CDU-Politiker

Lesben- und Schwulenverband: Merz-Aussage zutiefst homophob

Friedrich Merz im Porträt

Friedrich Merz saß schon 1989 im EU-Parlament – und war zwischendurch raus aus der Politik. Er bewarb sich zunächst ohne Erfolg auf den CDU-Vorsitz. Nun könnte er Kanzler werden.

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Berlin.  Friedrich Merz sorgte mit mehreren Aussagen in einem Interview für Kritik. Was hat der Kandidat auf den CDU-Vorsitz genau gesagt?

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz und möglicher Kanzlerkandidat, ist wegen eines Interviews in Erklärungsnot geraten. Aussagen des CDU-Politikers haben nicht nur im Netz massive Kritik ausgelöst. Merz wird – auch aus der eigenen Partei – vorgeworfen, in einem Interview mit „Bild Live“ Homosexualität mit Kindesmissbrauch in Zusammenhang gebracht zu haben.

In dem Gespräch, das am Sonntagabend übertragen wurde, fragte der Moderator Merz, ob er Vorbehalte hätte, wenn heute ein Schwuler Bundeskanzler werden würde. Der CDU-Politiker antwortete erst einmal mit einem ziemlich klaren „Nein“.

Doch auf die Nachfrage, ob das für ihn völlig normal wäre, fügte er hinzu: „Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“

Friedrich Merz: Lesben- und Schwulenverband nennt ihn „zutiefst homophob“

Merz wird nun vorgeworfen, mit dieser Äußerung Vorurteile gegenüber Homosexuellen zu bedienen. Nicht nur in den sozialen Netzwerken hagelte es Kritik. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) nannte die Aussage „zutiefst homophob“.

Aus Merz’ eigener Partei, der CDU, gibt es Verärgerung über die kontextuelle Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie: „Ich bin maßlos darüber verärgert, dass Herr Merz diese beiden Begriffe öffentlich und ohne Not miteinander verknüpft hat. Das war heute früh wie eine kalte Dusche für uns“, sagte der Bundesvorsitzende des Bundesverbands der Lesben und Schwulen in der Union, Alexander Vogt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der mit einem Mann verheiratet ist, antwortete auf die Frage, was eine solche Aussage eines Parteikollegen bei ihm auslöse: „Na ja, wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen oder Pädophilie ist, dann müssen Sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.“ Spahn unterstützt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei seiner Bewerbung um den CDU-Vorsitz. Auch spannend: Wie Jens Spahn Konversionstherapien verbieten will

Lars Klingbeil fordert „deutliche Entschuldigung“ von Merz

Auch aus der SPD gab es Kritik. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert, der sich in der Vergangenheit über seine eigene Homosexualität geäußert hatte, kritisierte auf Twitter: „So laviert jemand, der nicht kaschieren kann, dass er mit der Normalisierung des Umgangs mit Homosexualität eigentlich nichts anfangen kann.“ Und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kommentierte: „Friedrich möchte aus dem letzten Jahrhundert abgeholt werden.“ Gegenüber der „Bild“ forderte Klingbeil später „eine deutliche Entschuldigung“ von Merz.

Merz’ Sprecher Armin Peter trat der Interpretation entgegen, dass die Äußerung schwul und pädophil gleichsetze. „Diese Behauptung ist bösartig und schlicht falsch“, schrieb Peter auf Twitter. „Friedrich Merz hat gesagt: „Die sexuelle Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft“. Das gilt also für Heteros, Homos und alle anderen.“

In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“, das Aussagen aus dem vorangegangenen Interview erklären sollte, sagte Merz, es handele sich um einen „bösartig konstruierten Zusammenhang“, der in keiner seiner Äußerungen vorkomme.

Friedrich Merz: Sexualität geht die Öffentlichkeit nichts an

Viele stört jedoch nicht nur der laut Merz „konstruierte“ Zusammenhang. Stephanie Pawlak, Mitglied des Bundesvorstands des LSVD, kritisierte gegenüber unserer Redaktion zudem Merz’ Interview-Aussage, dass die Sexualität die Öffentlichkeit nichts angehe: „Wenn man meint, die sexuelle Orientierung ginge die Öffentlichkeit nichts an, dann fordert man von Lesben und Schwulen implizit, sich nicht zu outen. Heterosexuellen antwortet man freilich nicht, dass das doch Privatsache sei und die Öffentlichkeit nichts angehe.“ Auch das sei homophob, so Pawlak.

Merz sorgte noch mit einer weiteren Interview-Aussage für Reaktionen: „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können“, sagte der frühere Blackrock-Aufsichtsratschef im „Bild“-Gespräch. Er kritisierte in diesem Kontext die beschlossene Verlängerung des Kurzarbeitergeldes. Auch interessant: Friedrich Merz will alle Leistungen des Staats überprüfen

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) schrieb dazu auf Twitter, Merz habe entweder ökonomisch keine Ahnung oder sei sozial zynisch. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, kommentierte: „Als ob Menschen wegen Corona gern zu Hause bleiben.“ Das Kurzarbeitergeld sei eine Brücke, bedeute aber Einbußen.

Auch der Vorsitzende der Linken, Bernd Riexinger, äußerte auf Twitter Kritik: Ganz unrecht habe Merz ja nicht, wenn er fürchte, dass die Arbeitsmoral einbreche. Die riesigen Einkommen in Führungspositionen würden „in keinem Verhältnis mehr zu realer Leistung“ stehen, meinte Riexinger.

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