Antisemitismus

Nach Bonner Vorfall: Die neue Angst der Juden in Deutschland

Verwechselung nach antisemitischer Attacke – hier spricht das Opfer

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Berlin/Bonn  Nach dem antisemitischen Übergriff auf einen Professor in Bonn wächst die Angst der Juden in Deutschland. Die Zahlen zeigen: zu Recht.

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Es ist kurz vor halb drei nachmittags, an diesem warmen Sommermittwoch, als der israelische Professor Yitzhak Melamed über den Hofgarten geht, eine Wiese größer als ein Fußballfeld, im 18. Jahrhundert erbaut, direkt vor dem kurfürstlichen Residenzschloss in Bonn. In dem Prunkbau ist heute die Universität. Am Abend soll der Professor hier einen Vortrag über deutsche Philosophie halten. Er ist Gast der Sommerschule der Universität, eine Mitarbeiterin des Instituts begleitet ihn durch den Park. Professor Melamed, 50 Jahre alt, lehrt sonst in den USA. Er ist Jude und trägt an diesem Tag eine Kippa.

Gegen 14.20 Uhr, am 11. Juni, kommt ein junger Mann auf Yitzhak Melamed und seine Kollegin zu. Er sieht die Kippa, religiöse Juden tragen die kleine, kreisrunde Kopfbedeckung als Symbol ihrer Gottesfurcht. Schnell wird der unbekannte Mann aggressiv, offenbar hat er Drogen genommen, schubst den Professor, schlägt ihm mit der Hand die Kippa vom Kopf. Melamed hebt sie vom Boden auf, setzt sie sich wieder auf den Kopf. Wieder haut der Mann auf die Kippa. Dann schlägt er Melamed auf die Schulter und ruft: „Kein Jude in Deutschland!“

Schläge gegen die Kippa, Schläge von der Polizei

Der Professor wehrt sich gegen den Angriff, die beiden rangeln. Die Kollegin alarmiert per Handy die Polizei. So wird es später in der Mitteilung der Beamten stehen. Die Zeugin bestätigt den Vorfall und den Verlauf gegenüber dieser Redaktion. Eine weitere Mitarbeiterin der Universität sowie die Polizei nennen auf Nachfrage Details der Tat.

Als der 20 Jahre alte Mann die Sirenen der Polizei hört, rennt er los. Dabei, so schreiben die Beamten, reißt er sich sein T-Shirt vom Oberkörper. Professor Melamed rennt ihm nach. Zwei Streifenwagen biegen ein zum Hofgarten. Sie sehen die beiden laufen, rufen: „Halt, Polizei!“ Doch statt den mutmaßlichen Täter greifen sie Yitzhak Melamed, reißen ihn zu Boden, auf die Wiese. Er ruft auf Englisch, er sei der „Falsche“. Verstehen ihn die Beamten nicht? Weil Melamed sich angeblich gewehrt habe, schlagen die Beamten ihm ins Gesicht. Erst die Kollegin des Professors kann offenbar aufklären. Kurz danach fassen die Polizisten den jungen Angreifer.

Antisemitsmus-Opfer: „Abscheuliche Tat“

Die roten Schwielen von den Schlägen der Polizei sieht man noch in seinem Gesicht, als Melamed zurück ist in den USA

. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten, spricht von einer „abscheulichen Tat“. Die Polizeipräsidentin entschuldigte sich bei dem Professor für den Übergriff der Beamten. Neben dem Verfahren gegen den jungen Angreifer laufen auch Ermittlungen gegen die Polizisten wegen Körperverletzung im Amt. Die antisemitische Tat des jungen Mannes gerät dabei fast in den Hintergrund. Auch für Yitzhak Melamed.

Der mutmaßliche Täter des Angriffs im Hofgarten ist Deutscher, nach Information dieser Redaktion hier geboren und aufgewachsen. Er kommt aus einer palästinensischen Familie. Der Polizei war der 20-Jährige wegen Raub und Körperverletzung bekannt. Auch Drogen wurden schon bei ihm gefunden. Politisch war der Mann bisher jedoch unauffällig, die Polizei hat keine Hinweise darauf, dass er unter Islamisten, Linksradikalen oder Rechtsextremisten verkehrt. Auch die Eltern sind politisch unauffällig.

Judenhass im deutschen Alltag

Ein Israeli, Professor, zu Gast in Deutschland – dem Land, das den millionenfachen Mord an den Juden zu verantworten hat. Melamed wird Opfer von Judenhass, mitten am Tag, mitten in Deutschland. Und es ist nicht der einzige Fall von

dieser Tage. Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen, Beleidigungen in der Bahn oder auf Facebook, Hassparolen gegen Inhaber jüdischer Geschäfte. Und in Einzelfällen schlagen Judenfeinde sogar zu.

In der jüdischen Gemeinde in Offenbach wird ein Rabbiner seit Jahren immer wieder beleidigt, diese Woche belästigten ihn sechs Männer. Laut Berichten in lokalen Medien und Angaben der Polizei riefen sie Parolen wie „Free Palestine“ und „Scheiß Jude“. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In Berlin

Laut Polizei war der Auslöser für den Angriff eine Halskette mit Davidstern. In Dortmund bedrohen drei Neonazis einen 26 Jahre alten Juden, zeigen den Hitlergruß. Im April beschimpften drei Männer zwei Juden mit Kippa auf Arabisch im Berliner Prenzlauer Berg. Meldungen aus dem Deutschland im Jahr 2018.

Keine Kippa, lieber Cappy

Wer mit Vertretern von jüdischen Gemeinden oder Organisationen spricht, hört immer wieder: Die Angst vor Übergriffen wächst. Im April rät der Zentralrat den Juden: Tragt in deutschen Großstädten lieber Baseball-Cap statt Kippa.

