Ukraine

Ukraine-Krieg: Charkiw schwankt zwischen Freude und Angst

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Kämpfer im Asow-Stahlwerk: Hilferuf der Ehefrauen

Kämpfer im Asow-Stahlwerk: Hilferuf der Ehefrauen

Seit Wochen sitzen ihre Ehemänner im von russischen Truppen belagerten Asow-Stahlwerk im ukrainischen Mariupol fest: Junge Ehefrauen der ukrainischen Kämpfer reisen derzeit durch Europa und bitten um internationale Hilfe für ihre Befreiung.

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Charkiw.  Ukrainische Truppen starten im Osten der Ukraine eine erfolgreiche Gegenoffensive. Wie die Menschen in Charkiw jetzt darauf reagieren.

Es soll ein Bild des Triumphes sein. Rund ein Dutzend ukrainischer Soldaten versammelt sich um einen Holzpfosten in den Nationalfarben Blau und Gelb. Sie tragen Patronengurte und haben die Maschinenpistolen im Anschlag. Einige lächeln. Der Holzpfosten, so heißt es in einem vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Video, sei vor einem Graben mit russischen Grenzschildern eingerammt worden. „Wir haben es geschafft, wir sind hier“, sagt einer der Soldaten in dem Video. Die Einheit habe die Grenze „zum Besatzungsland“ erreicht.

Truppen der 127. Brigade ist es nach Angaben von Kiew gelungen, die Gebiete nördlich von Charkiw zurückzuerobern. Russland ziehe seine Einheiten aus der Region ab und verlege sie für eine neue Offensive Richtung Luhansk in den Donbass, betont der ukrainische Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch. Die Russen hätten sich aus acht Dörfern nördlich von Charkiw zurückgezogen. „Die Ukraine“, schreibt das amerikanische Militärforschungsinstitut Institute for the Study of War, „scheint die Schlacht um Charkiw gewonnen zu haben.“

Der neue Optimismus in der lange umkämpften Stadt Charkiw lässt sich im „Protagonist“ spüren, einem angesagten Treffpunkt. Der Laden ist je nach Tageszeit Frühstückscafé, Restaurant oder Tanzbar. Zwischen den Tischen thront eine Musikanlage der Marke Pioneer DJ. Am Mittag ist der „Protagonist“ voll mit Soldaten der ukrainischen Armee. Junge, athletische Typen, die dunkle Brillen tragen oder Piratenkopftücher in Tarnfarbe.

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Ukraine: Charkiw schwankt zwischen Siegesfreude, Erleichterung und Angst

Die Soldaten sind bestens ausgerüstet – der Monatssold an der Front beträgt derzeit umgerechnet rund 3000 Euro. Die Schutzwesten der Kämpfer sind vollgehängt mit Funkgeräten, Pistolen, Patronenmagazinen, Handgranaten oder Kampfmessern. Viele hantieren an ihren iPhones. „Putin“, grinst einer am Nebentisch, „sieht immer älter aus.“ Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg: Die größten Fehler der russischen Armee

Nach einer drei Monate langen Belagerung und Trommelfeuer durch die russischen Truppen atmet Charkiw durch. Immer weniger gegnerische Geschütze erreichen die Wohnviertel. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine schwankt zwischen Siegesfreude, Erleichterung und Angst – die Todesgefahr ist chronisch geworden.

Die Gebäude des sowjetischen Neoklassizismus im Zentrum sind stark beschädigt. Viele der mannshohen Fenster haben kein Glas mehr, andere sind mit Sperrholz vernagelt, Ziegel, ganze Dach- und Mauerstücke fehlen. Der Geschosshagel verwandelte ganze Plattenbauviertel im Nordosten Charkiws in rußige Hochhausruinen. Vor allem den Stadtteil Saltowka hat es getroffen, die größte Schlafstadt der Ukraine, wo 300.000 der 1,5 Millionen Einwohner lebten. Bis zum 21. April zählte die Stadtverwaltung 228 zivile Todesopfer.

Charkiw: „Die Stadt wird viel schöner als vor dem Krieg“

Nun herrscht in Charkiw Frühling. Abends versammeln sich außer Soldaten und Polizisten auch Biker und Radrennfahrer an der Uferpromenade. „Die Stadt wird viel schöner als vor dem Krieg“, schwärmt Vadim, ein junger PR-Experte. Er organisiert jetzt als Freiwilliger im Internet Kinderzeichnungen für die kämpfende Truppe. Im Feinschmecker-Supermarkt „Le Silpo“ gibt es wieder Dutzende gereifter Hartkäsesorten und frische Vollkornbrotsorten. Charkiw will leben.

Auch auf den Bänken in den Parkanlagen an der U-Bahn-Station Sahysnykiv Ukrainy plaudern Menschen miteinander, Kinder tollen um sie herum. Aber die Leute sehen blass aus. Ab und zu gehe sie nach Hause, jedoch nur kurz, erzählt Alisja, eine Zeitschriftenhändlerin auf dem berühmten Parabaschowo-Großmarkt. Den Job hat sie verloren, weil der Markt zerbombt wurde. Auch interessant: Wie ein russischer Priester ukrainischen Flüchtlingen hilft

Alisja lebt seit drei Monaten mit ihrem achtjährigen Sohn auf dem Bahnsteig der U-Bahn, mit etwa 200 anderen Charkiwern, die unter der Erde Schutz vor den Bomben gesucht haben. Es gibt Internet, Toiletten, eine Dusche. Ihren Schnellkochtopf hat die Frau von zu Hause mitgebracht. Aber noch will niemand nach Hause. „Jetzt ist es ruhig“, sagt Alisja, „doch keiner weiß, was in einer Stunde geschieht.“

Ukraine: Die Menschen können den Krieg nicht einfach verdrängen

Die russischen Raketen könnten noch immer die ganze Stadt treffen. Es gebe keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen man zur Arbeit komme. Auch könne man kaum etwas verdienen, weil die meisten Fabriken kaputt seien. Sie und ihre Schicksalsgenossen leben von Ersparnissen oder von der Buchweizengrütze, die freiwillige Helfer bringen.

Die Menschen versuchen, den Krieg zu verdrängen. Sie leben ihren Alltag weiter – bis ihnen das Dach über dem Kopf weggeschossen wird. Aber wer einmal mental im Krieg gelandet ist, kommt nicht so einfach wieder heraus. „Wie der Krieg dich verändert?“, überlegt die Zeitungsverkäuferin. „Die Antwort verstehst du erst, wenn du anfliegende Raketen mit eigenen Augen gesehen hast.“

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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