Krieg

Ukraine: Plötzlich russisch – so brutal agieren die Besatzer

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Selenskyj rät russischen Soldaten zum Desertieren

Selenskyj rät russischen Soldaten zum Desertieren

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat russischen Soldaten geraten, sich der ukrainischen Armee zu ergeben. Niemand in Russland werde herausfinden, dass sich jemand freiwillig ergeben habe, sagte Selenskyj.

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Yakovenkove.  Die ukrainische Armee hat Yakovenkove befreit. Der Ort steht exemplarisch für das, was in den Gebieten geschieht, die besetzt wurden.

Kurz nach der Befreiung von Yakovenkove durch die Streitkräfte der Ukraine soll Wolodymyr noch einmal gesehen worden sein. In einem Dorf in der Nachbarschaft, zusammengeschlagen und verstört. Wolodymyr, der Mann, von dem Ortsvorsteher Ivan Kryvonis berichtet, er habe im Frühjahr die Soldaten aus Russland freudig begrüßt und sich ein schwarz-orangenes Sankt-Georg-Band als Zeichen der Verbundenheit angeheftet, sei durch Yakovenkove stolziert und habe seine pro-ukrainischen Mitbürger bedroht. Seit zwei Wochen ist Wolodomyr verschwunden.

Yakovenkove ist ein 800-Seelen-Dorf südöstlich von Charkiw, dort, wo die ukrainischen Streitkräfte in den vergangenen Wochen bei einer überraschenden Gegenoffensive große Geländegewinne erzielen konnten. Kleine Häuser, großzügig verteilt in der Steppenlandschaft, breite Straßen, eine zweigeschossige Schule, ein einfaches Bürgerzentrum.

Ukraine: Die russischen Soldaten sind jung und hungrig

Wenn man einen Film über die russische Besatzung drehen wollte, wäre Yakovenkove wohl ein guter Ort dafür. Die Geschichte des Dorfes ist eine, die exemplarisch für das ist, was in den besetzten Gebieten in der Ukraine geschieht, die so groß sind wie Bayern und Baden-Württemberg zusammengenommen.

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Zwei Tage nach Kriegsbeginn am 24. Februar wird Yakovenkove kampflos eingenommen. Die Soldaten einer Einheit der russischen Luftlandetruppen sind jung und hungrig. „Sie haben uns um Essen gebeten“, erzählt Ortsvorsteher Kryvonis. Er ist 56, ein Mann mit gedrungener Gestalt und kräftigem Händedruck. Kryvonis sitzt an diesem warmen Spätsommertag in seinem kleinen, lindgrün gestrichenen Büro. Monatelang konnte er nicht in seinem winzigen Drei-Zimmer-Amtssitz sein, weil die Besatzer ihn durch einen Kollaborateur ersetzt hatten. Mehr zum Thema: Putins Atomwaffen im Ukraine-Krieg: So groß ist die Gefahr

Ukraine: Nicht alle waren unglücklich über die Ankunft der Russen

Es sei nicht so gewesen, dass alle im Dorf über die Ankunft der Russen unglücklich gewesen seien, räumt Kryvonis unumwunden ein. „Ein Viertel der Menschen hier ist prorussisch, ein Viertel pro-ukrainisch. Der Rest hat keine Meinung.“

Er selbst war mehrere Jahre Mitglied der „Partei der Regionen“ des 2014 durch die Maidan-Proteste gestürzten und als prorussisch geltenden früheren Präsidenten Janukowytsch. Er lächelt entschuldigend: „Meinen Eid habe ich auf die ukrainische Verfassung geschworen.“ Er sei loyal geblieben, das habe ihm viel Ärger eingebracht.

Die Besatzer plünderten die kleinen Märkte

Die Besatzungssoldaten quartieren sich in der Schule und im Bürgerzentrum ein und graben ein Schützengrabensystem nahe des Dorfes. Die Einheiten wechseln. Mal sind es russische Soldaten, mal Kämpfer der selbst ernannten prorussischen Volksrepublik Luhansk (LNR).

Kryvonis erzählt, die Russen hätten die drei kleinen Märkte des Dorfes geplündert und aus Schule und Bürgerzentrum mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Natalia Kovalivska, Hausmeisterin der Schule, berichtet später, die Besatzer hätten vorgehabt, alle ukrainischen Schulbücher zu verbrennen, das aber nicht umgesetzt.

Die Dorfbewohner grüßen nicht mehr, sie haben Angst

Wegen anhaltender Kämpfe in der Umgebung fällt im Dorf im März der Strom aus. Die LNR-Kämpfer sagen Kryvonis, falls er kooperiere, würden sie die Leitungen reparieren lassen. Er sagt, er werde nicht mit ihnen zusammenarbeiten. „Da sind einige Dorfbewohner gekommen und haben mich als Faschisten und Nationalisten beschimpft.“ Die Besatzer verlangen von ihm Dokumente über frühere Armeeangehörige des Dorfes. Er weigert sich und sagt, er habe alle Dokumente verbrannt. Es ist die Zeit, in der die Dorfbewohner ihn nicht mehr grüßen, wenn er zu seinem Amtssitz geht. Sie haben Angst.

