Anschlagsserie

Massenmord in Sri Lanka – was wir über die Attacken wissen

Der Boden der St.-Sebastian-Kirche in der Stadt Negombo an der Ostküste Sri Lankas gleicht einer Geröllwüste.

Der Boden der St.-Sebastian-Kirche in der Stadt Negombo an der Ostküste Sri Lankas gleicht einer Geröllwüste.

Foto: ATHIT PERAWONGMETHA / Reuters

BangkOk/Berlin  Bei einer Anschlagsserie in Sri Lanka sterben über 300 Menschen, darunter einer mit deutschem Pass. Wichtige Fragen und Antworten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Tod kam mitten in der Ostermesse – an den Ort der Besinnung, der Versöhnung und des Friedens. Fast zeitgleich schlug der Terror auch in drei Hotels zu, wo Touristen Entspannung vom Alltag suchten.

Bei den Anschlägen in drei Kirchen und drei Luxusherbergen im Urlaubsparadies Sri Lanka wurden mindestens 310 Menschen getötet und 450 verletzt. Die Tropeninsel ist erschüttert, die Welt entsetzt. Die wichtigsten Fragen zu den Hintergründen der Attacken.

Was ist passiert?

Am Ostersonntag haben sieben Selbstmordattentäter in drei Kirchen und drei Luxushotels mindestens 310 Menschen in den Tod gerissen. Bei acht Explosionen wurden mindestens 450 Menschen verletzt. Die Tatorte sind die Hauptstadt Colombo, das nahe gelegene Negombo und die Ostküstenstadt Batticaloa. Die Sicherheitskräfte nahmen 24 Verdächtige fest. Aus Angst vor weiteren Terrorattacken verhängten die Behörden eine Ausgangssperre. Zudem blockierten sie soziale Netzwerke wie Facebook und WhatsApp.

Osterfeierlichkeiten von Anschlägen in Sri Lanka überschattet

Während des Gottesdienstes am Ostersonntag beteten Gläubige im Vatikan, in Jerusalem und in Paris für die Opfer der Attentate.
Osterfeierlichkeiten von Anschlägen in Sri Lanka überschattet

In der Nähe der von einem Anschlag zerstörten St.-Antonius-Kirche in Colombo wurde am Ostermontag ein Sprengsatz in einem geparkten Auto gefunden. Bombenentschärfer sprengten das Fahrzeug. An einem anderen Ort der Stadt wurden an einer Bushaltestelle 87 Zünder sichergestellt. Ein Mann wurde festgenommen.

Der Fund des Sprengsatzes und die Sprengung lösten in der Umgebung eine Panik aus, wie Videos in sozialen Medien zeigten. Die Polizei musste den Festgenommenen vor der aufgebrachten Menge schützen.

Wer sind die Opfer?

Nach Polizeiangaben sind unter den Toten mindestens 35 Ausländer. Darunter sollen sich auch Amerikaner befinden. Andere Opfer kommen demnach aus Dänemark, Großbritannien, China, Indien, Portugal, der Türkei und Japan.

Wie am Montag bekannt wurde, sind drei Töchter des dänischen Unternehmers Anders Holch Povlsen unter den Opfern. Povlsens Unternehmen Bestseller ist der Mutterkonzern der Textilmarken Jack&Jones und Vero Moda. Unter den Verletzten sollen sich 19 Ausländer befinden.

Sind auch Deutsche betroffen?

Eine Sprecherin des Außenministeriums sagte am Montag: „Nach derzeitigen Erkenntnissen ist unter den Todesopfern der gestrigen Anschläge auch ein deutsch-amerikanischer Doppelstaatler. Soweit bisher bekannt, sind keine weiteren Deutschen unter den Opfern.“

Hintergrund: Sri Lanka: Eines der Opfer hatte auch deutschen Pass

Die Urlauber mehrerer großer deutscher Reiseveranstalter haben die Anschläge unbeschadet überstanden. Die Unternehmen TUI und Dertour teilten am Montag mit, dass alle ihre Gäste, die derzeit auf der Tropeninsel Urlaub machen, Entwarnung gegeben hätten.

