Kommentar

Warum die USA im Ukraine-Krieg mehr von Deutschland erwarten

| Lesedauer: 3 Minuten
Selenskyj und Blinken berichten über Geländegewinne

Selenskyj und Blinken berichten über Geländegewinne

Die Ukraine hat nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj bei ihrer Gegenoffensive seit Anfang September 6000 Quadratkilometer zuvor russisch besetzter Gebiete zurückerobert. Auch US-Außenminister Antony Blinken sieht "bedeutende Fortschritte" der ukrainischen Streitkräfte.

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Berlin.  Russlands Armee steckt in einer Schwächephase, deshalb will Amerika mehr Druck machen. Scholz soll seinen Reden Taten folgen lassen.

Amy Gutmann, die zierliche Frau an der Spitze der amerikanischen Botschaft in Berlin, ist eine Meisterin im nuancierten Drängen - im Auftrag ihres Bosses: Präsident Joe Biden.

Darum kommt im Lichte beeindruckender ukrainischer Rückeroberungs-Gewinne im Krieg gegen Russland der nur leicht verschlüsselten Kern-Aussage der US-Chefdiplomatin große Bedeutung zu: Deutschland, das wünscht sich das Weiße Haus intern, soll militärisch sehr bald schon „mehr tun”, um das für die Regierung in Kiew derzeit günstig erscheinende Momentum im Kampf gegen den nominell überlegenen Gegner in Russland zu erhalten und nach Möglichkeit auszubauen. Vereinfach gemeint aber offiziell nicht so gesagt: Liefert doch endlich eure Kampf- und Schützenpanzer!

Land Ukraine
Kontinent Europa
Hauptstadt Kiew
Fläche 603.700 Quadratkilometer (inklusive Ostukraine und Krim)
Einwohner ca. 41 Millionen
Staatsoberhaupt Präsident Wolodymyr Selenskyj
Regierungschef Ministerpräsident Denys Schmyhal
Unabhängigkeit 24. August 1991 (von der Sowjetunion)
Sprache Ukrainisch
Währung Hrywnja

Ukraine-Krieg: Die USA vermissen Taten nach der Zeitenwende-Rede

Dahinter steht: In Washingtoner Militär- und Außenpolitikzirkeln ist schon seit geraumer Zeit die Meinung anzutreffen, dass nach der als epochal empfundenen „Zeitenwende”-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz Ende Februar eine zu große Lücke klafft zwischen dem regierungsamtlich erhobenen Anspruch, der Aggression des Kreml mit langem Atem entschlossen zu begegnen, und den dazu notwendigen Taten. Sprich: Rasche und unbürokratische Lieferung von Waffen-Systemen mit Durchschlagskraft.

Nun ist Joe Biden anders als sein bevorzugt mit dem Holzhammer argumentierender Vorgänger Donald Trump niemand, der einen zentralen Partner wie Deutschland öffentlich vorführen würde, um diesem Wunsch Nachdruck zu verleihen.

Scholz weist auf die USA, auch Washington liefere keine Kampfpanzer

Im Umfeld des Präsidenten besteht noch die Hoffnung, dass Berlin seinen Führungsanspruch in Europa selbst mit Leben füllt und in einer mit wichtigen europäischen Partnern konzertierten Aktion Kampf- wie Schützenpanzer aus eigenen (Industrie)-Beständen an die Ukraine liefert. Was schnell ginge, schließlich liegt beim Bundessicherheitsrat seit April ein Antrag der Rüstungsschmiede Rheinmetall vor, rund 100 Schützenpanzer Marder nach Kiew zu liefern.

Allein, Scholz mauert, spricht offiziell vom Verzicht auf „Alleingänge”. Er verweist darauf, dass auch die USA noch keine Kampfpanzer geliefert hätten.

Im Pentagon gibt es Überlegungen, doch Panzer zu liefern

Noch. Im Pentagon wie im Außenministerium reift die Ansicht, dass auch dieses Mittel bald ergriffen werden muss, will man der Ukraine weitere Geländegewinne gegen eine desolat wirkende russische Armee ermöglichen. Dann stünde Scholz ungünstig da.

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Ohnehin ist klar, dass in Washington das gerade in SPD-Kreisen weiter am Leben gehaltene Argument, Panzer-Lieferungen kämen dem Überschreiten einer „roten Linie” gleich und könnten Wladimir Putin als Rechtfertigung für den Einsatz von Chemie- und Atomwaffen dienen, gelinde gesagt für überstrapaziert gehalten wird.

Wann bewegt sich der Bundeskanzler

Militär-Experten in den USA machen regelmäßig darauf aufmerksam, dass die Zerstörungskraft von Panzerhaubitzen oder den weit auf russisches Territorium zielenden Himars-Raketenwerfern den Fähigkeiten alter Leopard- oder Marder-Panter durchaus gleichrangig sei.

In einer Phase eklatanter militärischer Schwäche Russlands, so denkt das Weiße Haus, muss der Westen mit Umsicht und Entschlossenheit das Gaspedal bei der militärischen Alimentierung der Ukraine tiefer durchtreten und nicht nachlassen; in der irrigen Annahme, Putins Bereitschaft zu einem für die Ukraine annehmbaren Verhandlungsfrieden werde bei fortschreitenden militärischen Misserfolgen zunehmen. Die Frage ist: Wann bewegt sich Bundeskanzler Olaf Scholz?

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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