Elite-Schule

Weihnachtsverbot zeigt: In der Türkei regiert die Intoleranz

Foto: Linda Say / dpa

Istanbul  Lehrer einer türkisch-deutschen Schule müssen Weihnachten vom Lehrplan streichen. Für Multikulti hat die Türkei neuerdings wenig Raum.

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Weihnachten gehört nicht in den Unterricht. Kein Wort über Fest und Bräuche. Am Dienstag weist die türkische Leitung des Istanbuler Elite-Gymnasiums „Lisesi“ die deutsche Abteilung per Mail an, das christliche Fest komplett auszublenden. Sogar der Auftritt des Schulchors beim Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat wird abgesagt. Nachdem die Deutsche Presse-Agentur darüber berichtet hat, schlagen in Berlin die Wellen hoch, von der Union bis zu den Grünen.

Die stehen für Multikulti. Genau dafür ist in der türkischen Leitkultur neuerdings wenig Raum. Die Toleranzschwelle sinkt. Der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sehen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt, dass die Türkei alle Brücken nach Europa abreißen wolle. „Das ist ein weiteres Zeichen dafür“, sagt Hardt unserer Redaktion. Scheuer erklärt, „türkische Schulleitung und türkischer Staat können jetzt sofort Klarheit schaffen, ob man die Zusammenarbeit will oder harte Konsequenzen riskieren möchte“.

Deutschen Botschafter einbestellen

Machtlos wäre die Bundesregierung nicht. Hardt fordert das Auswärtige Amt auf, beim Europarat vorstellig zu werden und den türkischen Botschafter einzubestellen, um ihm das „Befremden“ über den Vorgang klarzumachen. Hardt sieht im Verhalten der Türkei „einen Verstoß gegen Artikel 9 der europäischen Charta der Menschenrechte“. Der entscheidende Punkt ist auch für Scheuer die Religionsfreiheit. „Weihnachten gehört zu Deutschland“ und „ohne Wenn und Aber“ auch in einer deutschen Schule im Ausland, meint der CSU-Politiker.

Ein Druckmittel wäre die Finanzierung. Die 35 deutschen Lehrer am Gymnasium werden schließlich von der Bundesregierung bezahlt. „Sollte das Verbot nicht zurück genommen werden, muss die Finanzierung dringend auf den Prüfstand“, meint der Grünen-Politiker Özcan Mutlu. Es dürfte sich zwar um einen Millionenbetrag handeln. Allerdings würde ein Geldentzug weniger die Regierung in Ankara treffen, umso mehr die Schüler und ihre Eltern, zumeist Familien mit deutsch-türkischem Hintergrund.

Weihnachten bislang respektiert

Die Trennung von Staat und Religion gehört zum Fundament der Türkei. Indes ist Weihnachten mehr als ein religiöses Fest, es gehört zum Kulturgut. Im deutsch-türkischen Kulturabkommen aus dem Jahr 1957 verpflichten sich beide Staaten, „sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis des Kulturguts des anderen Landes zu vermitteln.“

Das „Lisesi“ ist zwar eine türkische Bildungseinrichtung, aber zugleich eine deutsche Auslandsschule. Nach dem Buchstaben und dem Geiste des Abkommens wurde Weihnachten dort bislang stets respektiert. Seit die islamisch-konservative AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land regiert, dreht sich der Wind. Insbesondere seit dem gescheiterten Putsch gegen ihn in diesem Jahr greift Erdogan rigoroser durch, auch im Schulwesen. Bereits 2015 setzte die Regierung am „Lisesi“ Hikmet Konar als neuen Rektor ein.

Konflikt nicht eskalieren lassen

Und schon bei der letzten Abiturfeier machte Konar dem deutschen Generalkonsul Georg Birgelen klar, dass er auf seine übliche Ansprache an die Schüler zu verzichten habe. Der Diplomat hatte keinen Anspruch darauf. Es war eine Frage der Tradition, der Toleranz, auch des Respekts.

„Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht“, erklärt das Auswärtige Amt am Sonntag. Es sei sehr schade, „dass die gute Tradition des vorweihnachtlichen interkulturellen Austausches an einer Schule mit langer deutsch-türkischer Tradition in diesem Jahr ausgesetzt wurde“. Wohlgemerkt: aussetzen. An der Wortwahl erkennt man das Bemühen, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen.

Religiöse Traditionen als Basiswissen

Auch die Schulleitung bemüht sich am Abend, die Wogen zu glätten. Sie dementiert ein förmliches Weihnachts-Verbot, nicht aber den Konflikt an sich. Die deutschen Lehrer hätten „Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. Sie seien danach aufgefordert worden, im Sinne der „Zusammenarbeit der beiden Länder“ Sensibilität zu zeigen.

Wie die Politik reagieren auch die christlichen Kirchen überrascht. Die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Petra Bosse-Huber, erinnert gegenüber unserer Zeitung daran, dass die Kenntnis religiöser und kultureller Traditionen zum Bildungsbasiswissen gehöre. Die Bischöfin kritisiert, „warum hier ausgerechnet jetzt ein Riegel vorgeschoben werden soll, ist nicht nachvollziehbar.“

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