Dertour hat derzeit nach eigenen Angaben eine „knapp vierstellige“ Zahl von Gästen auf Sri Lanka. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt hat auch einige Hotels im Angebot, die zum Anschlagsziel wurden. Der Reiseveranstalter Thomas Cook erklärte, keine Gäste in den betroffenen Hotels zu haben.

Welche Hinweise gibt es auf die Täter?

Die Regierung Sri Lankas ist davon überzeugt, dass die einheimische radikalislamische Gruppe National Thowheeth Jama’at die Taten verübt hat. Alle sieben Selbstmordattentäter seien Bürger von Sri Lanka, teilte die Polizei mit. Bereits am 4. April habe die Polizei Hinweise auf mögliche Terrorattacken gehabt, erklärte Kabinettssprecher Rajitha Senaratne.

Der stellvertretende Polizeichef Priyalal Dissanayake verfasste ein Schreiben an Sicherheitsbehörden, in dem er von Anschlagsplänen der Gruppe National Thowheeth Jama’at auf katholische Kirchen sowie die indische Botschaft in Sri Lanka warnte.

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), sonst schnell mit Propagandabekundungen zur Hand, schwieg nach den Attentaten zunächst. Das Vorgehen erinnert eher an die Taktik des einst von Osama Bin Laden gegründeten Terrornetzwerks Al-Kaida. Dessen Anschläge waren gründlich geplant und organisiert. Die Drahtzieher versuchten ihre Beteiligung oft zu verschleiern.

Sowohl für Al-Kaida als auch für den IS wäre es ein Leichtes gewesen, nach Sri Lanka zu gelangen. Das Land unterhält enge Verbindungen zu Pakistan, wo die verbleibenden Reste der Al-Kaida-Führung vermutet werden, und eine Art offene Seegrenze zum Nachbarn Malediven. Am Dienstag tauchten dann in sozialen Netzwerken Bekennerschreiben auf, die auf den IS zurückzugehen scheinen.

Sri Lanka kehrt gerade erst zu einer demokratischen Staatsform zurück. Zuvor, während der Jahre der Diktatur, hatte es die Tore für konservative und radikale Mullahs geöffnet. Aus den Malediven schlossen sich zudem bis zu 100 junge Extremisten dem IS im Nahen Osten an.

Hatten die Terroristen internationale Verbindungen?

Für die sri-lankische Regierung steht das fest. „Wir glauben nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt war“, betonte Kabinettssprecher Senaratne. „Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären.“ Nähere Hinweise lieferte er aber nicht.

Premiermister Ranil Wickremesinghe hatte zuvor erklärt, Sri Lanka wolle mithilfe der internationalen Gemeinschaft möglichen Verbindungen der Attentäter ins Ausland auf den Grund gehen. Die Regierung sprach von einer „völlig neuen Art von Terrorismus“.

Am Dienstag gab die Regierung bekannt, dass sie davon ausgehe, dass die Attentate eine Art Vergeltung für die Angriffe auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch gewesen seien. Ein rassistisch motivierter Attentäter hatte in Neuseeland Mitte März 50 Menschen getötet.

Rameshwary hofft auf ein Wunder

Nach den Anschlägen in Sri Lanka vom Sonntag beten viele Menschen für ein Lebenszeichen ihrer Angehörigen. Dabei ist klar: die Zahl der Toten steigt. Nach Angaben der Regierung soll eine radikal-islamische Gruppierung die acht Anschläge verübt haben.
Rameshwary hofft auf ein Wunder

Rameshwary hofft auf ein Wunder

Nach den Anschlägen in Sri Lanka vom Sonntag beten viele Menschen für ein Lebenszeichen ihrer Angehörigen. Dabei ist klar: die Zahl der Toten steigt. Nach Angaben der Regierung soll eine radikal-islamische Gruppierung die acht Anschläge verübt haben.
Rameshwary hofft auf ein Wunder

Warum haben die Behörden Hinweise auf die Anschläge nicht ernst genommen?

