Antisemitismus

EKD-Ratsvorsitzender zur Kippa-Debatte: „Ich schäme mich“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat eine Debatte darüber angestoßen, ob es für Juden sicher ist, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat eine Debatte darüber angestoßen, ob es für Juden sicher ist, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin  Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein empfiehlt, nicht überall Kippa zu tragen. Der Zentralrat der Juden sieht zunehmende Gefahr.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat mit Bestürzung auf die Aussagen des Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein zum Tragen der Kippa reagiert. „Es macht mich unendlich traurig, dass wir in unserem Land überhaupt diese Diskussion führen müssen. Und ich schäme mich dafür“, sagte Bedford-Strohm unserer Redaktion.

„Die einzig angemessene Reaktion darauf ist null Toleranz gegenüber dummen antisemitischen Sprüchen oder allen anderen Formen von antisemitischen Angriffen auf Juden. Und zwar null Toleranz nicht nur seitens des Staates, sondern seitens jedes einzelnen Bürgers“, erklärte der bayerische Landesbischof. Er betonte: „Antisemitismus widerspricht allem, wofür das Christentum steht.

Der Zentralrat der Juden hatte zuvor auf die Warnung reagiert. Der Präsident der Zentralrates, Josef Schuster, sagt: „Es ist seit längerem eine Tatsache, dass Juden in einigen Großstädten potenziell einer Gefährdung ausgesetzt sind, wenn sie als Juden zu erkennen sind.“

Warnung vorm Kippa-Tragen: Israels Staatspräsident Reuven Rivlin ist „zutiefst schockiert“

Schuster sagte zudem, dass die nun eingesetzte Debatte um die Kippa positiv sei. Es sei gut, wenn die Situation von in Deutschland lebenden Juden „auch auf höchster politischer Ebene mehr Aufmerksamkeit erfährt“.

Israels Staatspräsident hat bestürzt auf die Empfehlung reagiert, Juden sollten in Teilen Deutschlands auf die Kippa verzichten. Reuven Rivlin teilte am Sonntag mit, dieser Rat von Felix Klein habe ihn „zutiefst schockiert“. Rivlin sagte weiter: „Die Verantwortung für das Wohl, die Freiheit und das Recht auf Religionsausübung jedes Mitglieds der deutschen jüdischen Gemeinde liegt in den Händen der deutschen Regierung und ihrer Strafverfolgungsbehörden.“

Die Bundesregierung sei zwar der jüdischen Gemeinde verpflichtet, „aber Ängste über die Sicherheit deutscher Juden sind eine Kapitulation vor dem Antisemitismus und ein Eingeständnis, dass Juden auf deutschem Boden wieder nicht sicher sind“, so Rivlin. Man werde im Angesicht des Antisemitismus nie kapitulieren, „wir erwarten und fordern von unseren Bündnispartnern, ebenso zu handeln“.

Der Publizist Michel Friedman hatte hingegen die Warnung des Antisemitismusbeauftragten aufs Schärfste kritisiert.

„Das ist ein Offenbarungseid des Staates“, sagte Friedman am Samstag zu den Äußerungen Kleins. Friedman verwies auf Artikel 4 des Grundgesetzes, der unter anderem die Religionsfreiheit garantiert. „Anscheinend versagt der Staat, dies allen jüdischen Bürgern im Alltag zu ermöglichen“, sagte der 63-Jährige.

Verrohung und Enthemmung der Gesellschaft

Klein hatte unserer Redaktion gesagt, er warne Juden vor dem Tragen der Kippa: „Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen.“ Er habe seine Meinung „im Vergleich zu früher leider geändert“.

Er begründete das mit der „zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung“, die einen fatalen Nährboden für Antisemitismus darstelle.

Friedman kritisierte: „Wenn ein Beauftragter der Bundesregierung offiziell der jüdischen Gemeinschaft mitteilt, ‘ihr seid nicht überall in Deutschland vor Judenhass und Gewalt sicher’, dann ist das ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat und die politische Realität in Deutschland.“

Staat muss Sicherheit aller Menschen gewährleisten

Dort, wo man nicht sicher sei, habe der Staat dies mit allen Mitteln sicherzustellen, sagte der frühere Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. „Der Staat muss gewährleisten, dass Juden sich überall angstfrei zu erkennen geben können“, sagte Friedman.

„Ich empfehle allen, diese Aussagen sehr ernst zu nehmen“, sagte Friedman zu dem Interview von Klein. „Dort, wo Juden nicht sicher und frei leben können, werden es bald auch andere nicht mehr können“, warnte Friedman.

NRW-Innenminister Reul ermutigt Juden

Nordrhein-Westfalens Innenminister hat Juden und Jüdinnen in Deutschland zum Tragen der Kippa ermutigt. „Ich kann Jüdinnen und Juden nur ermuntern, sich nicht einschüchtern zu lassen und stattdessen stolz und erhobenen Hauptes durch Deutschland zu gehen – selbstverständlich auch mit Kippa“, erklärte Herbert Reul (CDU) nach Angaben des Innenministeriums vom Samstagabend.

Vor allem antisemitische Straftaten sind 2018 gegenüber dem Vorjahr um fast 20 Prozent gestiegen, so die Angaben der Polizei. Dabei: Beleidigungen, judenfeindliche Parolen an Hauswänden, aber in Einzelfällen auch Übergriffe auf der Straße. Eine Studie zeigt, ein Großteil der jüdischen Bevölkerung glaubt, dass der Antisemitismus in Deutschland deutlich zunimmt. (kam/msb/dpa/epd/ac)

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