Ukraine

Was ist und wie geht Ukrainisch? Nachhilfe in einer fremden Sprache

Tetyana Dagovych unterrichtet Ukrainisch an der Bochumer Ruhr-Uni. Ihre Muttersprache, könnte man meinen, aber so einfach ist das mit der Muttersprache in der Ukraine gar nicht.

Tetyana Dagovych unterrichtet Ukrainisch an der Bochumer Ruhr-Uni. Ihre Muttersprache, könnte man meinen, aber so einfach ist das mit der Muttersprache in der Ukraine gar nicht.

Foto: Jakob Studnar, WAZ Foto-Pool

Bochum.  Dass in der Ukraine Krieg ist, hat auch mit der Sprache zu tun: Ukrainisch und Russisch taugen für die Scharfmacher immer wieder als Vorwand. Im Westen fragt man sich: Was ist das eigentlich – Ukrainisch? Wir hatten eine Stunde Nachhilfe bei der Bochumer Ukrainisch-Lehrerin Tetyana Dagovych.

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Frau Dagovych, die Ukraine nähert sich vorsichtig der EU an, aber die Sprache der Ukraine ist schon EU-Mitglied. Was sagen Sie dazu?

Tetyana Dagovych:
Wirklich?

Ja, Ukrainisch ist anerkannte Minderheitensprache in Polen, Rumänien, Kroatien, Slowenien… alles Mitgliedsländer der EU.

Dagovych:
Ich glaube, das kann man erklären. Unser Land existiert in diesen Grenzen ja erst seit 23 Jahren. Es gibt viele Ukrainer, die jenseits der Grenze leben, und es gibt Rumänen, Weisrussen, Russen und Ungarn in der Ukraine.

Reden wir über Ukrainisch und Russisch. Wir im Westen sehen hier wie dort kyrillische Buchstaben und verstehen nicht, wo der Unterschied sein soll.

Dagovych:
Bis ins 14. Jahrhundert wurde in weiten Teilen Osteuropas tatsächlich noch eine Sprache gesprochen: Altostslawisch. Erst später haben sich die Sprachen auseinanderentwickelt – in eine östliche Variante, die später zur russischen Sprache wurde, und eine westliche Variante, aus der Weißrussisch und Ukrainisch entstanden.

Und wie unterscheiden sie sich?

Dagovych:
Die Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch sind ungefähr so wie zwischen Deutsch und Niederländisch. Vieles ist ähnlich, aber man versteht den anderen nicht, wenn man keine Übung darin hat. Zum einen ist unsere Aussprache anders. Sie wissen vielleicht, dass es im russischen kein „h“ gibt…

Russen sagen „Gamburg“, nicht Hamburg…

Dagovych:
Genau. Im Ukrainischen gibt es das „h“ und es ist auch sehr charakteristisch. Außerdem haben Sie vielleicht bemerkt, dass es in unserem Alphabet nicht nur das kyrillische „i“, sondern auch noch ein lateinisches „i“ gibt.

Für die Liebe zum "i" gibt es keine logische Erklärung 


Sie brauchen die vielen „i“ aber auch. Charkow heißt in Ihrer Sprache Charkiw, Kiew heißt Kyiw, Lwow heißt Lwiw…


Dagovych:
Ja, diese Lautverschiebung vom o und e zum i ist typisch fürs Ukrainische. Eine logische Erklärung dafür gibt es aber nicht. So etwas entwickelt sich.

Was unterscheidet die Sprachen noch?

Dagovych:
Im Ukrainischen gibt es viel mehr Germanismen als im Russischen.

Deutsche Wörter?

Dagovych:
Ja. Das ukrainische Wort für Dach ist Dach. Das Wort für Fach ist Fach. Das Wort für Muschel ist Muschla. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ein Teil der Ukraine im 19. Jahrhundert zum Habsburgerreich gehörte. Manche Germanismen kamen aber auch über das Polnische zu uns oder über das Jiddische.

Wir übernehmen auch gerade ein Wort von Ihnen: Maidan.

Dagovych.
Ein sehr ukrainisches Wort – obwohl es eigentlich turksprachiger Herkunft ist. Es heißt einfach nur Platz. Der in Kiew heißt Maidan Nesaleschnosti, also Unabhängigkeitsplatz. Doch die genaue Bezeichnung wird immer öfter fallengelassen, und jeder im In- und Ausland sagt heute Maidan. Übrigens, wissen Sie, was ein ditjatschi maidantschik ist?

