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Studenten helfen Studenten - am "Zuhör-Telefon" Nightline

Foto: waz

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Essen. Wenn der Punkt gekommen ist, an dem es nicht mehr weiter geht wie bisher, klingelt es bei der Nightline. So nennt sich neudeutsch das "Zuhör-Telefon" von Studenten für Studenten an der Uni Münster - nach eigenen Angaben das einzige Angebot dieser Art in NRW.

"Nennen Sie mich Jan", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Aber wir könnten ihn auch Andre oder Thomas nennen, sein richtiger Name wäre es auch dann nicht. Was wir sagen dürfen: Jan ist 27 Jahre jung, angehender Jurist, Student an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und einer der Menschen am anderen Ende der Nightline, eines telefonischen Beratungsangebots an der Hochschule. Von Studenten für Studenten. Anonym für Nightliner wie Hilfesuchende, niedrigschwellig und institutionell unabhängig, umreißt Jan das Angebot: "Wir haben einfach ein offenes Ohr für die Sorgen, Nöte und Anliegen der Studenten." Die Besonderheit: Anrufer und Angerufene befinden sich im gleichen Lebensabschnitt. Ein Gespräch "auf Augenhöhe", sagt der Berater.

"Der Bedarf ist durchaus da"

"Der Bedarf ist durchaus da", sagt Jan und verweist auf eine Studie des Hochschulinformationssystems. Demnach trägt rund ein Fünftel der Studenten an der Münsteraner Uni psychische Probleme aller Art mit sich herum. Angesichts von 50.000 Studenten an der Hochschule kommt da was zusammen. "Und wenn man dann noch die Dunkelziffer dazunimmt...", sagt Jan. Dann verwundert es fast, dass bei der Hotline bloß 200 Anrufe pro Semester eingehen. Aber das Angebot spricht sich auch erst langsam herum, wird auch erst allmählich bekannter. Die Anrufe werden stetig mehr, sagt Jan.

Jan ist eins der Gründungsmitglieder der Nightline an der Münsteraner Uni. Ende 2007 ging das Angebot an den Start. Aus Großbritannien stammt die Idee, in Süddeutschland fiel sie auf fruchtbaren Boden, in Heidelberg entstand die erste Nightline und die Münsteraner adaptierten sie in den Norden des Landes. 40 Nightliner zählt die Initiative, allesamt Ehrenamtler, die mit speziellen Schulungen auf ihre Tätigkeit vorbereitet werden.

Therapeuten sind die Nightliner nicht

Unter denen, die anrufen, sind Studenten, die gerade zum dritten Mal vor einer Prüfung stehen, durch die sie schon zweimal gerasselt sind - ohne, dass die Eltern darüber Bescheid wissen. Aber auch Kommilitonen, die gerade Liebeskummer plagt oder die Stress mit dem Partner haben. Die finanzielle Probleme drücken. Oder Studenten, die neu in der Stadt sind, die sich erst zurecht finden müssen, die Einsamkeit plagt. Es können aber auch ganz banale Sachen sein wie die Frage, wo denn welche Einrichtung an der Uni zu finden ist. Kein Gespräch ist wie das andere, sagt Jan. Können die Berater selbst nicht helfen, vermitteln sie bei Bedarf an andere Einrichtungen inner- oder außerhalb der Uni. Denn auch das stellt Jan klar: Therapeuten sind die Nightliner nicht.

Das Prinzip der Nightliner ist immer gleich, erzählt Jan: "Wir geben keine Ratschläge, wir hören zu." Oftmals wüssten die Anrufer auch schon selbst, wo der Schlüssel zur Lösung ihrer Probleme liegt, seien sich aber noch nicht hundertprozentig sicher. Da helfe es, wenn der Nightliner zuhöre, das Gesagte etwas strukturiere und zusammenfasse, die Gedanken spiegele, wie Jan es nennt. Ein erfolgreiches Gespräch sei schließlich nicht zuletzt vor allem "Hilfe zur Selbsthilfe".

Einfach nur zuhören

Das Telefon hat geschwiegen in den Semesterferien. Seit dem Vorlesungsbeginn ist die Nightline-Leitung an der Uni Münster aber wieder frei. Und das Telefon wird wieder schellen. "Es klingt nach wenig", sagt Jan über seine Aufgabe, einfach nur zuzuhören und da zu sein. Aber manchmal spürt er wie die anderen Nightliner am Ende des Gesprächs die Erleichterung: "Die Anrufer sind überrascht, dass sich jemand Fremdes soviel Zeit für sie genommen hat." Und manchmal hört Jan auch Sätze, für die es sich lohnt, diesen Job zu machen: "Danke, dass ich bei euch anrufen durfte." Ein Dank dafür, dass es geholfen hat.

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