Diskriminierung

Wie der Hashtag #metwo Alltagsrassismus bekämpfen soll

Foto: dpa Picture-Alliance / Horst Galuschka / picture alliance / Horst Galusch

Berlin  #metwo hat eine Debatte um Diskriminierung im Alltag angestoßen. Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich betroffen.

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Es kann überall passieren, in fast jeder Situation in der Öffentlichkeit. Da ist zum Beispiel die Studentin mit Kopftuch, die schon früher im Seminarraum ist, um ein Referat vorzubereiten – und von einem Kommilitonen gefragt wird, ob sie denn bald fertig sei mit putzen, „wir haben hier nämlich gleich einen Kurs“. Oder der Schüler, der fehlerfreie Diktate schreibt – aber trotzdem keine Eins bekommt, weil die Lehrerin erklärt: „Wenn ich dir eine Eins gebe, was soll ich dann den Deutschen geben?“

Bei der Wohnungssuche, bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, auf Reisen im Zug: Es sind Geschichten, die unter dem Schlagwort #metwo, also „Ichzwei“, auf Twitter erzählt werden. Seit Tagen läuft die Debatte, Zehntausende haben von alltäglichen Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus berichtet. Das Ergebnis: Es gibt ein Problem. Doch was tun?

Mesut Özil war der Auslöser

Ali Can hat den Hashtag initiiert, der ist angelehnt an #metoo, also das Schlagwort, unter dem seit vergangenem Herbst weltweit Millionen Betroffene, vor allem Frauen, von Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichtet haben. Auslöser, erzählt Can, sei der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft und die Kritik an dem Foto des Fußballers mit dem türkischen Präsidenten Erdogan gewesen. „Bei aller berechtigter Kritik an diesem Foto, die auch ich habe, gab es eben auch zuhauf rassistische Beleidigungen und Polemik gegen Özil. Das hat mich schockiert.“

Der 24-Jährige ist Sohn einer kurdischen, alevitischen Familie aus der Türkei, die Mitte der 90er-Jahre in Deutschland Asyl beantragte, um Benachteiligung und Diskriminierung in der Türkei zu entfliehen. Das Gefühl, nicht immer als Deutscher wahrgenommen zu werden, teile er mit Özil, sagt er. Zwei Tage habe er überlegt, wie er die Debatte anstoßen wolle, dann nahm er ein Video auf, in dem er dazu aufrief, Erfahrungen, die dieses Gefühl auslösen, unter #metwo zu teilen.

Parallelen zur Debatte um sexualisierte Gewalt

Cans Hashtag nahm in der vergangenen Woche schnell Fahrt auf: Zehntausende berichteten unter #metwo von Erfahrungen mit Diskriminierung. Doch nicht alle sind überzeugt, dass alles, was unter dem Schlagwort diskutiert wird, auch wirklich Rassismus ist.

In dieser Hinsicht ähnelt die Debatte der um sexualisierte Gewalt, sagt Aleksandra Lewicki. „Ist es legitim, über Verletzungen zu sprechen, wenn es doch noch viel schlimmere Verletzungen gibt? Das war schon die Frage bei #metoo“, erklärt die Sozialwissenschaftlerin von der Universität Sussex. Doch sowohl patriarchalische Strukturen als auch Rassismus würden sich in einem Spektrum bewegen und hätten viele Facetten.

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YouTube „Creators for Change“: Diese YouTube-Stars wollen nichts geringeres als die Welt verändern. Reporterin Johanna Rüdiger war beim großen Treffen in London mit dabei und hat die Video-Produzenten gefragt, wie sie sich gegen Rassismus und Hass engagieren.
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„Jeder kann rassistisch handeln“

Entscheidend ist dabei laut Lewicki, dass Charakteristika wie Hautfarbe oder Religion verknüpft werden mit bestimmten Eigenschaften oder Verhaltensweisen – „als gäbe es einen Automatismus zwischen dem Merkmal und der Eigenschaft oder Verhaltensweise“. Das diene dann als Grundlage, ganzen Gruppen den Zugang zu bestimmten Ressourcen und Positionen zu verweigern.

„Rassismus sagt ,Ich weiß, wie du bist‘ und trifft dabei willkürliche Annahmen über Merkmale und Eigenschaften“, erklärt Lewicki. „Rassismus ist strukturell, es gibt viele Einfallstore“, sagt sie, zum Beispiel bei Institutionen wie der Polizei oder im Gesundheitswesen. Man müsse sich klarmachen, dass jeder rassistisch handeln könne. „Das nimmt dem Thema die Tabuisierung.“

Viele der Geschichten spielen im Umfeld von Schulen

Auch Karim Fereidooni, der an der Ruhr-Universität Bochum Fachdidaktik lehrt, setzt auf Selbstreflexion. „Alle Personen in dieser Gesellschaft haben rassismusrelevantes Wissen verinnerlicht“, sagt er. Er versuche deshalb, seinen Studierenden beizubringen, sich und ihren Unterricht zu hinterfragen. „Wir sollten nicht versuchen, andere paternalistisch von Rassismus befreien zu wollen, sondern bei uns selbst anfangen“, sagt er.

„Wie bin ich sozialisiert, welche rassistischen Bilder habe ich zum Beispiel aus Kinderliedern und Kinderbüchern mitgenommen?“ Ziel sei es, dass seine Studierenden „Rassismuskompetenz als ganz normalen Teil der Lehrerausbildung betrachten“, sagt Fereidooni.Den Bedarf für eine solche Debatte in der Bildungspolitik scheint es zu geben: Auffällig viele der Geschichten, die auf Twitter erzählt werden, spielen im Umfeld von Schulen.

„Bewusstsein von Lehrkräften für ihre Wortwahl schärfen“

Auch Helmut Holter (Die Linke), Bildungsminister in Thüringen und Vorsitzender der Kultusministerkonferenz, mahnt deshalb zu mehr Sensibilität für das Thema. „Man muss das Bewusstsein von Lehrkräften für ihre Wortwahl schärfen, damit nicht der Eindruck entsteht, sie sei rassistisch motiviert“, sagte Holter dieser Redaktion. Demokratieerziehung müsse vermitteln, „dass es Werte und Prinzipien gibt, die uneingeschränkt gelten und die für uns nicht verhandelbar sind“. Dazu zähle die Würde des Menschen.

Maßnahmen wie gezielte Antirassismus-Trainings lehnt Holter allerdings ab. Teil der Lehrerausbildung sei auch Anerkennen und Vermitteln demokratischer Werte und das Wissen darum, wie wichtig Diversität für das Lernen sei. „Das geht meines Erachtens deutlich weiter als Einzelmaßnahmen wie ein Antirassismus-Training“, sagte Holter.

Can nimmt Seehofer in die Pflicht

Hashtag-Initiator Can dagegen würde Anti-Rassismus-Trainings befürworten. „Wir müssen sensibler bei diesem Thema werden. Oft ist es ja keine böse Absicht, ein blöder Spruch eben, der aber trifft.“ Auch die Polizei müsse besser geschult werden. Und Can nimmt Bundesheimatminister Horst Seehofer (CSU) in die Pflicht: „Sein Ministerium muss sich auch um die Frage der Heimat derjenigen Zuwanderer kümmern, die jetzt zu uns kommen.“

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