn Roma-Kinder in den weiterführenden Schulen der Stadt neben ihren Kindern unterrichtet werden.

Schrottimmobilien im Ruhrgebiet – die beste Wohnung des Lebens?

Der Minister aus NRW lernt in Cotus, dass ein Zimmer in einer Schrottimmobilie im Ruhrgebiet für viele der Ausgegrenzten die beste Wohnung ihres Lebens wäre. „Was bringt es für ein Unglück über Menschen, wenn sie, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, diskriminiert werden“, sagt Laumann.

Er verstehe jetzt besser, warum so viele Arme aus Rumänien nach NRW auswandern. „Aber akzeptieren können wir das nicht. Wir können diese Probleme, die ihren Ursprung in Rumänien haben, nicht in Duisburg, Dortmund und Gelsenkirchen lösen. Sie müssen in Rumänien gelöst werden“, findet er. EU-Geld, das für die Verbesserung der Lebensumstände nach Rumänien überwiesen wird, müsse dort auch bei den Armen ankommen. Der Staat kümmert sich kaum um die Roma, erklären Hilfsorganisationen. In Cotus kümmert sich die Caritas.

Transsilvanien blutet regelrecht aus

Transsilvanien, das mit der Vampir-Legende um seine bekannteste historische Persönlichkeit Vlad III. (Dracula) kokettiert, hat, wie die anderen rumänischen Landesteile, mehrere Migrationsprobleme. Man könnte sagen, Transsilvanien blutet aus mehreren Wunden. Das Leid der Roma dreht sich um Ausgrenzung und zerrissene Familien. Daneben blutet das Land regelrecht aus, weil Fachkräfte in Scharen das Land verlassen. Ärzte, Pfleger, Ingenieure, Mechatroniker. Vier Millionen von 20 Millionen Rumänen sind ausgewandert, dazu kommen hunderttausende Armutsmigranten, die nur noch zeitweise in Rumänien leben.

„Es gehen gut Ausgebildete, die in Rumänien gut gebraucht würden, und es gehen jene, die in Rumänien keine Chance haben, aber bei uns in NRW auch nicht“, sagte Heike Gebhard (SPD), Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen und Vorsitzende des Landtags-Sozialausschusses.

Ingenieure, die Rumänien benötigt, verlassen das Land

Beim Automobilzulieferer Thyssenkrupp Bilstein, der in Sibiu (Hermannstadt) Stoßdämpfer produziert, ist die Suche nach Fachkräften eine Herausforderung. Wegen der hohen Nachfrage nach Autoteilen stiegt die Zahl der Mitarbeiter in drei Jahren von 450 auf 1000. Demnächst werde Bilstein 1000 weitere Ingenieure brauchen, heißt es. Aber wo sollen die herkommen? „Wir verlieren viele angehende Ingenieure und Mechatroniker nach Deutschland“, ärgert sich Werksleiter Radu Betea. Der für rumänische Verhältnisse exzellente Durchschnittslohn von 1100 Euro bei Bilstein ist für viele Nachwuchskräfte kein Grund, zu bleiben.

NRW profitiert von den Fachkräften, die Rumänien verlassen. „Ohne die vielen Pfleger aus Südosteuropa würde zum Beispiel die Pflege bei uns zusammenbrechen“, sagte Minister Laumann. Aber manch ein Rumäne findet in NRW kein Glück. „Ich werde darauf achten, dass Arbeitskräfte aus Südosteuropa bei uns anständig behandelt werden. Dass die Menschen, die mit Werkverträgen in der Fleischindustrie arbeiten, nicht um ihren Lohn geprellt werden“, versprach Laumann.

Mehr Hilfe für Rumänen in NRW benötigt

Die Rumänen benötigten in NRW mehr Hilfe, mehr Beratung, bessere Chancen, ihren Lohn einzuklagen. „Die Arbeitnehmer-Freizügigkeit in Europa kann nur funktionieren, wenn die Arbeitnehmer fair behandelt werden, natürlich auch bei uns. “

Laut Andras Marton, Direktor der Caritas in der Stadt Targu Mures (Neumarkt/Siebenbürgen), sind etwa 40 Prozent der Rumänen vor Armut bedroht, unter den Roma sind es 84 Prozent. Die Zahl der Einwohner von Neumarkt sank in 30 Jahren um 50.000 auf rund 100.000 Menschen.

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