Europäische Union

Team Ursula: Diese zehn EU-Kommissare muss man sich merken

Ursula von der Leyen am Dienstag in Brüssel vor ihrer EU-Kommission.

Ursula von der Leyen am Dienstag in Brüssel vor ihrer EU-Kommission.

Foto: YVES HERMAN / Reuters

Brüssel.  Viele Frauen, ein Junior und drei Fragezeichen: Mit einer bunten Truppe will von der Leyen als Kommissionspräsidentin die EU regieren.

Die künftige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die entscheidenden Weichen für ihren Amtsantritt Anfang November gestellt: In Brüssel präsentierte die 61-Jährige ihr Team mit 26 Kommissaren aus den EU-Mitgliedstaaten – es ist praktisch eine Art große EU-Regierung mit 26 Ressorts, mit der von der Leyen die Geschicke Europas mitbestimmen will.

Die frühere Verteidigungsministerin sorgte gleich für eine Überraschung – die Verteidigungspolitik soll in der EU-Kommission aufgewertet werden, erhält eine eigene Generaldirektion. „Mein Team für Europa ist gut ausbalanciert und bündelt unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten“, sagte von der Leyen.

Ihr Team ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich: Sie ist selbst die erste Frau auf dem Chefposten in der Geschichte der EU – und nun wird erstmals die EU-Kommission fast zur Hälfte mit Frauen besetzt sein. Mit von der Leyen als Präsidentin liegt das Verhältnis bei 13 Frauen zu 14 Männern.

EU-Kommission mit viel Erfahrung

Die Kommission hat außerdem auffallend viel Erfahrung: Acht Kandidaten haben schon der amtierenden Kommission angehört, 14 weitere haben nationale Regierungsämter ausgeübt. Konsequenz: Das Durchschnittsalter der Kommission liegt bei 55,8 Jahren, 2,5 Jahre höher als beim Start der Juncker-Kommission. Der älteste Kommissar wird der Außenbeauftragte Josep Borrell (72) sein.

An Bord ist mit dem erst 28-jährigen litauischen Wirtschaftsminister Virginjius Sinkevicius (Grüne) aber auch der jüngste EU-Kommissar aller Zeiten mit dem Ressort Umwelt. Jedes der 26 Mitgliedsländer hat Anspruch auf einen Posten und hat den Anwärter selbst benannt – von der Leyens Herausforderung war, daraus ein schlagkräftiges Team zu formen, das entscheidend für ihren Erfolg ist.

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Die regierungserfahrene Präsidentin stützt sich jetzt auf drei herausgehobene Vizepräsidenten, zum Machtzentrum zählen daneben eine Handvoll wichtiger Kommissare – nur die wenigsten sind Christdemokraten, deren Präsenz in der Kommission auch insgesamt schwächer wird. Diese Kommissare muss man jetzt kennen:

Die „exekutiven Vizepräsidenten“:

• Frans Timmermans

Der Niederländer Frans Timmermans (58) betreut im „Team Ursula“ den „europäischen grünen Deal“ und die Klimapolitik, das zentrale Feld, mit dem von der Leyen in der EU ganz schnell punkten will. Der eloquente und emotionale Sozialdemokrat ist bereits Erster Vizechef in der aktuellen Juncker-Kommission, zuständig unter anderem für Rechtsstaats-Verfahren mit Polen und Ungarn. Davor war er Außenminister in Den Haag. Der machtbewusste Timmermans spricht sieben Sprachen - und hat im Europawahlkampf selbst für den Präsidentenposten kandidiert.

• Margrethe Vestager

Die Dänin Margrethe Vestager (51) wird als Vizechefin die Digitalisierung betreuen. Sie behält aber zugleich ihre Aufgabe als Wettbewerbskommissarin, in der sie sich mit mutigen Entscheidungen gegen Internet-Konzerne wie Google oder Facebook viele Sympathien erworben. Vestager ist Sozialliberale, gehört dem Parteilager von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an. Auch sie hat bei der Europawahl selbst für den Job des Kommissionschefs gekämpft – anders als Timmermans hat sie aber sehr schnell einen engen Draht zu von der Leyen gefunden.

• Valdis Dombrovskis

Der lettische Christdemokrat Valdis Dombrovskis (48) wird als dritter herausgehobener Vize-Chef den großen Bereich Wirtschaft verantworten. Er war schon in der jetzigen Kommission Vizepräsident, zuständig für den Euro.

