Tübingen

Wie ein russischer Priester ukrainischen Flüchtlingen hilft

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Hilft Menschen aus dem Kriegsgebiet: der russische Priester Aleksei Volchkov im Gebetsraum der Gemeinde in Tübingen.

Hilft Menschen aus dem Kriegsgebiet: der russische Priester Aleksei Volchkov im Gebetsraum der Gemeinde in Tübingen.

Foto: Alex Kraus

Tübingen.  Aleksei Volchkov besucht Geflüchtete aus dem Kriegsgebiet in einer Tübinger Unterkunft. Sie beten zusammen für Frieden in der Ukraine.

Aleksei Volchkov geht vorbei an den Trennwänden aus hellem Plastik, vorbei unter den Basketballkörben, in einer Ecke spielen Kinder auf einem Teppich mit Spielzeugbaggern. Vor einer Bierbank holt Volchkov seine schwarze Robe aus seinem hellblauen Rucksack, streift sie über seinen Kopf, legt sein lila Epitrachelion um seinen Hals wie einen Schal, und hängt sich die Kette mit dem goldenen Kreuz um.

Aleksei Volchkov, 40 Jahre alt, ein russisch-orthodoxer Priester aus Sankt Petersburg, steht in der Ecke der Tübinger Kreissporthalle, in der seit einigen Wochen Menschen auf der Flucht leben. Familien aus der Ukraine, geflohen vor Putins Panzer und Bomben.

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Als der russische Angriff auf die Ukraine erst einige Tage alt war, da machte eine Meldung Schlagzeilen. Patriarch Kyrill predigte in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Er redete über den Frieden und das „Leid“ der Menschen in der Ostukraine, im Donbass. Über die „Prüfung“, die diese Menschen bestehen müssten, einen „Test der Loyalität“ zu seiner Kirche, der russisch-orthodoxen.

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Volchkov hat einen kleinen Gebetsraum in der Flüchtlingsunterkunft aufgebaut

Und dann sagte Kyrill in seiner Predigt, dass angeblich inszenierte „Schwulen-Paraden“ in der Ukraine die Gläubigen unter Druck setzen würden. Indirekt, so lassen sich diese Botschaften bewerten, rechtfertigt das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche den Angriff auf die Ukraine. Krieg auch als Kulturkampf.

Kyrill ist das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Er ist, sozusagen, Aleksei Volchkovs oberster Boss. An diesem Mittwochnachmittag im sonnigen Tübingen will der junge Priester Volchkov nun mit Menschen aus der Ukraine beten. Für den Frieden in der Ukraine. Volchkov ist ein wenig nervös – ein russischer Priester, der sich auch für ukrainische Geflüchtete einsetzt, das kann Ärger für ihn bedeuten, wenn diese Bilder in den falschen Hals geraten.

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Jede Woche kommt er hierher. An einer Wand der Turnhalle, neben einer Sprossenwand, hat Volchkov einen Gebetsraum aufgebaut, nicht viel größer als ein Ehebett, abgegrenzt mit den dünnen Plastikwänden, die sonst die Pritschen der Schlafplätze der Geflüchteten abschotten. An die weiße Tür hat Volchkov ein Ikonenbild geklebt, die Madonna mit Kind, daneben ein Bild mit Jesus Christus.

Lydia. Anatolya. Wasilia. Filippa. Anastasia. „Für die Verstorbenen“

Volchkov hat Zettel ausgedruckt und aufgehängt, immer um 16 Uhr beginnt sein Gottesdienst. Meist, sagt Volchkov, predige er nur eine Viertelstunde, meist kämen nur ein paar Menschen. Aber es ist Volchkovs Mission, in der Halle zu sein. Da zu sein.

An diesem Nachmittag sind es Tatjana und Oleg, die zu ihm kommen. Oleg trägt eine Turnhose und ein T-Shirt, Tatjana hat sich einen grauen Schal über den Kopf gelegt wie ein Tuch. Auf einen Zettel schreiben sie Namen. Lydia. Anatolya. Wasilia. Filippa. Anastasia. „Für die Verstorbenen“, steht darüber. Auch für sie will Aleksei Volchkov heute beten. Für die Getöteten im Krieg.

Die drei stellen sich vor die improvisierte Kapelle aus Trennwänden, schräg über ihnen hängt ein Basketballkorb. Auch Volchkovs Frau und die drei Kinder sind heute mitgekommen, der älteste Sohn postiert sich beim Gebet neben seine Eltern. Volchkovs Stimme schwingt im Singsang durch die Verse.

Manchmal schallt ein Kinderlachen aus der Spielecke rüber. „Erfülle uns mit Glauben, Hoffnung und Liebe, so dass wir uns in allen Ländern mit einem Mund und einem Herzen zu Dir bekennen“, predigt Volchkov. Manchmal stimmen die anderen leise im Chor ein. „Unseren Herrn und Retter Jesus Christus… Geist für immer und ewig.“ Amen.