Sagen Sie.

Dagovych
: Das ist ein Kinderspielplatz. Genau genommen ein Kinderspielplätzchen. Solche Verkleinerungsformen sind sehr beliebt im Ukrainischen.

Anna Netrebko - Der russische Star hat einen ukrainischen Namen

Was man bei uns ebenfalls kennt: ukrainische Namen auf -ko. Poroschenko, Klitschko, Timoschenko. Wie kommt es, dass Ihr Name auf –ych endet (gesprochen –itsch)?


Dagovych: Der ist polnischer Herkunft. Typisch ukrainisch sind Namen auf –uk und eben auf -ko.

Die Opernsängerin Anna Netrebko ist Russin…

Dagovych:
Ja, aber ihr Name dürfte aus der Ukraine stammen. So ist das eben. Russen und Ukrainer haben 300 Jahre lang in einem Staat gelebt, da hat sich vieles vermischt.

Gibt es in den beiden Sprachen auch „falsche Freunde“? Also Wörter, die gleich klingen, aber Unterschiedliches bedeuten?

Dagovych:
Oh ja. Nehmen Sie das hier: „Urodlywy“ heißt auf Ukrainisch schön. Auf Russisch heißt "urodliwy" hässlich.


Ist es in Ordnung, weiter "Charkow" zu sagen?
 

Ei, das klingt gefährlich. Aber auch wir können daneben greifen: Stört es Sie eigentlich, wenn Ihre deutschen Gesprächspartner die bekannteren russischen Namen weiterbenutzen? Also Charkow, Kiew, Saporoschje statt Charkiw, Kyiw, Saporischschja?

Dagovych:
Nein, das stört mich überhaupt nicht. Das ist eine sprachpolitische Angelegenheit.

Deshalb ja die Frage.

Dagovych:
Im Moment ist man in der Ukraine sehr zurückhaltend mit der Sprachpolitik. Die Sprache ist viel als Vorwand benutzt worden, um die Ostukraine aufzuwiegeln. In Donezk hat richtige Panik geherrscht, weil die Leute dachten, ihnen würde jetzt das Russische verboten.

Also bloß kein Öl ins Feuer gießen?

Dagovych:
Im Februar gab es eine hübsche Aktion von den Maidan-Aktivisten. Sie riefen die Westukrainer in Lwiw auf, einen Tag lang nur Russisch zu sprechen, um Solidarität mit den Menschen im Südosten zu zeigen. Es gab auch eine Antwort aus Donezk: Dort haben die Maidan-Aktivisten einen Tag lang Ukrainisch gesprochen. Das ganze stand unter dem Motto „Sjohodni mowa nje pro jasyk“. Der Satz passt immer noch wunderbar – die erste Hälfte ist ukrainisch, die zweite Hälfte russisch. Und er heißt: „Heute ist nicht von Sprache die Rede.“

Die Orangene Revolution war Gift für die Kinos im Osten

Aber die Ängste der Russisch Sprechenden hatten doch auch ihre Gründe?

Dagovych:
Einerseits gab es in der Ukraine nie eine massive Unterdrückung der russischen Sprache, auch ist sie zum Glück nicht in Sicht. Aber andererseits wurden unter Präsident Juschtschenko einige Fehler gemacht.

Der Sieger der Orangenen Revolution wollte die Ukraine ukrainischer machen.

Dagovych: Unter ihm wurde zum Beispiel ein Gesetz verabschiedet, nach dem 70 Prozent aller ausländischen Filme ukrainisch nachsynchronisiert werden müssen. Nun konnten sich Menschen im Westen und Zentrum der Ukraine endlich Filme in ihrer Muttersprache anschauen, was es schon aus finanziellen Gründen vorher kaum gab. Aber die russischsprachige Bevölkerung war sehr unzufrieden. Da gingen dann auch die Russischsprachigen auf der Krim und mit ihnen die russischen Touristen ins Kino und verstanden nichts. Bald klagten die Kinos über leere Ränge.

Den Ärger darüber kann ich nachvollziehen. Sie nicht?

