Alphabetisierung

Bloß nicht auffallen: So meistern Analphabeten ihren Alltag

Einige Erwachsene haben nie  in der Schule lesen gelernt.

Einige Erwachsene haben nie in der Schule lesen gelernt.

Foto: dpa

Essen.   Etwa 1,5 Millionen Analphabeten leben in NRW. Viele gehen erfolgreich ihren Berufen nach und fallen nicht auf. Wie meistern sie ihren Alltag?

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Viele von ihnen leben und arbeiten seit Jahren unter uns. Keiner merkt, dass sie ein Handicap haben. Sie verbergen es und hangeln sich durch Job und Alltag. Gemeint sind Analphabeten.

Etwa 7,5 Millionen der 18- bis 64-Jährigen sind nach einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 in Deutschland Analphabeten. In NRW sind es mit etwa 1,5 Millionen, die als sogenannte funktionale Analphabeten gelten, mehr als in anderen Bundesländern. Funktionale Analphabeten sind Erwachsene, die daran scheitern, ganze Sätze zu lesen und Texte zu erfassen.

Ein Analphabet berichtet

Der Mülheimer Uwe S. ist funktionaler Analphabet – trotz Schulabschluss und Job. Erfolgreich ist er im Job, wie er sagt. Aber keiner weiß von seinem Defizit, das der 49-Jährige bislang verschweigen konnte, weil er nicht oft mit Texten in Berührung kommt auf der Arbeit und im Privaten. Einzelne Sätze seien kein Problem für ihn, aber zusammenhängende Texte zu verstehen, falle ihm schwer, berichtet Uwe S.

Wie schafft er es überhaupt anfallende Rechnungen, Mietverträge und Formulare zu lesen und auszufüllen? „Das geht meistens noch. Sonst hilft mir ein Freund oder mein Bruder“, sagt der alleinstehende Mülheimer. Bruder und Freund wissen von seiner Lese-und Schreibschwäche - als einzige.

Wie Uwe S. geht es vielen, nicht nur in NRW. In Thüringen, wo es mehr als 200 000 funktionale Analphabeten gibt, hat Ingrid Büttner aus dem ostthüringischen Greiz im April 2015 eine Selbsthilfegruppe für Analphabeten gegründet. Diese sei aber mittlerweile mangels Mitgliedern geschlossen, sagt sie. In NRW gibt es derzeit keine Selbsthilfegruppe – trotz 1,5 Millionen funktionaler Analphabeten.

„Oftmals ist die Scham zu groß, sich zu outen und in die Öffentlichkeit zu gehen. Viele denken, dass es nach wie vor tabu ist, Analphabet zu sein“, erklärt Anne Kaiser von der Koordinationsstelle für Selbsthilfe in NRW.

Mehr als 13 Millionen Menschen haben Lese-und Schreibdefizite

Knapp ein Viertel der Deutschen, die nie richtig lesen und schreiben gelernt haben, kann nur den eigenen Namen und einzelne Sätze schreiben, besagt die Leo-Level-One-Studie der Hamburger Universität. Hier wurden Kompetenzniveaus des Lesens und Schreibens von 8500 befragten erwerbsfähigen Menschen in Deutschland untersucht. Sie unterscheidet in sogenannte Alpha-Level – eine vierstufige Niveau-Abstufung des Analphabetismus.

Die größte Gruppe machen allerdings bundesweit nicht die funktionalen Analphabeten aus, sondern mit 13,3 Millionen diejenigen, die zwar grundsätzlich lesen und schreiben können, jedoch kaum ohne Fehler zu machen. „Personen auf diesem Level können bei Verwendung eines alltäglichen Wortschatzes lesen und schreiben, machen aber sehr viele Fehler. Texte können sinnerfassend gelesen werden, die Rechtschreibung weist aber sehr viele Fehler auf“, heißt es in der Hamburger Studie über jene etwa 13 Millionen Bundesbürger.

Bei den funktionalen Analphabeten ist es etwas anders: Sie haben große Probleme, zusammenhängende Sätze zu verstehen und geben schon bei kürzeren Texten auf. Ihr Lese-und Schreibkompetenz reiche gerade einmal aus, „den minimalen gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen und Selbstverständliches zu verstehen wie den Fahrplan einer U-Bahn“, sagt Beate Schmitz vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in NRW. Sie betreut das vom DGB ins Leben gerufene Mentorenprogramm „Mento“, das Analphabeten in der Berufswelt Mentoren wie Betriebsräte zur Seite stellen, die sie unterstützen - und die Analphabeten im Betrieb überhaupt erkennen.