• Josep Borrell

Der spanische Außenminister Josep Borrell (72) wird EU-Außenbeauftragter und damit einer der weiteren Vizechefs. Wie seine Vorgängerin Federica Mogherini ist er Sozialdemokrat, von 2004 bis 2007 war er Präsident des EU-Parlaments. Borells Nominierung stößt auch auf Kritik, im EU-Parlament wird er wohl „gegrillt“: Er äußert sich gern mal undiplomatisch, hat sich im spanischen Katalonienkonflikt viele Gegner gemacht; ob er das hohe Reisetempo seiner Vorgängerin halten kann, wird in Brüssel bezweifelt.

Diese EU-Kommissare werden auch wichtig:

• Sylvie Goulard

Die Französin Sylvie Goulard (54) bekommt das prestigeträchtige Ressort Binnenmarkt, verknüpft mit stärkerer Kompetenz für Verteidigung und Weltraum – Aufgaben, die für Frankreich von besonderem Interesse sind. Die Liberale Goulard ist eine Vertraute von Präsident Emmanuel Macron, Vizechefin der französischen Zentralbank und bekannt als glühende Europäerin.

Aus ihrer Zeit als Verteidigungsministerin in Paris kennt sie von der Leyen gut, aus ihrer Zeit als Europaabgeordnete ist sie in Brüssel bestens vernetzt. In der Kommission wird spekuliert, Goulard werde mit von der Leyen und Vestager ein heimliches Spitzen-Trio bilden.

Kleiner Schönheitsfehler: In Frankreich gibt es gegen sie noch Ermittlungen wegen Vorwürfen der Scheinbeschäftigung im Europaparlament, die sie 2017 das Ministeramt der gekostet hatten. Goulard hat deshalb dem Europaparlament kürzlich 45.000 Euro überwiesen, dort ist der Fall jetzt abgeschlossen.

• Paolo Gentiloni

Paolo Gentiloni (64), der künftige Kommissar für Wirtschaft, zählt in Italien zu den wichtigsten Politikern. Der Sozialdemokrat war lange Minister und von 2016 bis 2019 Regierungschef. Die italienische Regierung erhofft sich von Gentiloni mehr Einfluss in Brüssel – von der Leyen hofft umgekehrt darauf, dass Gentiloni die Akzeptanz der EU-Politik im viertgrößten Mitgliedstaat erhöht.

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• Didier Reynders

Didier Reynders (61), Kommissar für Justiz, hat in Belgien 20 Jahre Regierungserfahrung hinter sich, zuletzt als Außenminister. Der ehrgeizige Liberale liebäugelt schon lange mit dem Wechsel in die EU. Als enger Vertrauter des belgischen Premiers Charles Michel, der im November EU-Ratspräsident wird, und als Verbündeter von Präsident Macron hat Rynders für von der Leyen machtpolitisch eine herausgehobene Bedeutung. Der Jurist versteht sich als Vermittler, zuletzt im Rechtsstaatskonflikt mit Polen, das dürfte von Nutzen sein.

• Johannes Hahn

Johannes Hahn (61), Haushaltskommissar, ist schon seit 2010 Mitglied der EU-Kommission, bislang zuständig für Regionalpolitik und zuletzt für die EU-Erweiterung. Der ruhige Österreicher ist einer der wenigen Christdemokraten in von der Leyens Machtzentrum – und mit seiner Erfahrung eine wichtige Stütze.

• Vera Jourova

Die Tschechin Vera Jourova (55), Vizepräsidentin für Werte und Transparenz , hat sich als amtierende Justiz- und Verbraucherschutzkommissarin seit 2014 einen guten Namen gemacht. Sie war für die neue EU-Datenschutzverordnung zuständig. Jourova gehört der liberalen Partei des Präsidenten Andrej Babis an, ist von dessen Skandalen aber unberührt geblieben. Das US-Magazin Time zählt sie aktuell zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Jourova hat einen Ruf als unabhängige Politikerin, ihre Berufung gilt als Signal an die osteuropäischen Staaten.