Ein Blick in die Polizeistatistik ist zunächst weniger alarmierend. Seit Jahren schwanken die Zahlen zu Gewalt, Beleidigungen und antisemitischen Schmierereien stark – ein klarer Trend zu mehr Hass lässt sich nicht festmachen.

Antisemitische Übergriffe vor allem von Rechten

Vor allem Rechtsextremisten fallen der Polizei mit judenfeindlichen Übergriffen auf. 1381 waren es insgesamt 2016. 2017 schon 1412. Die Zahl der Gewaltdelikte von Neonazis gegen Juden ging leicht zurück – von 32 auf 29. Der Anteil von antisemitischen Vorfällen durch Rechte liegt laut Polizei bei mehr als 90 Prozent. Und radikale Töne vom rechten Rand stoßen auf Widerhall in der „Mitte der Gesellschaft“.

Antisemitische Attacke in Berlin – das Opfer filmt alles
Antisemitische Attacke in Berlin – das Opfer filmt alles

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung gibt an, dass 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“ möchten. 58 Prozent wollen definitiv einen „Schlussstrich“ ziehen. Eine Folge dieser Schuldabwehr ist eine übersteigerte Israelkritik, ein zunehmender Antizionismus. Auch Judenfeindschaft.

Doch das ist nur ein Blick auf den

In einer Studie der Universität Bielefeld hat der renommierte Forscher Andreas Zick Jüdinnen und Juden in Deutschland befragt. Sie erzählen von der Hetze gegen sie, Verwandte oder Freunde – auf der Straße, im Internet. Viele verfolgen die Medienberichte über Straftaten gegen ihre Glaubensgemeinde. Mehr als ein Drittel hat daher laut der Studie das Gefühl, der

Fast die Hälfte meint, er werde weiter zunehmen.

Viele Taten werden offenbar nicht erfasst

Eine Stadt fällt besonders auf: Berlin. Seit 2013 hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten verdoppelt, eine Beratungsstelle nennt Berlin die „Hauptstadt rechter, rassistischer und antisemitischer Angriffe“. Über Monate soll ein Schüler der neunten Klasse an der John-F.-Kennedy-Schule im Stadtteil Zehlendorf gemobbt worden sein – etwa mit Zetteln, die mit Hakenkreuzen bekritzelt waren. Laut Medienberichten hatte die Leitung der Schule den Ernst der Lage anfangs falsch bewertet.

Antisemitischer Vorfall an Deutsch-Amerikanischer Schule
Antisemitischer Vorfall an Deutsch-Amerikanischer Schule

Gerade bei Körperverletzungen, etwa auf der Straße oder in der Bahn, geben 81 Prozent der Opfer laut Umfrage an, dass der Täter „muslimisch“ gewesen sei. Polizeistatistik und Bielefelder Studie widersprechen sich. Offenbar ist das Dunkelfeld groß, dass die Behörden nicht erfassen. Hinzu kommt: Die Menschen erleben Hass – melden dies häufig jedoch nicht der Polizei. Aus Scham, aber auch weil sie schlechte Erfahrungen mit der Behörde gemacht haben und nicht an eine Aufklärung glauben.

So wird nicht jede Straftat, die ein Mensch als Angriff gegen seinen Glauben sieht, von der Polizei auch so bewertet. Experten beklagen seit Jahren, dass die Statistiken der Sicherheitsbehörde nicht der Realität jüdischen Lebens in Deutschland entsprechen würden. Die Polizei sagt, sie brauche konkrete Hinweise für ein politisches Motiv einer Straftat. Das sei oftmals nicht eindeutig belegbar.

Fantasien über Weltverschwörungen

Fast 60 Prozent der Befragten der Bielefelder Studie fühlen sich unsicherer seit der Zuwanderung vor allem aus Staaten, in denen der Islam Staatsreligion ist und der Hass auf Juden und Israel teilweise zur Doktrin einer Regierung gehört. Menschen, die nach Deutschland kommen, waren in ihrer Heimat oftmals vielfach und über Jahre anti-jüdischen Klischees und gezielter Propaganda ausgesetzt.

Dies bestätigt auch ein Forschungsbericht im Auftrag des „American Jewish Comittee“ in Berlin. Die Verfasser interviewten 68 Geflüchtete aus Syrien und Irak. Ihre Einstellungen dem Judentum gegenüber waren „positiv oder neutral“ bis zu Fantasien über jüdische Weltverschwörungen und Völkermord-Sehnsüchten. Der Bericht hält fest: „Die Position, die Welt würde von Juden oder Israel kontrolliert, wird oft als normal beziehungsweise legitim empfunden.“

Melamed steht am Abend wieder auf der Bühne

Die Verantwortlichen erkennen den Ernst der Lage. Auch der Zentralrat der Muslime verurteilte mehrfach jede Form Antisemitismus. Vergangene Woche unterzeichneten die Jüdische Gemeinschaft und das Bundesinnenministerium einen Vertrag, mit dem die jährliche Hilfe des Bundes von zehn auf 13 Millionen Euro wächst. Der Diplomat Felix Klein wurde am 11. April zum ersten Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung nominiert.

Es sind Zeichen, die der Staat gegen die Gewalt setzen will. Auch der israelische Professor Yitzhak Melamed hat ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Sein ganz persönliches. Nachdem er am Nachmittag von dem 20 Jahre alten Mann beleidigt und geschlagen wurde, kam er am Abend zurück zur Bonner Universität. Er stellte sich in den Hörsaal ans Rednerpult, vor ihm die Studierenden, und hielt seinen Gastvortrag über deutsche Philosophie.

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