Volchkov sagt, er sehe die Welt aus den Augen der ukrainischen Flüchtlinge

Erst im September war Volchkov mit seiner Familie aus Sankt Petersburg nach Tübingen gekommen. Er hat ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten, lehrt an der Theologischen Fakultät der Universität, wohnt am Stadtrand, predigt in der Tübinger orthodoxen Gemeinde. „Der Krieg hat unser Leben von einem auf den anderen Tag verändert“, sagt Volchkov. Er spricht fließend Englisch. Oft, wenn er in der Kreissporthalle sei, blicke er auf die Welt aus den Augen der Geflüchteten dieses Krieges.

Es ist einer dieser Sätze, die Volchkov mit Vorsicht formuliert. Manchmal denkt er ein paar Augenblicke nach, sucht nach Formulierungen. Er spricht gerne und viel darüber, wie er hilft, erzählt, dass er diese Woche wieder Dutzende Bücher mitgebracht hat. Er hat sie auf die Bierbank in der Turnhalle gelegt, Krimis, Liebesromane, Tolstois „Krieg und Frieden“, die Bibel auf Ukrainisch. Immer sind die meisten Bücher schnell weggegriffen.

Darüber spricht Volchkov. Und über den Frieden, nach dem er sich sehnt. Über die Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern. „Wir sind doch eigentlich gute Nachbarn, wie Freunde, vielleicht wie Eheleute.“

Über den Krieg möchte er lieber nicht reden, über mutmaßliche russische Kriegsverbrechen in der Ukraine schon gar nicht. Am liebsten wäre ihm, man würde gar nicht über Politik sprechen. Oft sagt Volchkov, er könne zu dieser Frage nichts sagen.

Berichte über Festnahmen von Demonstrierenden, die sich gegen Krieg stellen

Was sagbar ist, hat das Regime von Putin in Russland verschoben, verdrängt, zensiert. In eine winzige Ecke, in der man öffentlich noch von „militärischer Spezialoperation“ sprechen, aber nicht das Wort „Krieg“ in den Mund nehmen darf. In der jeder, der öffentlich an der Seite der Ukrainer steht, als Gegner der Kremlregierung gesehen wird.

Aus Russland gibt es Berichte über Festnahmen von Demonstrierenden, die sich vor allem in den ersten Märzwochen gegen den Krieg auf die Straße gegangen waren. Die Gesetze wurden verschärft, im schlimmsten Fall droht jahrelange Haft wegen angeblicher Verbreitung von „Desinformation“ über das, was in der Ukraine passiert. Mittlerweile protestieren kaum noch Menschen. Viele, gerade junge Leute, sind aus Russland geflohen.

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Volchkov sagt, er liebe Russland und die Menschen seiner Heimat. Er wolle irgendwann mit seiner Familie dorthin zurückkehren, als Priester arbeiten. Jetzt aber versuche er, dass die deutschen Behörden sein Visum verlängern. Er will weiter unterrichten und forschen an der Tübinger Universität. Seine Frau, sagt Volchkov, unterstütze ihn: bei der Arbeit, aber auch bei der Hilfe für die Menschen aus dem Krieg.

„Ich sehe meine Aufgabe darin, denen zu dienen, die leiden“

Vor dem Treffen hat Volchkov eine E-Mail geschickt. Ein paar Absätze, die er offen teilen könne. „Alle Gemeindemitglieder waren von Angst und Aufregung ergriffen, als sie von dem Krieg erfuhren“, schreibt er. Es habe auch Streit gegeben, manche seien nicht mehr zu den Gottesdiensten gekommen. „Unsere Gemeinde wurde jedoch durch viele Flüchtlinge aus der Ukraine bereichert.“

Als der Krieg ausbrach, schrieb er mehrere Organisationen an. Volchkov wollte irgendwas tun, er als Russe, für die Menschen aus der Ukraine. Die Caritas in Tübingen lud ihn ein. Seitdem besucht er die Kreissporthalle, hat angefangen, Ukrainisch zu lernen. Es sei ihm eine „Freude, diese Menschen zu begrüßen“. Und: „Ich sehe meine Aufgabe darin, denen zu dienen, die leiden“, schreibt er.

Später sagt er, vielleicht sei es für ihn fast wichtiger als für die Ukrainer, dort zu sein mit den Geflüchteten, ihre Geschichten zu hören, ihr Leben auf der Flucht zu sehen.

Am Abend führt Volchkov in einem großen Haus im Tübinger Zentrum den Gang entlang bis vor die wuchtige Kellertür. „Heizraum“, steht dort. Und auf einem weißen Blatt Papier: „Heilige Maria von Ägypten, Moskauer Patriachat“. Daneben ein Hinweis zum Tragen einer Corona-Schutzmaske. In dem Kellergewölbe liegt der Gebetsraum der Gemeinde, Kerzen liegen am Eingang, in der Mitte ein Altar, umhüllt von einem weißen Tuch. Dahinter Holzwände, Bilder von Jesus und Maria.

