Umwelt

Warum salziges Abwasser in der renaturierten Emscher landet

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Über die Kläranlage Bottrop gelangt das salzhaltige Lagerstättenwasser in die Emscher.

Über die Kläranlage Bottrop gelangt das salzhaltige Lagerstättenwasser in die Emscher.

Foto: Hans Blossey / www.blossey.eu / FUNKE Foto Service

Essen.  Salzhaltiges Abwasser aus der Erdgasförderung in Niedersachsen gelangt offenbar seit Jahren legal ausgerechnet in die renaturierte Emscher.

Der Ärger beim Wasserwirtschaftsverband ist offenbar groß, entsprechend heftig fällt die Reaktion aus: „Wir haben nicht in 30 Jahren rund 5,5 Milliarden Euro in den Emscherumbau investiert, damit die Emscher aufgrund von Salzeinleitungen ein biologisch toter Fluss bleibt“, zürnt ein Sprecher der Emschergenossenschaft/Lippeverband (EGLV), die 58 Klärwerke in der Region betreiben. Eine davon, die Kläranlage Bottrop, macht dem Verband besondere Kopfschmerzen, seit bekannt wurde, dass über die Anlage stark salzhaltige Abwässer entsorgt werden.

Nach Recherchen des WDR gelangt das Salz über Umwege in die Emscher. Es stammt aus der Erdgasförderung in Niedersachsen durch das Gasunternehmen Wintershall Dea. Bei der Gasförderung gelangt zugleich stark salzhaltiges Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche. Das Gas wird aus diesem Wasser herausgelöst, das dann als „Lagerstättenwasser“ in Tanklastzügen zum Teil nach Nordrhein-Westfalen transportiert wird. Das Entsorgungsunternehmen Remondis bestätigt auf Anfrage dieser Redaktion, dass der Betrieb „einen geringen Anteil des anfallenden Lagerstättenwassers“ von Wintershall Dea am Remondis-Standort Herne annimmt. Das Abwasser wird dann als „Industrieabwasser“ legal in der Kläranlage Bottrop entsorgt.

Kläranlagen halten Salz nicht auf

So gelangt es schließlich in die Emscher, die in den vergangenen Jahren in einem spektakulären Milliardenprojekt aufwendig renaturiert wurde. Remondis legt Wert auf die Feststellung, „dass wir selbstverständlich kein Abwasser direkt in die Emscher einleiten“. Das Problem aber ist: „Salz kann in Kläranlagen nicht zurückgehalten werden“, erklärt EGLV-Sprecher Ilias Abawi. „Es rauscht so durch. Und Salz ist pures Gift für das Leben in einem Fluss.“ Wie lange dieses Verfahren bereits betrieben wird, ist nicht klar. Nach Auskunft der EGLV leite Remondis bereits seit den 1990er-Jahren Abwasser in die Klärsysteme des Verbands ein.

Bisher macht zwar vor allem das salzige Grubenwasser der Wasserwirtschaft Schwierigkeiten, doch ab 2023 darf es nicht mehr in die Emscher gepumpt werden. Dadurch soll wieder Leben in den toten Fluss zurückkehren. Zwar seien die Salzwerte im Abfluss der Kläranlage Bottrop derzeit nicht besorgniserregend, doch dass nun aus anderer Quelle wiederum Salz in den Fluss gelange, erzürnt die Wasserwirtschaft. Abawi: „Die Frage ist doch: Warum wird in Nordrhein-Westfalen etwas entsorgt, was in Niedersachsen offenbar nicht entsorgt werden kann?“ Die Wasserwirtschaft in NRW erwarte eine Klarstellung durch die Landesregierung.

