Kommentar

Ukraine: Warum Selenskyj an Popularität einbüßen wird

Komiker wird Präsident

Wahlsieger Selenskij dankte Unterstützern, Eltern und seiner Frau und kam dann auf seine politischen Ziele zu sprechen. Noch-Präsident Poroschenko kündigte zwar seinen Rückzug vom Amt an, von der politischen Bühne wolle er aber nicht verschwinden.

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Kiew  Auch ein Clown als Präsident wird in der Ukraine vor allem daran gemessen, ob er am Ende Ernst macht. So zum Beispiel bei Korruption.

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Wolodymyr Selenskyj war ein begnadeter und ein politischer Clown, sein Publikum lachte Tränen über alle Kiewer Machthaber, Parlaments- und Wirtschaftshäuptlinge. Selenskyis Satiren waren oft derb, laut, aber immer wieder Volltreffer. Er lehrte sein Publikum, dass man auch gegen Korruption und Krieg anlachen kann, dass auch die Mächtigen mit den wichtigen Gesichtern und den großen, hohlen, Versprechungen lächerlich und sehr austauschbar sind.

Aber in dem Augenblick, in dem der populärste Humorist der Ukraine selbst in die Politik ging, wurde er zwangsläufig selbst Populist. Ein idealer Populist, jung, vergnügt, ein glücklich verheirateter, treuer Ehemann, sprühend vor Lebensfreude, der nette Kerl von nebenan zwischen lauter Schmiergeld-Patheten.

Die Ukrainer, die ihn, den Clown, gewählt haben, stimmten dabei vor allem gegen alle anderen. Lachen ist ja Protest. Dabei widersprechen sich die politischen Ansichten seiner Anhänger heftig. Nach einer Umfrage des Kiewer Rasumkow-Zentrums wollen 56 Prozent in die NATO, 35 Prozent möchten blockfrei bleiben, 47 Prozent verlangen einen freien Markt, 41 Prozent eine vom Staat kontrollierte Wirtschaft, 55 Prozent möchten nichts mehr mit Russland zu tun haben, 32 Prozent die Beziehungen zu Moskau wieder verbessern.

Ukraine: Wolodymyr Selenskyj wird an Popularität einbüßen

Mit anderen Worten, in welche Richtung der Präsident Selenskyi sich auch bewegt, jeder seiner Schritte wird seine Popularität schwächen, Anhänger in Gegner verwandeln. Als vielleicht einziger gemeinsamer Teiler seiner Klientel bleibt der enorme Missmut über die Korruption in allen Zweigen der Staatsmacht.

Und Korruption ist der Frontabschnitt, an dem Selenski mit einer energischen Offensive am meisten Punkte sammeln könnte. Aber wird ausgerechnet ein Komiker im Präsidialpalast das korrupt-oligarchische System besiegen, dass all seine Vorgänger schlicht gekauft hat? Auch wenn er es selbst nicht darauf abgesehen hat, im Amt zum Milliardär zu werden, könnte sich der Staatschef

schon bald auf die

zurücksehnen. Aber wird dann noch jemand über seine Witze lachen?

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