Der Krieg verschärft den Konflikt der orthodoxen Kirchen in Moskau und Kiew

Hier, in den Gewölben eines evangelischen Studentenwohnheims saßen sie oft, dicht gedrängt zum Gottesdienst. Mittlerweile mietet die Gemeinde einen größeren Raum an, immer samstags. Sie sind längst zu viele für den Kellerraum, auch weil neben Russen und Belarussen auch einige Menschen aus der Ukraine kommen.

Es ist ein schönes Bild, Russen und Ukrainer, Seite an Seite betend. Doch das, was unter den Oberhäuptern der orthodoxen Kirche passiert, geht in eine andere Richtung. Der Angriff auf die Ukraine könnte auch zu einem Krieg der Kirchen werden. Mindestens aber hat er den Konflikt zwischen der ukrainisch-orthodoxen und der russisch-orthodoxen Kirche verschärft.

Schon vor knapp drei Jahrzehnten hat sich ein Teil der ukrainischen, orthodoxen Kirche unter einem eigenen Patriachat in Kiew von Moskau abgespalten. Die hat das nie akzeptiert. Die oberen Geistlichen in der Ukraine wenden sich jetzt mit deutlichen Worten gegen den russischen Einmarsch.

Priester und Kleriker schreiben einen Offenen Brief, fordern einen Waffenstillstand

Im März hatten dann sogar russisch-orthodoxe Geistliche einen offenen Brief formuliert. Kleriker und Priester fordern ein Ende des Krieges, sie appellierten „an alle, in deren Namen der Bruderkrieg in der Ukraine enden wird“. Sie rufen zum Waffenstillstand auf. Mehrere Hundert wollen den Brief unterzeichnet haben. Allerdings gibt es mehr als 30.000 Priester in der russischen Kirche. Aleksei Volchkov möchte den Brief nicht kommentieren.

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Als er zum ersten Mal vor ukrainische Kriegsflüchtlinge trat, sei ihm mulmig gewesen. Er, der russische Priester, der nur Russisch spricht. Die Sprache des Angreifers. Doch nie, sagt er, habe er Hass gespürt. Nie sei er angegriffen worden.

Manchmal fragen die Menschen ihn nur danach, wo in Tübingen ein guter Friseur sei. Oder wie sie schnell eine günstige Wohnung finden. Volchkov ist nicht nur Priester, für viele der neu Ankommenden ist er auch so etwas wie inoffizieller Integrationsbeauftragter – er, der hier in Deutschland Arbeit und Wohnung und ein Visum bekommen hat.

„Sie wirkte ganz ruhig, aber ich denke, sie war sehr gestresst“

Und oft würden Menschen loserzählen, wenn sie hörten, dass er Russe sei. Eine Teenagerin, zum Beispiel, gerade in der elften Klasse, als der Krieg ausbrach. Sie kam aus dem kleinen Kiewer Vorort Butscha, dort, wo russische Soldaten wehrlose Zivilisten erschossen haben sollen. Eine ganze Weile erzählte das Mädchen vom Krieg. Was genau, will Volchkov nicht sagen. Nur: „Sie wirkte ganz ruhig, aber ich denke, sie war sehr gestresst.“

Eine alte Frau aus der Ukraine sei einmal zu ihm gekommen in der Kreissporthalle. Auch sie habe beten wollen, für die russischen Mütter, von denen nun viele ihre Söhne verlieren würden. „Sie fühlte den Schmerz“, sagt Volchkov.

Es sind diese Geschichten, die Volchkov Mut machen. Die ihn hoffen lassen, dass die Wunde des Krieges in den Köpfen der Menschen irgendwann verheilt. Dass das Leid wieder gut gemacht werden könne.

Volchkov will Führungen in Museen organisieren – Futter für den Kopf

Volchkov hat schon neue Pläne. Er will für die Menschen aus der Ukraine Museumsbesuche organisieren. „Viele leben Wochen oder Monate in ihren Flüchtlingsunterkünften.“ Sie bekommen Schlafplätze, Essen und Kleidung. Aber was sie nicht bekommen, sagt Volchkov, sei Kultur, Futter für den Kopf. „Ich könnte Führungen aus dem Englischen übersetzen.“

In einem Flüchtlings-Café der Caritas hatten Volchkov und einige andere einmal eine Tafel aufgestellt, dazu legten sie ein paar Stifte. Jede und jeder sollte aufschreiben, was sie oder ihn bewegt, besorgt, durch den Kopf geht. Eine junge Ukrainerin schrieb „Hoffnung“. Eine andere „Brot“. Auch „Mutter“ stand am Ende auf der Tafel. Aleksei Volchkov nahm auch einen Stift, schrieb ein Wort. Vergebung.

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

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