• Margaritis Schinas

Der Grieche Margaritis Schinas (57) wird als Vizepräsident für Sicherheit und Migration zuständig. Der Jurist und Christdemokrat war bisher Chefsprecher von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Drei Fragezeichen: Die Wackelkandidaten

In den kommenden Wochen werden alle Nominierten in den zuständigen Ausschüssen des Europaparlaments angehört, Ende Oktober muss das Parlament die gesamte Kommission bestätigen. Einzelne Anwärter könnten bis dahin noch ausgetauscht werden. Vorbehalte bei Parlamentariern gibt es vor allem gegen die drei Nominierten aus Ungarn, Polen und Rumänien.

Der für Ungarn aufgestellte ehemalige Justizminister Laszlo Trocsanyi steht in der Kritik, weil er eine umstrittene und inzwischen gestoppte Justizreform mitgetragen hat. Gegen den polnischen Kandidaten Janusz Wojciechowski ermittelt die europäische Antibetrugsbehörde Olaf wegen womöglich falscher Reiseabrechnungen. Die von Rumänien nominierte Rovana Plumb sieht sich dem Vorwurf des Amtsmissbrauchs ausgesetzt.

• Die weiteren Posten in der EU-Kommission übernehmen:

  • Maroš Šefčovič (53, Slowakei) als Vizepräsident und Kommissar für interinstitutionelle Beziehungen. Bisher war er Vize-Präsident und Kommissar für die Energieunion. Er ist großer „Star Trek“-Fan.
  • Dubravka Šuica (62, Kroatien) als Vizepräsidentin und Kommissarin für Demokratie und Demografie. Bisher war sie Mitglied des Europäischen Parlaments. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Englisch und war lange Bürgermeisterin von Dubrovnik.
  • Mariya Gabriel (40, Bulgarien) als Kommissarin für Innovation und Jugend. Bislang war sie Kommissarin für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Sie wurde zweimal zur Europa-Abgeordneten des Jahres gewählt.
  • Jutta Urpilainen (44, Finnland) als Kommissarin für Internationale Partnerschaften. Bisher war sie finnische Finanzministerin. Kurz vor der Berufung nach Brüssel hat sie ein zweites Kind aus Kolumbien adoptiert.
  • Phil Hogan (59, Irland) als Kommissar für Handel. Bisher war er Agrarkommissar und hat früher vorübergehend den Bauernhof seiner Familie geführt. Der 1,95-Meter-Mann und Brexit-Gegner gilt als cleverer Verhandler.
  • Stella Kyriakides (63, Zypern) als Kommissarin für Gesundheit. Bislang war sie Abgeordnete im zypriotischen Parlament. Sie ist Präsidentin der ersten Brustkrebsbewegung in Zypern und organisierte 2013 eine Sensibilisierungskampagne.
  • Virginijus Sinkevičius (28, Litauen) als Kommissar für Umwelt und Ozeane. Bislang war er Wirtschaftsminister in Litauen. Sinkevičius ist das jüngste Mitglied der neuen Kommission von Ursula von der Leyen.
  • Helena Dalli (56, Malta) als Kommissarin für Gleichstellung. Bislang war sie Sozial- und Verbraucherschutzministerin in Malta. Dalli ist die erste Schauspielerin und Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbs, die es in die EU-Kommission geschafft hat.
  • Kadri Simson (42, Estland) als Kommissarin für Energie. Bislang war sie Wirtschaftsministerin in Estland. Simson wird von Parteikollegen als „gut vorbereitet“, „fröhlich“ und „loyal“ gegenüber der Estnischen Zentrumspartei beschrieben.
  • Ylva Johansson (55, Schweden) als Kommis sarin für Inneres. Bislang war sie Arbeitsmarktministerin in Schweden. Die frühere Mathe-, Physik- und Chemielehrerin ist sehr aktiv auf Instagram. Ihr Mann ist ebenfalls Politiker.
  • Elisa Ferreira (63, Portugal) als Kommissarin für Kohäsion und Reformen. Bislang war sie Abgeordnete im Europaparlament. Seit 1977 unterrichtet sie nebenbei an der Wirtschaftsfakultät der Universität Porto.
  • Nicolas Schmit (65, Luxemburg) als Kommissar für Arbeitsplätze. Bislang war er Arbeitsminister in seinem Land. Schmit wurde 2011 vorgeworfen, Polizisten unter Druck gesetzt zu haben, damit seinem Sohn Bußgelder erlassen werden.

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