Politische Jugend

Wie Jungdemokraten das Ruhrgebiet verändern wollen

Chaymae Bouyakoub (li.), Roshad Mirek (hinten), Christin Olejnik (sitzend) und Jan Krawiec (re.) haben Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Armin Laschet getroffen - und ihnen auch unangenehme Fragen gestellt.

Chaymae Bouyakoub (li.), Roshad Mirek (hinten), Christin Olejnik (sitzend) und Jan Krawiec (re.) haben Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Armin Laschet getroffen - und ihnen auch unangenehme Fragen gestellt.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Düsseldorf/Ruhrgebiet.  Politisch wurden sie auf dem Bolzplatz oder im Jugendtreff. Jetzt wollen sie sich mehr einmischen. Wie zwei NRW-Projekte junge Menschen verändern.

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Politisch wurde Roshad Mirek (21) auf dem Fußballplatz. Er war viel mehr als Trainer, auch Aufsichtsperson für sein Dutzend pubertierender Kids. Mit ihnen pendelte er alleine per Bus und Bahn quer durch Dortmund zum Spielfeld. Nach dem Spiel zündeten sich die Jungs oft ein paar Joints an, „völlig fehgeleitete Kinder“, sagt Roshad. Es musste sich was ändern.

Also machte der Trainer mit dem Herz auf der Zunge so lange Druck auf die Bezirkspolitik, bis sie sich für bessere Bedingungen auf dem Spielfeld einsetze. Seitdem gibt es drei Platzwarte. Und die Eltern der Kinder sind jetzt auch bei den Spielen dabei. „Ich habe sie aufgeklärt, dass es herabwürdigend für ihre Kinder ist, wenn sie alleine zum Training müssen“, erzählt Roshad.

Wolfgang Schäuble, ein „Bombentyp“

Sich bei der Politik zu beschweren, bringt ja doch etwas, dachte sich der Dortmunder mit kurdischen Wurzeln. „Wir müssen aus der Opferrolle heraus, selbst aktiv werden“, ist sein Motto – das er inzwischen schon Angela Merkel gegenüber vertreten hat. Auch Grünen-Promi Cem Özdemir hat er getroffen. Und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, von dem Roshad sagt, er sei „ein Bombentyp“. „Schäuble hat mit uns gesprochen, als wären wir Erwachsene. Richtig so - wir wollen ernst genommen werden.“ Weniger nett dagegen sei dagegen der Besuch bei BILD-Chef Julian Reichelt gewesen. „Da ist es etwas eskaliert. Mit ihm sind wir nicht auf einen Nenner gekommen.“

Mit der Prominenz des politischen Berlins durfte Roshad als „Verfassungsschüler“ Bekanntschaft machen. Das vom Bundesinnenministerium geförderte Pilotprojekt will Demokratiebegeisterung bei Jugendlichen wecken, die aus Brennpunkten und nichtdeutschen Herkunftsfamilien stammen. Die Teilnehmer verteilen Grundgesetze auf der Straße, werden in Seminaren demokratietheoretisch geschult und machen Exkursionen – zu Gefängnissen, Parteibüros, ins Kanzleramt.

Oder ins Büro des NRW-Ministerpräsidenten. Heute haben die Schüler die Hände von Armin Laschet, SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty und Familienminister Joachim Stamp geschüttelt. „Früher im Unterricht saß ich immer ganz still in der hintersten Ecke des Klassenraums“, erzählt Chaymae Bouyakoub (21). „Heute kann ich Politikern in den höchsten Positionen selbstbewusst Fragen stellen.“

Stolz auf die Dortmunder Nordstadt

Chaymae studiert inzwischen Wirtschaftswissenschaften in Paderborn, ist aber immer noch regelmäßig beim Dortmunder Jugendtreff Hannibal aktiv. Als Sprecherin des Treffs entwickelte sie ihre gesellschaftspolitische Mission: Jugendlichen im Brennpunkt eine Stimme geben. „Es wird immer sehr negativ über die Nordstadt gesprochen“, sagt Chaymae, die früher auch immer zu einer Notlüge griff, wenn sie gefragt wurde, wo sie herkommt. „Jetzt sage ich deutlich: Ja, ich komme aus der Nordstadt. Andere Jugendliche sollen sich genauso wenig abstempeln lassen.“

Was der Spielfeldrand für Roshad, der Jugendtreff für Chaymae war – das war für Jan Krawiec aus Wanne-Eickel das Jugendparlament. „Verfassungsschüler“ ist er nicht, aber Stipendiat bei den „Ruhrtalenten“, dem größten Schülerstipendienprogramm in NRW, dessen Programm aus Politik-Akademien und Bildungsreisen nun ebenfalls zum Düsseldorfer Landtag geführt hat.

Spaltung zwischen Deutschen und Migranten

„Ich habe mich schon immer für Politik interessiert“, sagt Jan – Hemd, Sakko, FDP-Mitglied. Der Hang fürs Liberale ist es, der ihn schon jetzt Pläne für ein Auslandsjahr in Kanada nach dem Abi 2021 schmieden lässt. „Da gibt es so schöne Gesetzte“, sagt er – und meint etwa das weltweit als Vorbild betrachtete Einwanderungsgesetz. „Außerdem sagen alle: Wir sind stolze Kanadier – egal, welche Wurzeln sie haben.“

Das wünscht sich Jan auch für Deutschland. Stattdessen karikiert er ein düsteres Bild von seiner Heimatstadt Herne. „Die Deutschen wählen die AfD, die Migranten gehen nicht wählen. Die Deutschen besaufen sich, die Migranten verlieren sich in der Kleinkriminalität.“ Klar sei das heftige Pauschalisierung – aber häufig auch die Realität. „Deutsche und Migranten leben nebeneinander, aber nicht zusammen.“

Erst war kein politisches Interesse vorhanden

Tagein tagaus erlebt diese Spaltung auch „Ruhrtalent“ und Gelsenkirchenerin Christin Olejnik– ghanaische Mutter, deutscher Vater. „Im Stadtteil Buer werden Leute mit meiner Hautfarbe komisch angeguckt, in Erle sind es dann die Deutschen, die angegangen werden.“ Auch Christin findet: „Es braucht viel, viel mehr Miteinander.“ Genau dafür will sich die 18-Jährige jetzt mehr einsetzen, gerade das Eintauchen ins politische Berlin habe neues Bewusstsein bei ihr geweckt. „Mit all den Politikern zu sprechen, hat mir gezeigt, dass unsere Stimme viel wert ist.“

Zuvor engagierte sich Christin ehrenamtlich in Kinder- und Jugendgottesdiensten - was ihr entschiedene Pluspunkte bei der „Ruhrtalente“-Bewerbung einbrachte. „Politik war für mich aber immer sehr unzugänglich“, gibt sie zu. Jetzt denkt sie über einen Parteieintritt nach. Wo genau? „Das weiß ich noch nicht“. Schließlich sagt selbst FDP-Kollege Jan: „Bei welcher Partei man ist, ist sekundär. Es kommt auf die Menschen an – wir alle sollten gemeinsam für unser Land stehen.“ Klingt ganz so, als spräche da die nächste Parlamentarier-Generation

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