Umweltministerium will Einleitung prüfen

Das von Oliver Krischer (Grüne) geleitete NRW-Umweltministerium beurteilt die Praxis offenbar ebenfalls kritisch. „Gerade mit Blick auf den Klimawandel und den damit verbundenen Dürreperioden muss die Einleitung von solchen Abwässern neu bewertet werden“, teilt das Ministerium mit. Was das konkret bedeutet, bleibt indes offen. Denn die Entsorgung sei „rechtlich nicht zu beanstanden“, sofern das Entsorgungsunternehmen für die Übernahme von Lagerstättenwasser zugelassen ist, erklärt das Ministerium. „Eine separate Genehmigung für die Einleitung von Lagerstättenwässern ist nach dem Abfallrecht leider nicht vorgesehen.“

Das Erdgasunternehmen Wintershall Dea, bestätigt auf Anfrage, dass salzhaltige Abwässer „an zertifizierte Entsorgungsunternehmen zur ordnungsgemäßen obertägigen Entsorgung“ abgegeben würden. „In NRW wurde auf diese Weise Lagerstättenwasser auch schon vor 2017 fachgerecht und entsprechend genehmigt entsorgt“. Ein deutlich höherer Anteil des anfallenden Salzwassers werde in tiefe Gesteinsschichten zurückgepumpt. „Diese Lösung ist hinsichtlich Nachhaltigkeit und Größe des ökologischen Fußabdrucks die beste“, so ein Sprecher.

Forscher: Kaum noch Leben im Fluss

Nach Auskunft des Umweltministeriums ist die Emscher nicht der einzige Fluss in NRW, in den salziges Lagerstättenwasser aus Niedersachsen gelangt. Der kleine Fluss Lutter im Kreis Gütersloh ist nach Analysen der Uni Duisburg-Essen bereits so schwer auch durch Salz belastet, dass das Leben darin stark eingeschränkt sei. Prof. Florian Leese, Leiter der Aquatischen Ökosystemforschung an der Uni Duisburg-Essen, hat Wasserproben aus der Lutter ausgewertet. Der Fluss sei in einem bedenklichen ökologischen Zustand, erklärt der Biologe unserer Redaktion.

Viele typische Lebensgemeinschaften und Insekten fehlten, Laub werde am Flussgrund kaum abgebaut, „was in einem funktionierenden Ökosystem rasch der Fall ist“. Ein hoher Salzgehalt führe zu „Artensterben, großflächigem Verlust von Diversität und damit ökologischer Funktionalität“, so der Wissenschaftler. In Dürrezeiten mit weniger Wasser könnten sich die negativen Effekte „massiv potenzieren“. Leese: „Das Gewässer ist dann sowieso gestresst, zudem warm und es verfügt über wenig Sauerstoff – dann noch Salz, da wird es schnell kritisch.“

Emscher soll sauber werden

Die Emscher sieht er nicht akut gefährdet, da der Fluss durch die jahrzehntelange Belastung ohnehin noch schwer geschädigt sei. Zudem werde der Fluss wie kaum ein zweiter in Deutschland professionell und wissenschaftlich überwacht. Das Lagerstättenwasser aus Niedersachsen habe noch keinen größeren Effekt, bestätigt der Emscherverband. Salzwerte von 120 bis 220 Milligramm pro Liter im Verlauf des Jahres 2022 am Ablauf des Klärwerks Bottrop seien bei einem Richtwert von 200 derzeit unauffällig.

„Dennoch muss klar sein, dass der Salzgehalt künftig nicht steigen darf“, betont Abawi. „Wir wollen die Artenvielfalt in der Emscher erhöhen und wieder blau-grünes Leben im Fluss ermöglichen. Das ist und bleibt unser Ziel.“

>>>> Fischsterben in der Oder

Als Auslöser für das massenhaften Fischsterbens in der Oder im August gilt ein sprunghaft gestiegener Salzgehalt im Wasser.

Dies wiederum führte in dem durch die Erwärmung ohnehin gestressten Gewässer zu einer drastischen Vermehrung der Brackwasseralge Prymnesium, die eine für Fische und andere Wasserorganismen tödlich giftige Substanz erzeugt, ergab eine Expertenanalyse, die Ende September veröffentlicht wurde. Die Ursache für den hohen Salzgehalt in der Oder ist weiter unklar.