Dagovych: Man muss verstehen: Hinter der russischen Sprache steht auch mehr Geld als hinter der ukrainischen. Ein Beispiel: Die ukrainische Übersetzung von „Harry Potter“ wird nach den Gesetzen des Marktes notwendigerweise teurer als die russische, denn es gibt weniger potenzielle Leser. Wer die Wahl hat, greift wahrscheinlich zum billigeren Exemplar, und wenn das immer so bleibt, dann verschwindet Ukrainisch in ein Paar Generationen. Der Staat muss dagegen etwas tun. Und trotzdem: Die neuerliche Angst vor Sprachverboten wurde auch vom russischen Fernsehen und seinen völlig irrationalen Berichten geschürt.

Man kommt um den Krieg kaum herum, wenn man über die Sprache spricht…

Dagovych:
Ja, leider. Bei meinem Sprachkurs hier an der Uni im Frühjahr und im Sommer habe ich mich immer bemüht, die Politik außen vor zu lassen. Aber in den Bewertungsbögen, die ich danach von den Studenten bekam, hat trotzdem einer geschrieben: Ich wäre zu politisch gewesen.

Wozu Ukrainisch lernen? Humboldt wusste es 

Ihre Studenten lernen Ukrainisch, weil sie neben ihrer Hauptsprache Russisch oder Polnisch noch eine zweite brauchen. Was haben andere Deutsche davon, wenn sie Ukrainisch lernen?


Dagovych: Jetzt muss ich an Wilhelm von Humboldt erinnern: Sprache ist Weltsicht. Man muss eine Sprache lernen, um den Blickwinkel derer einnehmen zu können, die sie sprechen.

Wo unterscheidet sich der ukrainische Blickwinkel?

Dagovych:
In aller Welt beklagen Feministinnen, dass das Wort für „Mensch“ ein männliches ist: L’homme, il huomo, der Mensch. Richtig?

Richtig.

Dagovych:
Das ukrainische Wort für Mensch ist „ludyna“. Ein weibliches Wort!

Und wie kommen die ukrainischen Männer damit zurecht?

Dagovych:
Für die ist das völlig normal.

Hm...

Selbst im Fernsehen geht es ständig hin und her

Dagovych: Wenn Sie noch Zeit zum Nachdenken brauchen, kann ich so lange ja vom Surschyk erzählen.

Wer ist das?

Dagovych:
Außer Ukrainisch und Russisch wird in der Ukraine auch noch Surschyk gesprochen. Das ist eine Mischung aus beiden Sprachen, die besonders in der Zentralukraine vorkommt. Und man darf nicht vergessen…

Gibt es etwa noch mehr Sprachen?

Dagovych:
Nein. Ich wollte darauf hinweisen, dass man auch sehr oft beide Sprachen nebeneinander hört. Etwa im Fernsehen: Ein Moderator fragt einen Gast auf Ukrainisch. Der antwortet auf Russisch. Und der Moderator benutzt wieder Ukrainisch, wenn er die nächste Frage formuliert. Am Anfang fand ich das komisch, aber inzwischen habe ich begriffen: Das Land ist nun einmal so.

Etwas durcheinander.

Dagovych: Auch für die Ukrainer selbst ist das verwirrend. Manche wissen selbst nicht, was sie sprechen.

Viele Ukrainer wissen selbst nicht, was sie sprechen


Bitte? Das müssen Sie noch erklären.

Dagovych: Es gibt offizielle Zahlen, wonach knapp 70 Prozent der Einwohner Ukrainisch sprechen und 30 Prozent Russisch. „Offiziell“ heißt aber nicht, dass die Zahlen stimmen. Zum einen gibt es viele Menschen, die Russisch im Alltag und Ukrainisch im Beruf verwenden – oder genau umgekehrt. Zum anderen stammen die Zahlen aus Volkszählungen, bei denen man angibt, was man spricht. Sprachforscher haben aber festgestellt: Da bekennen sich Leute zu Russisch, aber ihre Aussprache und die Hälfte des Wortschatzes sind ukrainisch. Und andere gaben an, sie sprächen Ukrainisch – aber was sie dann hervorbrachten, war reinster…

…Surschyk?

Dagovych: Genau, Surschyk.

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