Unter Nichterwerbstätigen ist der Anteil an Analphabeten noch größer. Jeder dritte der 770 000 Arbeitslosen in NRW konnte 2014 nicht richtig lesen und schreiben, teilte das Schulministerium mit. Mit zunehmender Digitalisierung, Maschinisierung und im Hinblick auf den demografischen Wandel als auch die Sicherung des Fachkräftebedarfs werden Lese- und Schreibkompetenzen, also die Grundbausteine für die moderne Arbeitswelt, immer wichtiger, stellte die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann unlängst fest. "Nur wer ausreichend lesen und schreiben kann, ist auch in der Lage, sich persönlich und beruflich weiterzubilden und gesellschaftlich teilzuhaben."

Männlich, Schulabschluss und mit Job

Die meisten Analphabeten sind laut der Hamburger Forscher zwischen 40 und 64 Jahre alt, männlich, haben einen Schulabschluss und einen Job. Sie seien zudem in ihrer Schulzeit nicht weiter aufgefallen – und bekamen nur selten eine gesonderte Lese-und Schreibförderung.

Das trifft auch auf den Mülheimer Uwe S zu. Er hat nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Heizungsinstallateur gemacht – seither arbeitet er in diesem Beruf. Bisher hätten seine Kollegen und der Chef nichts bemerkt von seinen Lese-und Schreibproblemen. „Wenn mich einer ansprechen sollte, würde ich mich herausreden“, sagt Uwe S.

Seine Abwehrstrategie ist kein Einzelfall. Viele andere Analphabeten würden sich damit herausreden, dass sie ihre Lesebrille zufällig nicht dabei hätten, wenn sie etwas lesen müssten, sagt die funktionale Analphabetin Ingrid Büttner. „Da spreche ich aus eigener Erfahrung."

Es gibt zahlreiche Hilfsangebote

Erst seit 2011 gibt es allerdings belastbare Zahlen zur Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland. „Für das laufende Jahr ist ein Follow-Up der Hamburger Studie geplant. Erst dann lässt sich ablesen, wie sich die Schriftsprachkompetenz der Erwachsenen, deutschsprechenden Bevölkerung im Laufe der vergangenen fünf Jahre verändert hat“, sagt Juliane Averdung vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.

Einrichtungen wie Volkshochschulen sind dann an der Reihe. Ihnen wird als lokale Partner von Schulministerium sowie anderen Sozialträgern die wichtige Aufgabe zuteil, Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen. Aktuell gibt es viele Alphabetisierungskurse, die in sogenannten Integrationskursen beinhaltet sind, für Geflüchtete an den Volkshochschulen an Rhein und Ruhr. "Wir haben derzeit fünf Alphabetisierungskurse für deutsche Muttersprachler, aber in unseren Integrationskursen gibt es gesondert nochmal 25 Alphabetisierungskurse für Flüchtlinge", sagt Barbara Aldag von der Volkshochschule Duisburg.

Nur wenige Analphabeten nehmen Angebote wahr

Zum Bedauern vieler Bildungseinrichtungen in NRW sind trotz zahlreicher Angebote die Alphabetisierungskurse oftmals nur spärlich besucht oder ganz leer.

Dabei ist der Landesregierung das Thema sehr wichtig: Die 2014 gegründete Initiative „Alphanetz NRW“, ein Netzwerk von Volkshochschulen, Unternehmen, Schulministerium und Arbeitsagentur, hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema Analphabetismus aus der Tabuzone herausholen und auch älteren Menschen das Schreiben näherbringen, wie Schulministerin Sylvia Löhrmann erklärt.

Und das lässt sich die rot-grüne Landregierung etwas kosten. „Das Land förderte 2016 die Aktivitäten des 'Alphanetzes NRW' mit knapp 85.000 Euro. Darüber hinaus sind im Haushaltsentwurf 2016 für Alphabetisierung und Grundbildung 500.000 Euro eingestellt“, so die Ministerin. Der Haushalt für dieses Jahr sieht dann noch einmal zusätzlich fünf Millionen Euro jährlich bis zum Jahr 2019 vor.

Das Problem ist allerdings, dass die Landesregierung kaum Analphabeten mit ihren Programmen erreicht. Die Scham überwiegt, so dass viele es vorziehen, unerkannt zu bleiben.

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