Nahost-Konflikt

Warum im Nahen Osten die Angst vor einer Eskalation umgeht

Israels Streitkräfte melden Tötung von Anführer des Islamischen Dschihad

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums ist bei der Explosion des Hauses ebenfalls eine Frau ums Leben gekommen, zwei weitere Personen wurden verletzt.

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Tel Aviv/Berlin.  Im Nahen Osten gibt es wieder Raketenangriffe und Vergeltungsaktionen. In der Bevölkerung gibt es deshalb deshalb auch viel Angst.

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Gegen vier Uhr morgens schlug die israelische Luftwaffe zu: Mit einem gezielten Angriff auf ein Gebäude mit grauem Flachdach in Gaza City töteten sie den 42-jährigen Baha Abu al-Ata, einen prominenten Kommandanten der Terrororganisation „Islamischer Dschihad in Palästina“ (PIJ).

Von seinem Haus blieben nur Trümmer, zerborstene Möbel und zerrissene Kissen übrig, wie Fotos vom Anschlagsort zeigen. Auch Abu al-Atas Ehefrau soll nach palästinensischen Angaben bei dem Anschlag ums Leben gekommen sein. Parallel berichteten staatliche syrische Medien über einen israelischen Raketenangriff auf das Haus eines führenden Islamisten in Damaskus.

„Baha Abu al-Ata ist verantwortlich für die meisten Terroranschläge aus Gaza im letzten Jahr“, ließ Israels Armee, verlauten. Er habe „für die nächste Zukunft“ tödliche Attacken auf Zivilisten und Militärs in Israel geplant. Al-Ata war der Anführer der Al-Kuds-Brigaden, des bewaffneten Arms des Islamischen Dschihads im Gazastreifen. Er sei eine „tickende Bombe“ und eine „unmittelbare Bedrohung“ gewesen, betonten israelische Sicherheitskreise.

Wegen Konflikt in Israel und Palästina bleiben Schulen geschlossen

Knapp zwei Stunden später begann die Vergeltungsaktion. Mehr als 150 Raketen schoss der PIJ nach israelischen Angaben bis zum Nachmittag auf Israel ab. „Wir ziehen in den Krieg“, verkündete Ziad al-Nakhala, Generalsekretär des PIJ. Manche Geschosse erreichten Vororte von Tel Aviv, Sirenen schrillten in etlichen Städten Süd- und Zentral-Israels, Universitäten und Schulen blieben geschlossen.

Das „Iron-Dome“-Raketenabwehrsystem konnte einige Geschosse abfangen, doch andere richteten Schaden an: Ein achtjähriges Mädchen erlitt einen Herzstillstand, als sie zum Bunker rannte; mehrere Dutzend Menschen wurden wegen leichter Verletzungen und Schock behandelt.

Die Lage zwischen Gaza und Israel ist seit Jahren gespannt, Eskalation jederzeit denkbar. Doch der jüngste Konflikt, so fürchten viele, könnte länger und härter ausfallen als die der vergangenen Jahre. Das liegt auch an der komplizierten Gemengelage im Gazastreifen. Offiziell herrscht dort seit 2007 die islamistische Hamas, die sich die Zerstörung Israels auf die Fahnen und in ihre Charta geschrieben hat.

Ein Toter bei israelischem Gegenangriff auf den Gazastreifen
Ein Toter bei israelischem Gegenangriff auf den Gazastreifen

Israelische Diplomaten sehen den Iran als treibende Kraft

Auch die Hamas feuert regelmäßig Raketen auf Israel ab, ist aber laut Einschätzung der meisten Beobachter derzeit nicht an einer Eskalation interessiert. Begründung: Die Lebensbedingungen im Gazastreifen seien prekär, die Unzufriedenheit groß. Angriffe auf Israel zögen eine harte militärische Antwort nach sich, was die Lage weiter verschlimmere. Um bei der eigenen Bevölkerung nicht jeglichen Rückhalt zu verlieren, halte sich die Hamas derzeit aus taktischen Gründen zurück.

Israelische Diplomaten sehen den Iran als treibende Kraft hinter den Angriffen des Islamischen Dschihad. „Die Revolutionsgarden erteilen dem Islamischen Dschihad den Auftrag, Israel zu attackieren. Es ist Teherans Absicht, Israel über Stellvertreter anzugreifen“, sagte Aaron Sagui, Vize-Botschafter Israels in Berlin, unserer Redaktion. Nach Angaben aus Jerusalem unterstützt der Iran die Islamisten mit Geld, Waffen und liefert das Know-how für den Bau von Bomben und Raketen. Auch die Hamas bekommt Hilfe aus dem Mullah-Staat.

Noch sei die Hamas mit 30.000 Soldaten stärker als der PIJ, der nur auf 10.000 Kämpfer kommt, betont Dikla Cohen von der Hebräischen Universität in Jerusalem. „Doch die Popularität des PIJ ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, so Cohen. „Für die Hamas ist das ein echtes Problem.“ Seine wachsende Macht nutze der PIJ, um die Autorität der Hamas herauszufordern, schreibt Yaakov Lappin von der israelischen Bar-Ilan-Universität. Während die Hamas sich um das Regierungsgeschäft kümmern müsse, könne sich der PIJ ganz dem bewaffneten Kampf gegen Israel widmen – und sich auf diese Weise „als ‚authentische‘ dschihadistische Organisation im Gazastreifen positionieren“.

Einsatz wurde in Israels Kabinett wohl monatelang vorbereitet

Dass die israelischen Sicherheitsdienste sich gezielter Tötungen bedienen, um als besonders gefährlich eingestufte Feinde auszuschalten, ist nicht neu. In den vergangenen Jahren wurden mehrere führende Hamas-Mitglieder in Gaza sowie arabischen Staaten wie Dubai und Tunesien getötet.

Nach Angaben von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu war der Einsatz gegen Al-Ata seit Monaten im Sicherheitskabinett diskutiert und zehn Tage zuvor einstimmig beschlossen worden. „Israel ist nicht interessiert an einer Eskalation, wird jedoch alles Nötige tun, um sich zu verteidigen“, fügte Netanjahu hinzu.

Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung dürfte stark vom Verhalten der Hamas abhängen, die sich bisher passiv verhält, schätzt Dikla Cohen von der Hebräischen Universität: Wird sie mäßigend auf den PIJ einwirken oder die Raketenangriffe auf Israel unterstützen? Zumindest rhetorisch hat sich die Hamas an die Seite der internen Rivalen gestellt: „Die israelische Aggression wird die Allianz der Fraktionen des Widerstands stärken“, erklärte Ismail Haniyeh, Direktor des Hamas-Politbüros.

Husam Al-Dadschani, ein politischer Analyst aus Gaza, rechnet allerdings nicht mit einem Waffengang. „Ich denke, wir stehen vor einer neuen Runde der Eskalation, die weniger sein wird als eine flächendeckende Konfrontation oder ein offener Krieg“, so Al-Dadschani. „Wir stellen uns auf Kämpfe von mehreren Tagen ein“, sagte der Sprecher von Israels Armee, Jonathan Conricus.

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