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Ukraine-Krieg: Putin vom Geheimdienst in die Irre geführt?

| Lesedauer: 7 Minuten
Akw Saporischschja: Selenskyj nennt Lage "weiterhin riskant und gefährlich"

Akw Saporischschja: Selenskyj nennt Lage "weiterhin riskant und gefährlich"

Der ukrainische Präsident Wolodymy Selenskyj hat die Lage im von russischen Truppen besetzte ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja als "weiterhin gefährlich und riskant" bezeichnet. Das Atomkraftwerk musste erstmals in seiner Geschichte vom Stromnetz getrennt werden, sei aber mittlerweile wieder angeschlossen, sagte Selenskyj.

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Berlin   Falsche Annahmen führten zum Ukraine-Krieg. "Die Russen haben sich meilenweit geirrt", heißt es in Washington. Wurde Putin getäuscht?

Russlands Kriegsplan für die Ukraine geht nicht auf. Die Russen konnten weder das Land erobern noch Präsident Wolodymyr Selenskyj absetzen, nicht mal die winzige, strategisch relevante Schlangeninsel im Schwarzen Meer halten. Die "Washington Post" sieht nach der Prüfung von vertraulichen Akten, von Notizen, Protokollen den Geheimdienst FSB in der Verantwortung für die Fehleinschätzung, die zum Ukraine-Krieg führte: Wurde ausgerechnet ein gelernter Geheimdienst-Mann, Kremlchef Wladimir Putin, vom eigenen Apparat in die Irre geführt?

Dies ist die Geschichte von einem Schattenkrieg, der lange vor dem 24. Februar 2022 begann, womöglich Jahre früher – er handelt von mehr als nur einem Irrtum. Fehleinschätzungen unterliefen fast jedem Dienst: Die Russen erwarteten eine sanfte Kapitulation, die Ukraine keine klassische Invasion, keinen großen Landkrieg; die USA schon, aber nicht, dass sie in Kiew lange durchhalten würden. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) glaubte wohl an einen Bluff. Als der Krieg in jenen Februartagen begann, wurde BND-Präsident Bruno Kahl just in Kiew eines Besseren belehrt und musste eilends außer Landes gebracht werden.

Ukraine-Krieg: Hunderte Kollaborateure in Kiew

Der FSB ist ein Inlandsgeheimdienst, was nach russischem Verständnis das westliche Nachbarland einschließt. Ab 2019 beginnt er, seine Ukraine-Abteilung aufzustocken: von 30 auf 160 Offiziere. Aus der abgefangenen Kommunikation wissen die Ukrainer, dass jedem eine Region zugewiesen wird, um Kollaborateure anzuwerben.

Rückblickend könnte es der Beginn der Vorbereitungen für eine Invasion gewesen sein. Damals legt man in Kiew die Signale anders aus: Als Versuch, sich tiefer in die Ukraine einzugraben. Nicht ohne Erfolg. Bis heute hat die Ukraine nach Angaben des Innenministeriums mehr als 800 Personen festgenommen, die im Verdacht stehen, Russland durch Aufklärung oder Sabotage geholfen zu haben.

Allzu schwer haben es die russischen Agenten nicht. "Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Ukraine über Jahrzehnte fest im militärisch-sicherheitsdienstlichen Komplex der ehemaligen Sowjetunion integriert war", erinnert Gerhard Conrad, ehemals Direktor des BND und des Brüsseler "Intelligence Analysis Center" im Gespräch mit unserer Redaktion. Es gebe ein Milieu an Amtsträgern und Funktionären mit gemeinsamer sowjetischer Vergangenheit, Prägung und Loyalität, mit persönlichen und "insbesondere pragmatisch-materielle Bindungen."

Kahls Amtsvorgänger Gerhard Schindler sieht "keine Anhaltspunkte dafür, dass die russischen Geheimdienste quasi im vorauseilenden Gehorsam ein geschöntes Bild über die Lage in der Ukraine vermittelt haben". Denn eine bewusste Fehleinschätzung, sagte er unserer Redaktion, wäre für sie "ein unkalkulierbares Risiko gewesen."

Ukraine-Krieg: Die Verblendung des Geheimdienstes

Wenn sich die Russen "meilenweit" irrten, wie ein US-Beamter der "Washington Post" sagte, sich strategische Ziele setzten, "die über ihre Verhältnisse lagen" – dann aus Verblendung und nicht, um Putin zu täuschen. Dafür spricht, dass der FSB die Invasion vorbereitet hat:

  • Mindestens zwei pro-russische Regierungen standen nach Erkenntnissen des ukrainischen Geheimdienstes in Wartestellung, um ihren Platz in Kiew einzunehmen.
  • Oleg Kulinich, ein Schulfreund Selenskyjs beim Geheimdienst SBU, wird verdächtigt, für die Russen gearbeitet zu haben. In der Nacht der Invasion soll er Warnungen zurückgehalten haben.
  • Kurz vor der Invasion wurden alle Kollaborateure angewiesen, zu verschwinden, ihre Wohnungsschlüssel aber zurücklassen – für FSB-Agenten, die dann mit dem Militär in Kiew einziehen sollten.

