Liberale

Was die Wahl von Spitzenkandidatin Beer für die FDP bedeutet

Die FDP-Führung feiert die EU-Spitzenkandidatin Nicola Beer auf dem Parteitag in Berlin.

Die FDP-Führung feiert die EU-Spitzenkandidatin Nicola Beer auf dem Parteitag in Berlin.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin  FDP verabschiedet Generalsekretärin Nicola Beer als Spitzenkandidatin für Europawahl. Wen könnte Lindner als Nachfolger installieren?

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Bei den Liberalen wird ein Job frei – in der vordersten Reihe. Die Stellenbeschreibung ist nicht ganz ohne: Gesucht wird ein Manager, der den Laden zusammenhält, der Kampagne kann und im Wahlkampf die Marktplätze rockt.

Gesucht wird die operative Nummer zwei hinter Parteichef Christian Lindner: Wenn Generalsekretärin Nicola Beer nach der Europawahl am 26. Mai nach Brüssel wechselt, muss ein Nachfolger her. Oder eine Nachfolgerin? Bei den Liberalen ist es die wichtigste Personalie des Jahres. Drei Namen sind im Gespräch.

Am Sonntagmittag hatte die Partei Beer auf ihrem Parteitag in Berlin mit gut 85 Prozent der Stimmen zur Spitzenkandidatin für die Europawahl bestimmt – ein überraschend gutes Ergebnis.

Denn: Beers umstrittene Kontakte in die Machtzirkel des rechtsnationalen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hatten zuletzt für Irritationen gesorgt. Beim Parteitag beklagte Beer, sie werde durch Medienberichte „in die rechte Ecke“ gestellt, und betonte, ihre Beziehungen nach Ungarn seien rein persönlich.

Liberalen liegen in Umfragen zwischen acht und neun Prozent

Sie habe keinerlei Sympathien für Orbán. Ihrer Partei reichte das. Die bayrische Europa-Abgeordnete Nadja Hirsch dagegen, die Beer Einflussnahme zugunsten der ungarischen Regierung vorgeworfen hatte, scheiterte mit dem Versuch, auf einen vorderen Listenplatz zu kommen.

Nie wieder, so scheint es, will sich Lindners FDP auseinanderdividieren lassen – das Trauma der zerstrittenen Unglückstruppe, die 2013 aus dem Bundestag flog, wirkt nach. Hinzu kommt: Beer tritt an, um das magere Europa-Ergebnis von 2014 wieder wettzumachen – damals war die FDP nur auf 3,4 Prozent gekommen. Diesmal liegen die Liberalen in Umfragen zwischen acht und neun Prozent. Deshalb die klare Linie beim Parteitag: Bloß keine weitere Debatte über Beers offene Orbán-Flanke.

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Linda Teuteberg hat gute Chancen auf Posten der Generalsekretärin

Seit diesem Sonntag ist gleichzeitig die heiße Phase der Suche nach einem Nachfolger für die 49-Jährige Hessin eröffnet. Die Zeit drängt: Vier Monate nach der Europawahl stehen die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. In allen drei Bundesländern sieht es im Moment so aus, als würde die FDP in die Parlamente einziehen, möglicherweise werden Lindners Leute auch für Koalitionen gebraucht.

Bis spätestens Ende April, wenn die Parteispitze turnusmäßig neu gewählt wird, muss sich Lindner festlegen, wen er dann als General an seiner Seite haben will. Bislang jedoch schweigt der Parteichef.

Vieles spricht für Linda Teuteberg, 37 Jahre alt, Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg, Expertin für Migration. Die Juristin steht für das, was der Partei bislang fehlt: Frauen und starke Stimmen aus Ostdeutschland. Mit Teuteberg könnte Lindner das Bild der FDP als Wessi-Boygroup korrigieren.

Weiblicher Generalsekretär kein Garant für bessere Frauenbeteiligung

Immer wieder genannt wird auch Parteivize Katja Suding (43) – die nach dem Rauswurf aus dem Bundestag bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg für ihre waidwunde Partei erstmals wieder einen Sieg eingefahren hatte. Und schließlich ist da Johannes Vogel, Sozialpolitiker und Arbeitsmarktexperte der Bundestagsfraktion.

Linder weiß, was Vogel kann: Der 36-Jährige hat den erfolgreichen Landtagswahlkampf der FDP in Nordrhein-Westfalen als Generalsekretär gemanagt – heute sitzen die Liberalen dort in der Landesregierung. Dass mit Vogel das falsche Signal an die Frauen gesendet würde, sei ein Argument, heißt es. Aber: Ein weiblicher Generalsekretär sei umgekehrt auch kein Garant für eine bessere Frauenbeteiligung. Unter Nicola Beer jedenfalls blieb die FDP in diesem Punkt schwach.

Schulabschlüsse sollen europaweit vergleichbar werden

Die 49-Jährige will sich in Brüssel vor allem dafür einsetzen, die europäische Idee im Alltag der jungen Europäer wieder spürbar zu machen: „Die Gefahr ist groß, dass uns Europa zwischen den Händen zerbröselt“, sagt sie. Die FDP zieht deswegen mit einem ganzen Bündel von Ideen in den Europawahlkampf: Schulabschlüsse sollen europaweit vergleichbar werden, alle Schüler sollen unabhängig von ihrer finanziellen Lage mindestens sechs Monate im Ausland zur Schule gehen können.

Nicht nur Studenten, sondern auch Azubis sollen die Möglichkeit bekommen, Teile ihrer Ausbildung im Ausland zu absolvieren. Und: Alle jungen EU-Bürger sollen kostenlose Interrail-Tickets bekommen. „Wir wollen Europa so verändern, dass es wieder leuchtet“, rief Beer. Sie sei zwar „mehr das mittelalte Kaliber, dafür aber schlacht- und aufbauerfahren“.

Und sie habe sechs gut Gründe für ihre Kandidatur: ihre eigenen Kinder und die Kinder, die ihr Mann mit in die Ehe gebracht hatte. Gemeint ist Jürgen Illing, Träger des ungarischen Verdienstordens.

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