Offenbar gibt es in verschiedenen Bereichen in der Regierungs- und Staatsspitze Sri Lankas Rivalitäten. Nach Angaben von Kabinettssprecher Senaratne wurde Premierminister Wickremesinghe nicht über die Warnung des stellvertretenden Polizeichefs vor Anschlägen informiert.

Er kritisierte das angespannte Verhältnis zwischen Wickremesinghe und den Sicherheitsdiensten unter Staatspräsident und Verteidigungsminister Maithripala Sirisena. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende 2018 überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt.

Wo überall wurden in letzter Zeit Anschläge auf Christen verübt?

In Süd- und Südostasien, aber auch in Nordafrika fanden in der Vergangenheit ähnliche Anschläge statt wie in Sri Lanka. Am 29. Januar 2019 wurden in einer katholischen Kirche im unruhigen Süden der Philippinen bei zwei Explosionen mindestens 20 Menschen getötet und 110 Gläubige verletzt. Die Terrormiliz IS reklamierte die Tat für sich.

Am 2. November 2018 starben sieben Menschen in Ägypten, als Attentäter einen Bus mit koptischen Christen angriffen. Am 9. April 2017 (Palmsonntag) wurden 25 Menschen bei einer Explosion in einer koptischen Kirche in der nordägyptischen Stadt Tanta getötet. Weitere elf Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter in Alexandria in die Luft sprengte.

Am 24. Dezember 2000 wurden auf eine Reihe von Kirchen in Indonesien Bombenanschläge verübt. Mindestens 15 Menschen starben. Die selbst gebauten Sprengsätze waren als Weihnachtsgeschenke getarnt und an mehr als 30 Kirchen oder Priester in elf indonesischen Städten verschickt worden. Als Verantwortliche benannten die Behörden Mitglieder des südostasiatischen Terrornetzwerkes Jemaah Islamiyah mit Verbindungen zu Al-Kaida.

Ostersegen: Petersplatz: Papst segnet – „Schmerz“ wegen Sri Lanka

Warum ist Sri Lanka für Deutsche wichtig?

Die Insel vor der Südspitze Indiens gilt in Deutschland vor allem als Urlaubsparadies. 2018 besuchten 156.888 Bundesbürger Sri Lanka – ein Anstieg um 20,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Auswärtige Amt in Berlin aktualisierte kurz nach den Terrorattacken am Ostersonntag seine Reisehinweise.

Das Ministerium bat Reisende, die Anschlagsorte weiträumig zu meiden, die lokalen Medien zu verfolgen, engen Kontakt zu Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften zu halten sowie den Anweisungen von Sicherheitskräften Folge zu leisten.

Können Touristen ihre Reise nach Sri Lanka stornieren?

Deutsche Reiseveranstalter bieten nach den Anschlägen in Sri Lanka vielfach an, zeitnahe Reisen in die Region zu stornieren. Alltours-Kunden können einen Urlaub mit Anreisedatum bis zum 30. April kostenfrei stornieren, wie ein Sprecher erklärte. Bei DER Touristik ist das Abreisedatum ausschlaggebend: Trips mit Abreise bis zum 6. Mai können kostenfrei umgebucht oder storniert werden.

Tui bietet Urlaubern, die bis einschließlich 29. April anreisen, gebührenfreie Stornierungen oder Umbuchungen an. Bei FTI gibt es diese Möglichkeit für Anreisen bis einschließlich 28. April, teilte eine Sprecherin mit. Für Urlauber, die später anreisen, prüfe man Umbuchungsmöglichkeiten.

Reisende mit Thomas Cook können Buchungen mit Anreise bis 2. Mai kostenfrei umbuchen oder stornieren, erklärte eine Sprecherin. Bei späteren Anreisen prüfe man Anfragen individuell. Studiosus ermöglicht für Buchungen mit Abreise im April und Mai kostenfreie Umbuchungen oder Stornierungen. Für alle Reisen, die später im Jahr beginnen, bestehe die Möglichkeit aktuell nicht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (22) Kommentar schreiben