Atomkraft

Reaktor-Abschaltung: Belgien wagt Schritt zum Atomausstieg

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Der Meiler Doel 3 des belgischen Atomkraftwerks Doel soll am kommenden Samstag vom Netz gehen.

Der Meiler Doel 3 des belgischen Atomkraftwerks Doel soll am kommenden Samstag vom Netz gehen.

Foto: Oliver Berg / dpa

Antwerpen.  In Belgien geht am Wochenende ein „Riss-Reaktor“ vom Netz. Deser erste Schritt hin zum Atomausstieg wird auch hierzulande mit Spannung erwartet.

Belgien geht einen ersten Schritt in Richtung Atomausstieg: In der Nacht zu Samstag wird einer der umstrittensten Reaktoren des Landes nach rund 40 Jahren Laufzeit abgeschaltet. Deutsche Atomkraftgegner sehen dennoch keinen Grund zum Jubeln. Denn angesichts von Ukraine-Krieg und Energiekrise wird auch in Belgien über die Versorgungssicherheit gestritten. Das ursprüngliche Ausstiegs-Zieldatum 2025 steht auf der Kippe.

„Einige von uns können immer noch nicht glauben, dass der Reaktor endlich abgeschaltet wird“, sagt Walter Schumacher vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie. Der pensionierte Mathematiker setzt sich seit Jahren für die Abschaltung von zwei „Riss-Reaktoren“ in Belgien ein, wie sie bei Atomkraft-Gegnern heißen.

Belgien verstieß mit Fortbetrieb gegen EU-Recht

Dazu gehört der Meiler Doel 3 bei Antwerpen, der in der Nacht auf Samstag vom Netz gehen soll. Aktivisten rund um Aachen machen zudem gegen den Block Tihange 2 bei Lüttich mobil, der nur rund 50 Kilometer Luftlinie vom Dreiländereck liegt. Er soll spätestens zum 1. Februar abgeschaltet werden.

Walter Schumacher und die anderen Aachener Aktivisten fürchten, „dass das Ding bersten kann“ und dann eine radioaktive Wolke nach Westen zieht, „die Aachen vernichtet“. Denn in den beiden umstrittenen Meilern fanden Experten bereits im Jahr 2012 tausende Haarrisse in den Reaktordruckbehältern.

Dennoch ließ Belgien die beiden Reaktoren weiterlaufen, ohne die Nachbarländer anzuhören und ohne die Umweltverträglichkeit zu prüfen - widerrechtlich, wie unter anderem der Europäische Gerichtshof urteilte. In Deutschland stieß dies auf Kritik bis hin zur Bundesregierung, auch in Luxemburg und den Niederlanden protestierten Atomkraftgegner.

NRW-Minister: Abschaltung würde Land sicherer machen

„Wenn die beiden Meiler vom Netz gehen, wird das NRW sicherer machen“, sagte der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) der „Aachener Zeitung“. Auch er setzt sich seit Jahren für die Abschaltung der „Riss-Reaktoren“ ein.

„Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur fünf, sondern alle sieben Meiler in Belgien bis 2025 vom Netz gehen“, sagte Krischer weiter. „Aber ich muss akzeptieren, dass die Belgier angesichts der Energiekrise und des Ukraine-Krieges den Weiterbetrieb der beiden jüngsten Meiler beschlossen haben.“ Die letzten belgischen Reaktoren könnten nach einer Kompromissregelung noch bis 2035 laufen, wenn ansonsten die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet ist.

Belgiens Innenministerin wollte Aufschub der Abschaltung erwirken

In Belgien wird die Atomdebatte noch erregter geführt als in Deutschland. Denn im Nachbarland regiert eine „Ampel plus“: Liberale, Grüne und Sozialdemokraten haben sich dort mit den flämischen Christdemokraten zusammengeschlossen.

In Person von Innenministerin Annelies Verlinden sorgten letztere gerade erst für Unruhe: Die Christdemokratin verkündete vor wenigen Tagen im Fernsehen, sie lasse einen Aufschub für den Rückbau des ersten „Risse-Meilers“ prüfen. Die belgischen Grünen äußerten sich „schockiert“ und warnten vor einer heimlichen Laufzeitverlängerung. Regierungschef Alexander De Croo pfiff die Innenministerin daraufhin nach Medienberichten zurück.

„Ich persönlich bin sicher, dass die Riss-Reaktoren ein Ende haben“, sagt dazu der Aachener Atomkraftgegner Schumacher. Persönlich versichern will er sich bei einem Besuch in Antwerpen. Dort will er in einer Bar mit Gleichgesinnten auf die Abschaltung des ersten Meilers anstoßen. (AFP)

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