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Am 23. April abends werden Ivan Kryvonis, seine Ehefrau und eine Mitarbeiterin der Dorfverwaltung von vier Männern abgeholt. Sie schlagen mit einem Gewehrkolben, stülpen ihm eine Kapuze über den Kopf. „Wir werden deine Frau vergewaltigen“, sagt einer. Die LNR-Kämpfer bringen die drei nach Kalynivka, einem Dorf noch kleiner als Yakovenkove. Hier residiert ein LNR-Kommandant namens Wladimir, der sich von seinen Männern „Dykyi“ nennen lässt, das heißt: „der Wilde“. Dykyi hat eine Liebschaft mit einer Frau aus Yakovenkove begonnen. Sie darf als sein Günstling einen der kleinen Märkte des Dorfes führen.

Wolodymyr bedrohte die proukrainischen Dorfbewohner

Unter einem Pavillon lässt der LNR-Kommandant die drei Gefangenen hinknien. Er will von Kryvonis wissen, ob es stimmt, dass er Partisanenaktivitäten in der Region koordiniere. Der Ortvorsteher hat eine Ahnung, wer den Besatzern diesen Floh ins Ohr gesetzt haben könnte. Wolodymyr der Trinker, der Mann, der die Russen so euphorisch begrüßte, als sie kamen, und pro-ukrainische Dorfbewohner bedrohte. Dykyi feuert einen Schuss neben den Kopf von Kryvonis ab, schickt ihn dann wieder weg.

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Nach dem Zwischenfall wird Kryvonis als Ortvorsteher abgesetzt und durch einen Mann namens Wassili ersetzt, einen Zugezogenen. Wassili ernennt Vorsitzende in jeder Straße. „Alles Leute, die es im Leben nicht weit gebracht haben“, schnaubt Ivan Kryvonis. Wassili selbst soll ein Ex-Sträfling gewesen sein. Die Kollaborateure richten sich im Verwaltungsgebäude einer landwirtschaftlichen Firma ein.

Die russischen Besatzer flohen überhastet aus dem Dorf

Nach der Befreiung von Putins Truppen finden sich in dem Gebäude noch Hinweise auf die Besatzungszeit. Listen, auf denen die Namen und Daten von Dorfbewohnern aufgeschrieben sind. Hinter manchen Namen steht nur: „Weigert sich.“ Die geplante Wiedereröffnung der Schule fällt ins Wasser: „Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich geweigert, russischen Schulstoff zu unterrichten“, erzählt Kryvonis.

Am 6. September wird Yakovenkove schließlich befreit, so wie Hunderte Siedlungen in der Region. Das Dorf bleibt dabei weitgehend intakt. Das Schützengrabensystem am Dorfrand zeugt von der überhastenden Flucht. Dort liegen in den Erdhöhlen noch Kleidung, Gasmasken, Schutzwesten, die zurückgelassen wurden. Yakovenkove bleibt das Schicksal von Dörfern weiter südöstlich nahe erspart, die während der Kämpfe im Frühjahr komplett zerstört wurden.

Die Geliebte tauchte mit einer Tüte voller russischer Rubel unter

Einige der LNR Kämpfer werden getötet, andere retten sich in die Umgebung. „Die Russen haben sie im Stich gelassen“, sagt Kryvonis. Der LNR-Kommandant Dykyi hat sich absetzen können. Seine Geliebte ist mit einer Tüte voller russischer Rubel verschwunden. Auch der von den Besatzern eingesetzte Ortsvorsteher Wassili ist geflohen. Und die Dorfbewohner, die kollaboriert haben? „Mit der Zeit wird die Versöhnung kommen“, glaubt Kryvonis.

Die Menschen grüßen ihn jetzt wieder, wenn er zu seinem Amtssitz geht. Nur nicht eine blonde Frau mit den verweinten Augen. Sie stürmt auf ihn zu. „Du bist doch angerufen worden, warum hast du mir nicht gesagt, wo mein Mann ist?“, schimpft sie. „Ich weiß es doch auch nicht“, antwortet er ihr hilflos. „Ich werde ihn suchen“, sagt sie und schluchzt. „Ich werde wohl nur noch seine Leiche finden.“ Die Frau heißt Natalia. Sie ist die Ehefrau von Wolodymyr, dem Mann, der sich so sehr über den Einmarsch der Russen und ihrer Verbündeten gefreut hatte.

Land Ukraine
Kontinent Europa
Hauptstadt Kiew
Fläche 603.700 Quadratkilometer (inklusive Ostukraine und Krim)
Einwohner ca. 41 Millionen
Staatsoberhaupt Präsident Wolodymyr Selenskyj
Regierungschef Ministerpräsident Denys Schmyhal
Unabhängigkeit 24. August 1991 (von der Sowjetunion)
Sprache Ukrainisch
Währung Hrywnja

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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