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Welche Schulform passt zu meinem Kind?

Schule kann Spaß machen – und sollte es auch. Überforderte Kinder verlieren schnell den Mut. Archivbild:Marius Becker

Schule kann Spaß machen – und sollte es auch. Überforderte Kinder verlieren schnell den Mut. Archivbild:Marius Becker

Essen.   Tausende Viertklässler stehen vor dem Wechsel in eine weiterführende Schule im Sommer. Bald beginnen die Info-Tage. Worauf Eltern achten können.

Es ist eine Entscheidung, die für den späteren Lebensweg des Kindes entscheidende Weichen stellt. Spätestens nach den Halbjahreszeugnissen der vierten Klasse steht die Wahl der nächsten Schule an. Rund 4000 weiterführende Schulen gibt es in NRW, Haupt- und Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen sowie Privatschulen. Manche bieten individuelle Lernformen an, andere machen Dienst nach Vorschrift, manche haben musische oder sprachliche, andere naturwissenschaftliche Schwerpunkte. Eltern können bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage leicht verzweifeln: Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Darüber sprach Christopher Onkelbach mit dem Schulpsychologen Philipp Deing von der Regionalen Schulberatungsstelle des Kreises Borken.

Herr Deing, wie finden Eltern heraus, welche Schulart zu ihrem Kind passt?

Philipp Deing: Die Schulformempfehlung der Grundschule ist in den meisten Fällen eine gute Richtschnur. Eltern sollten sich sehr ernsthaft damit auseinandersetzen, da die Lehrer die Kinder in der Regel recht lange kennen und sie aus einem anderen, professionellen Blickwinkel wahrnehmen. Natürlich kann es immer Fehleinschätzungen geben. Ein Beispiel dafür wäre ein Junge, der zwar kognitiv stark ist, aber Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat. Klassenlehrer könnten daher geneigt sein, ihm eine Realschulempfehlung zu geben, obwohl der Junge gute Voraussetzungen mitbringt, später ein Ingenieurstudium zu machen. Zudem sollten sich Eltern gut über die infrage kommenden Schulen informieren.

Was raten Sie Eltern, die mit der Grundschulempfehlung nicht einverstanden sind?

Philipp Deing: Sie sollten zuerst das Gespräch mit den Lehrern suchen. Wenn die Meinungen weiterhin auseinander liegen, kann man sich auch an eine Schulberatungsstelle wenden. Häufig kommen wir aber zu ähnlichen Ergebnissen wie die Lehrer, deren Entscheidungen oft gut begründet sind. Schulpsychologen haben aber weitere Möglichkeiten, die Eignung der Kinder zu testen. Etwa was Intelligenz, Schulangst, Schulunlust oder Konzentrationsfähigkeit angeht. Es macht aber nur Sinn, einen Schulpsychologen zu Rate zu ziehen, wenn Eltern bereit sind, das Ergebnis in ihre Entscheidung einzubeziehen.

Was sagt das Zeugnis aus?

Philipp Deing: In erster Linie zeigt das Zeugnis, wo Stärken und Schwächen eines Schülers liegen. Eltern sollten aber bedenken, dass Noten immer auch relativ zu sehen sind, denn sie sagen auch etwas über die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Klasse aus. In einer leistungsstarken Klasse ist es schwieriger, gute Noten zu bekommen als in einer leistungsschwächeren, denn die Leistung eines Schülers wird auch in Bezug zur Leistung der anderen Schüler bewertet. In einer leistungsstarken Klasse ist es daher tendenziell schwieriger, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Grundsätzlich ist das Zeugnis eine Momentaufnahme. Man sollte bei der Einschätzung der Leistungsfähigkeit die gesamte Entwicklung des Kindes berücksichtigen.

Was sind die Besonderheiten der verschiedenen Schulformen?

Philipp Deing: Das Gymnasium hat zum Ziel, die Schüler auf ein Studium vorzubereiten. Hier wird vertiefte allgemeine Bildung vermittelt und es soll zu abstrahierendem und selbstständigem Denken angeleitet werden. Die Realschule vermittelt eine erweiterte allgemeine Bildung. Neben theoretischem Wissen werden hier auch praktische Fähigkeiten gefördert. Genau wie auf dem Gymnasium wird eine zweite Fremdsprache angeboten. An der Hauptschule wird eine grundlegende allgemeine Bildung vermittelt mit dem Ziel, auf einen Beruf vorzubereiten. Der Unterricht ist stark praxisbezogen und es gibt mehr schulische Förderung. An den Gesamtschulen können alle Abschlüsse von Hauptschule, Realschule und Gymnasien erreicht werden. Die Eltern müssen sich nicht bereits nach der vierten Klasse auf eine bestimmte Laufbahn festlegen.

Welche Eigenschaften sollte das Kind jeweils mitbringen?

Philipp Deing: Die Begabung allein kann Schulerfolg nicht erklären. Ebenso wichtig ist regelmäßiges, selbstständiges und motiviertes Lernen. Je weniger Eltern in der Grundschule unterstützen mussten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind am Gymnasium zurechtkommt. Braucht es mehr elterliche und schulische Unterstützung, bieten die anderen Schulformen mehr Hilfen.

Die meisten Eltern wünschen sich für ihre Kinder eine Karriere auf dem Gymnasium.

Philipp Deing: Ja, das bestätigen einschlägige Umfragen. Wenn Eltern also vor der Entscheidung für diese Schulform stehen, dann sollten sie sich mit der Begabung des Kindes beschäftigen. Wie gut kann das Kind logische Schlussfolgerungen ziehen, wie breit ist sein Allgemeinwissen, wie gut kann es Informationen behalten.

Das zielt auf die Intelligenz des Kindes. Genügt das?

Philipp Deing: Auch Persönlichkeitseigenschaften und sozial-emotionale Kompetenzen sind wichtig. Etwa die Frage, wie gut das Kind seine Gefühle regulieren kann. Also lerne ich erst für die Klassenarbeit, obwohl draußen die Freunde Fußballspielen oder ins Freibad gehen? Solche Eigenschaften zeigen sich im Alltag, das können Eltern meist sehr gut einschätzen.

Was ist nach Ihrer Erfahrung außerdem nötig?

Philipp Deing: Das Kind sollte grundsätzlich Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. Es sollte über eine gute Lern- und Leistungsmotivation verfügen und sich seinem Alter gemäß auf eine Sache konzentrieren können. Für den Lernerfolg auf dem Gymnasium ist es zudem wichtig, dass Kinder über eine gute Rechtschreibung, eine hohe Lesegeschwindigkeit und gutes Leseverständnis verfügen.

Wie vermeide ich Frust und Überforderung?

Philipp Deing: Frust stellt sich ein, wenn Kinder in der Schule häufig Misserfolgserfahrungen machen. Und Misserfolge stellen sich ein, wenn ein Kind an der Schule überfordert ist. Deshalb ist es mit Blick auf eine Übergangsentscheidung sinnvoll, wenn Eltern sich weniger an den zu erreichenden Bildungsabschlüssen – also in den meisten Fällen dem Abitur – orientieren, sondern eher den Lernerfolg ihrer Kinder im Blick haben. Ohne Erfolge verlieren Kinder ihre natürliche Neugierde und Lernfreude.

Gibt es überhaupt die ideale Schule für ein Kind?

Philipp Deing: Eigentlich sollte man nicht fragen müssen, welche Eigenschaften ein Kind mitbringen muss. Man sollte die Frage umdrehen: Welche Eigenschaften müssten Schulen haben, um wirklich alle Schüler individuell zu fördern? Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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