Die Suche nach Maulwürfen hält an. Erst im Juli wurden Offiziere verhaftet und der Chef des Geheimdienstes, Ivan Bakanov, entlassen. Selenskyj kennt ihn seit seiner Kindheit. "Bei all meiner Liebe zur Ukraine sind wir nicht ohne Sünde", sagte er der "Washington Post".

Der Fall Kulinich zeigt, wie tief der FSB selbst den ukrainischen Sicherheitsapparat durchdrungen hat. Viele nahmen Geld, nicht alle lieferten Ergebnisse. Eine Nichtregierungsorganisation veröffentlichte eine Liste von Aktivisten, Identitäten und Passnummern von Dutzenden mutmaßlichen Spionen, um die Pläne der Russen zu durchkreuzen.

Ihr Plan: ein Blitzangriff auf Kiew. Nach dem Zerfall der Macht sollten die übrigen Regionen wie Dominosteine umfallen. Danach würden die Kollaborateure zurückkehren und ihren neuen Plätze einnehmen.

Es kam anders. Die Russen mussten den Angriff auf Kiew abbrechen. Schindler sieht die Fehlleistungen beim Militär: "Falsche Taktik, mangelnde Beherrschung des Zusammenwirkens von Boden- und Luftstreitkräften, unzureichende Eigensicherung und die Trefferungenauigkeit nahezu aller Systeme". Es liege auf der Hand, dass die Verantwortlichen in Moskau hinter den Kulissen versuchten, die Verantwortung bei den Geheimdiensten abzuladen. Schon im April kursierten denn auch erste Berichte, wonach Putin seine Sündenböcke gefunden habe und dass mehrere FSB-Agenten in Hausarrest seien.

Ukraine-Krieg: Valide Informationen, fatale Schlüsse

Indes, die Soldaten folgten einer Lagebeurteilung. Conrad meint, "eine Kernaussage zur Ukraine aus russischer Sicht hätte sein müssen, dass man sich der Stimmungslage und mangelnden Resilienz von Bevölkerung und Machtstrukturen eben keineswegs sicher sein konnte."

Ein "klarer Fehler" sei auch, dass die militärischen Fähigkeiten der Ukraine unterschätzt wurden, die nach 2014 auch durch westliche Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe verbessert worden waren – unter den Augen des FSB, aber auch des militärischen Geheimdienstes GRU.

Aus den Aufzeichnungen der "Washington Post" geht hervor, dass der FSB umfangreiche Umfragen in Auftrag gab und genau wusste, dass Putin unbeliebt war und eine Invasion mitnichten als Befreiung herbeigesehnt wurde. "Sind Sie bereit, die Ukraine im Falle einer solchen Notwendigkeit zu verteidigen?" 48 Prozent antworteten mit Ja. Wie interpretiert man eine solche Zahl? Als Zeichen dafür, dass Millionen bereit wären, zu den Waffen zu greifen? Oder als Hinweis, dass sich nur eine Minderheit für die Verteidigung einsetzen würde?

Putins Spione: Die Ukraine nicht wirklich verstanden

Conrad betrachtet die Unterlagen als Hinweis für "Intelligence Failure": für Wunschdenken, Vorurteile, unzulässige Generalisierungen, methodische Fahrlässigkeit und opportunistisches Meldungsverhalten. Eine "toxische Mischung", die zu den bekannten Fehlleistungen in strategischer wie operativer Planung im Kreml geführt habe, meint er.

Putins Spione haben den Gegner falsch "gelesen". Vielleicht haben sich die Ukrainer auch selbst überrascht. So viel Widerstandsfähigkeit ist vielen bis heute ein Rätsel. Der renommierte Politologe Ivan Krastev sagt, "im Zeitalter der Resilienz zählt eher der Schmerz, den man ertragen kann, als der Schmerz, den man anderen zufügen kann." Als Schlüsselmoment gilt Selenskyjs Reaktion auf das US-Angebot, ihn in Sicherheit zu bringen: "Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Zur Psycholage sagt Conrad, "da können Sie nie sicher sein. Riesen werden zu Zwerge, Zwerge werden zu Riesen". Die russischen Dienste seien "beileibe kein Einzel- oder Sonderfall". Die Risiken, die zu Fehlurteilen führten, seien "überall anzutreffen" und Thema für die Forschung zu Intelligence Failure. Der Ukraine-Konflikt, sagt er, werde "eine Reihe der besonders eindrucksvollen Fallbeispiele" liefern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.morgenpost.de

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