Sabbatical

Südwestfalens Unternehmen locken Fachkräfte mit Sabbatzeiten

Sabbatzeit – das ist mehr als nur Abhängen.

Sabbatzeit – das ist mehr als nur Abhängen.

Foto: Stefanie Päffgen/d

Hagen.  Um Fachkräfte zu halten, bieten viele Betriebe Auszeiten an. Warum es ein Gewinn ist, wenn ein Mitarbeiter im Garten Heidelbeeren pflegt.

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„Wenn du jemanden liebst, lass ihn gehen. Kehrt er zurück, ist er dein.“

Eine alte Weisheit, die auch Unternehmen in Südwestfalen immer häufiger befolgen. Raus aus der Routine. Für ein paar Wochen, Monate oder vielleicht ein ganzes Jahr.

Auch, wenn die Urlaubszeit vielleicht gerade erst vorbei ist: Umfragen zufolge träumen davon zwischen 50 bis 60 Prozent der Beschäftigten – unter den jüngeren aus der Generation Y sollen es sogar 80 Prozent sein. Und so wird in Zeiten des Fachkräftemangels das Sabbatical, also die Auszeit, für Betriebe zu einem immer wichtigeren Instrument, um Mitarbeiter an sich binden, vielleicht sogar zu gewinnen.

Personalleiter: Gute Arbeitgeber müssen Sabbaticals anbieten

„Das müssen gute Arbeitgeber im Köcher haben, um attraktiv für Mitarbeiter zu sein“, ist Markus David überzeugt, Personalleiter bei Infineon am Standort Warstein. Im Jahr 2015 hat der Konzern deshalb Sabbaticals in einer ­Gesamtbetriebsvereinbarung geregelt. Auszeiten vom Beruf gab es aber auch schon vor dieser Vereinbarung. So hat es in Warstein in den Jahren von 2009 bis 2018 ­insgesamt 39 Sabbaticals gegeben für 33 Mitarbeiter. „Manche Kollegen haben gleich zwei Mal eine Auszeit eingelegt“, erklärt Markus David.

Es sind nicht nur allein die ­Führungskräfte, die eine kreative Pause einlegen: Von den 33 Mitarbeitern sind 18 gewerbliche Arbeitnehmer. Auszeiten dauern bei Infineon zwischen einem und sechs Monaten. „Wir wollen den Mitarbeitern entgegenkommen, damit sie Beruf und Privatleben vereinbaren können“, sagt Markus David. Man müsse auf die Lebensphasen eines Beschäftigten flexibel reagieren.

Mittelständler versuchen attraktiv zu bleiben

„Für mittelständische Unternehmen ist das nicht ganz einfach“, sagt Thomas Kleb, Geschäftsbereichsleiter bei der Maschinenbaufabrik Heinrich Georg in Kreuztal. Das Unternehmen ist gerade von der Südwestfalen-Agentur mit dem Arbeitgeber-Marketing-Preis ausgezeichnet worden.

Thomas Kleb erklärt das Dilemma der Mittelständler, die einerseits dringend Fachkräfte suchen und andererseits Mitarbeiter ins Sabbatical ziehen lassen sollen. „Konzerne sind da ganz anders aufgestellt.“ Dennoch gibt es die Auszeiten auch in der Kreuztaler Maschinenbaufabrik. Man müsse dem Wertewandel in der Gesellschaft und dem Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten, der Vereinbarkeit nach Beruf und Privatleben Rechnung tragen, ist Thomas Kleb überzeugt.

Der Mitarbeiter verbringt Sabbatical im eigenen Garten

Frank Born hat das einmonatige Sabbatical dazu genutzt, sein „Gartenprojekt“ zu verwirklichen. 6000 Quadratmeter Land ist das Grundstück groß, auf dem er mit seiner Frau lebt. „Ich habe einen Gartenteich angelegt, um eine großes Heidelbeerfeld mit 60 Sträuchern zu bewässern.“

Er mörtelte eine Natursteinmauer auf, goss Fundamente – „alles in entspannter Handarbeit und als Ausgleich zur fordernden Büroarbeit“, sagt Born, der bei Infineon im Qualitätsmanagement ist. „Am Ende meines Sabbaticals blicke ich auf einen selbst umgestalteten Garten – in dem ich nun herrlich entspannen kann. Da ich mich körperlich stark beschäftigt hatte, war mein Geist frei von Qualitätsmanagement-Themen und mein Körper wunderbar trainiert.“

Sabbatjahre bieten vielen einen Tapetenwechsel

Felix Berghoff aus Lennestadt, Geschäftsführer der Ontavio GmbH, hat das Stellenportal karriere-suedwestfalen.de mit aufgebaut. Sabbatjahre sieht er vor allem als Instrument, um Mitarbeiter, die nach vielen Jahren im Betrieb einen Tapetenwechsel brauchen, zu halten. Nach dem Motto: Lieber eine Auszeit, als eine Kündigung.

Bevor er sich selbstständig gemacht hat, war er Angestellter in einem größeren Unternehmen in Süddeutschland – und erlebte dort, dass seine Chefin eine Auszeit einlegte. „Die Mitarbeiter mussten in dieser Zeit ihre Aufgaben übernehmen“, blickt er zurück – aber ohne Zorn: „Das hat uns gestärkt; wir haben uns weiter entwickelt“, sieht er das Sabbatjahr nicht nur als Mehrarbeit für die Kollegen, sondern auch als Vorteil.

"Mitarbeiter kommen motivierte zurück"

Dass Team zu organisieren, um die Abwesenheit eines Kollegen aufzufangen, das sei schon eine Herausforderung, sagt Markus David. Sie anzunehmen, lohne sich aber: „Ich nehme wahr, dass die Mitarbeiter motivierter zurückkommen“, sagt er. „Sie verlieren den Tunnelblick“, bestätigt Thomas Kleb, „und bringen neue Perspektiven und Inspirationen in den Betrieb.“

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