Studienfinanzierung

Warum immer weniger arme Studenten Geld vom Staat erhalten

Immer weniger Studierende erhalten eine Bafög-Förderung. Die Bundesregierung will mit einer Reform den Trend umkehren.

Immer weniger Studierende erhalten eine Bafög-Förderung. Die Bundesregierung will mit einer Reform den Trend umkehren.

Foto: Foto: Uwe Anspach / dpa

Essen.  Die Zahl der Studenten steigt, doch immer weniger erhalten Bafög. Experten fordern Reformen und kritisieren: Das Bafög ist nicht mehr zeitgemäß.

Jahr für Jahr gibt es mehr Studierenden in Deutschland. Seit 2005 ist ihre Zahl um die Hälfte gewachsen und liegt aktuell bei 2,9 Millionen. Zu erwarten wäre, dass zugleich immer mehr Bedürftige Bafög bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Seit 2012 sank die Zahl der Studenten, die eine Bafög-Förderung vom Staat erhalten, auf derzeit etwa 12,5 Prozent.

2018 erhielten in Deutschland 727.000 Studenten und Schüler eine Bafög-Förderung. Das waren 55.000 weniger als im Vorjahr, was einem Minus von 7,1 Prozent entspricht, teilt das Statistische Bundesamt mit. Da sich die Förderung zum Teil nicht über ein gesamtes Jahr erstreckt, wurden im monatlichen Durchschnitt knapp 340.000 Studierende gefördert (siehe Grafik).

Auch in NRW sank die Zahl der Geförderten

Dieser Trend spiegelt sich auch in NRW wider. Hier sank die Zahl der Leistungsempfänger ebenfalls um knapp sieben Prozent. Derzeit werden in NRW rund 124.400 Studenten und 47.800 Schüler unterstützt. Auch die durchschnittliche monatliche Förderung ging leicht auf 482 Euro für Studierende zurück. 620 Millionen Euro flossen in NRW in die Bafög-Förderung, damit sanken auch die Ausgaben des Staates im Vergleich zum Vorjahr um 6,9 Prozent.

Trotz der seit diesem Wintersemester erhöhten Bedarfssätze und Elternfreibeträge sehen Experten das Bafög in der bisherigen Form in der Krise. Es verliere seine Funktion als „zentrales Instrument eines chancengerechten Zugangs zu hochschulischen Bildungsangeboten“, zieht das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), eine „Denkfabrik“ für Bildungspolitik, eine kritische Bilanz.

Veränderte Studienrealität

Etwa 800 bis 900 Euro benötigten Studierende im Durchschnitt pro Monat zur Finanzierung ihres Studiums. Die Differenz zur durchschnittlichen Bafög-Förderung von 482 Euro werde vor allem durch Eltern, Nebenjobs und Ersparnisse gedeckt. Die jüngste Bafög-Reform sei zwar ein wichtiger Schritt, gehe aber nicht weit genug, sagt Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks (DSW), der WAZ.

„Die Ausbildungsförderung hat schlicht nicht Schritt gehalten mit der Lebensrealität der Studierenden“, so das CHE in einer aktuellen Studie zur Studienfinanzierung. So würden 60 Prozent der Studenten länger benötigen als die Regelstudienzeit, doch mit dieser endet bislang die Förderung. Auch gehe das Bafög von Vollzeitstudierenden aus, doch viele studieren aus verschiedenen Gründen in „Teilzeit“ und fallen aus der Förderung. Auch die Altersgrenzen von 30 Jahren für Bachelor-Studenten sei „ein leidiges Thema“, sagt Grob. „Wer zuvor eine Ausbildung gemacht hat und dann einen Studienabschluss anstrebt, läuft schnell gegen die Altersgrenze.“

Automatische Anhebung der Bedarfssätze

Die Experten fordern daher eine strukturelle Reform der Ausbildungsförderung, die sich an den geänderten Bedürfnissen der Studierenden orientiert. Die Elternfreibeträge und die Bafög-Sätze müssten deutlich steigen, damit wieder mehr Bedürftige in das System kommen. Die Bezugsdauer müsse flexibler sein und verlängert werden.

Das Bafög müsse auch ein Teilzeitstudium und weiterbildende Masterstudiengänge fördern und Studienbeiträge vorfinanzieren. Zudem sollte das komplizierte Antragsverfahren entschlackt und bundesweit einheitlich online abgewickelt werden können. Nötig sei überdies eine jährliche automatische Anpassung an die Entwicklung der Preise, Mieten und Einkommen – wie es zum Beispiel bei den Diäten der Bundestagsabgeordneten der Fall sei.

Experten fordern Umbau der Bildungsförderung

„Die Bundesregierung will mit der jüngsten Bafög-Reform bis zum Herbst 2021 rund 100.000 Schüler und Studenten mehr unterstützen. Das sehen wir sehr skeptisch“, sagt DSW-Sprecher Grob. Diese Vorgabe habe es bereits bei den vorherigen Novellen gegeben, „trotzdem sind die Zahlen weiter gesunken“, so Grob. „Die beschlossene Bafög-Reform reicht bei weitem nicht aus“, urteilen auch die Experten vom CHE. Für eine bessere Chancengerechtigkeit müsse das System grundlegend umgebaut werden.

Dennoch appelliert Grob an die Studierenden, auf jeden Fall einen Antrag zu stellen: Wer beispielsweise für sechs Semester Bachelor- und vier Semester Master-Studium den Höchstsatz bezieht, muss von den rund 51.600 Euro nur gut 10.000 Euro zurückzahlen, rechnet er vor „Das ist eine Menge geschenktes Geld vom Staat.“

>>>> Das „neue“ Bafög:

Die 26. Bafög-Novelle der Bundesregierung wird ab dem Wintersemester schrittweise wirksam. Sie sieht unter anderem eine Anhebung des Höchstsatzes von 735 auf 853 Euro vor. Bedarfssätze und Elternfreibeträge werden angehoben. Der Wohnzuschlag für Studenten, die nicht zu Hause leben, steigt von 250 auf 325 Euro.

Bafög wird zur Hälfte als Zuschuss und zur Hälfte als zinsloses Darlehen gewährt. Von der Darlehenssumme muss man aber maximal 10.010 Euro in 77 Monatsraten zurückzahlen. Schüler erhalten die Förderung als reinen Zuschuss.

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