Schulöffnung

Corona: Wie eine Klever Berufsschule die Öffnung erlebte

Schulöffnung in NRW: "Habe nicht die besten Erfahrungen mit Hygiene"

Angehende Abiturienten am Luise-von-Duesberg-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Kempen haben jetzt wieder Unterricht. Viele Schüler sind verunsichert, ob die empfohlenen Schutzmaßnahmen ausreichen.

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Kleve  Das Berufskolleg in Kleve ist eines der größten in NRW. Was die Politik ursprünglich verlangte, ist hier unrealistisch. Betrieb läuft langsam an.

Freitagmorgen, 10 Uhr, im Berufskolleg in Kleve. Normalerweise würden sich heute Tausende Schüler in dem riesigen Gebäudekomplex tummeln, aber in Corona-Zeiten ist nichts normal, und deswegen liegt eine eigentümliche Ruhe über einer der größten Berufsschulen in Nordrhein-Westfalen. Etwa 5000 Schüler besuchen das Kolleg und seine Zweigstellen. Gerade einmal 100 Abiturienten sind seit Donnerstag hier, um sich auf ihre Prüfungen Mitte Mai vorzubereiten. Ein Besuch in einem hochkomplexen System, das nicht so einfach wieder hochgefahren werden kann, wie es mancher Politiker wünscht.

Der Krisenmodus, in dem sich das Berufskolleg befindet, zeigt sich an vielen Stellen. Ein Desinfektionsspender am Eingang, rotleuchtende Schilder, auf denen die Abstandsregeln angemahnt werden, gelbe Pfeile auf dem Boden, die die Laufrichtung anzeigen. Schulleiter Peter Wolters und seine Kollegen haben stressige Tage hinter sich.

Fünf Wochen vergeudete Zeit

Auf einer weißen Tafel in seinem Büro hat Wolters einen Zeitstrahl aufgemalt. Vom 16. März, als seine Schule geschlossen wurde, bis zum kommenden Montag. Zwischen dem Tag der Schulschließung bis zum 18. April ist der Zeitstrahl so gut wie leer. „Fünf Wochen vergeudete Zeit“, sagt Wolters. Am Abend des 18. April, einem Samstag, läuft in seinem Postfach eine Mail des Schulministeriums ein mit den Details zu der am Donnerstag davor verkündeten Schulöffnung.

Dann wird es hektisch. Zig Fragen sind offen. Welche Lehrer dürfen kommen, welche gehören zur Risikogruppe? Welche Hygienestandards gelten? Welche Räume sollen wie genutzt werden? Wie soll der Stundenplan aussehen? Wie wird die Abstimmung mit dem Schulträger laufen? Für Wolters beginnen lange Tage, von acht Uhr morgens bis spät am Abend. Häufig wird es 21 Uhr.

Unrealistische Vorstellungen des Ministeriums

„Ich bin persönlich verantwortlich für die Gesundheit aller Beteiligten“, sagt Wolters. Deswegen hat er am Donnerstag nur die 100 Abiturienten kommen lassen, freiwillig. Die 680 Berufsschüler, die in diesem Jahr ihre Prüfungen ablegen oder die rund 400, die die Fachhochschulreife anstreben, werden ab Montag kommen. Ursprünglich sollten sogar alle Schüler, die in diesem Jahr einen Abschluss machen, bereits am Donnerstag erscheinen, hatte das Schulministerium verkündet. „Das war völlig unrealistisch“, sagt Wolters nüchtern.

In den Klassen, in denen sonst etwa 30 Schüler unterrichtet werden, sind die Stühle weit auseinandergestellt. Zehn Schüler passen jetzt in einen Raum. Einige Gebäude werden gerade saniert. Ein Viertel der etwa 200 Kollegen zählt zur Risikogruppe. Volllast zu fahren ist unter diesen Bedingungen schlicht nicht möglich.

Lehrer können nicht einfach in anderen Klassen eingesetzt werden

Kollegen einfach in anderen Klassen einzusetzen, das geht nicht, in dem weit verästelten Organismus Berufsschule sind viele Lehrer Spezialisten. Selbst für die wenigen Abiturienten ist nicht in allen Fächern Präsenzunterricht möglich, ein Englischlehrer, eine Deutsch- und eine Psychologielehrerin müssen die Schüler weiterhin digital auf die Prüfungen vorbereiten. Auch die Praxisunterweisungen hat Wolters vorerst eingestellt. In einer Küche beispielsweise kann kein Abstand eingehalten werden.

Die Verärgerung über das Vorgehen der Politik ist dem Schulleiter anzumerken: „Es ist ein krasser Managementfehler, wenn man glaubt, dass man ein so komplexes System so schnell wieder hochfahren kann.“ Seine Leute und er haben sich allerdings in den Wochen zuvor vorbereitet. „Wir hatten schon Hygienepläne, die haben wir in Eigenregie angepasst.“ Einweghandtücher, die jetzt benötigt werden, haben sie aus dem Keller geholt, sie waren noch im Altbestand. „Wir haben die Zeit genutzt.“

Schulbesuch mit gemischten Gefühlen

Anna-Janina Schmitz hatte ein mulmiges Gefühl, als sie am Donnerstag nach fünf Wochen wieder in die Schule ging. Die 20-Jährige besucht das berufliche Gymnasium Gesundheit. „Ich habe mich dafür entschieden zu kommen, weil ich mich unzureichend vorbereitet gefühlt habe“, sagt sie. Einen Risikofall hat sie nicht zu Hause, die Großeltern leben in einer separaten Wohnung. „Es ist riskant, den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen. Mein Bus war völlig überfüllt.“

Die Schulfreunde zu sehen, und sie nicht umarmen zu dürfen, sei gewöhnungsbedürftig gewesen, erzählt die junge Frau. Andererseits ist sie froh, sich in der Schule auf ihre Abiturprüfungen vorbereiten zu können. „So kann ich mich besser motivieren zu lernen.“ Den festen Sitzplan für ihre Lerngruppe haben sie und die anderen Abiturienten per Mail zugeschickt bekommen.

Das Team hat dafür gesorgt, dass es funktioniert

Schmitz hat eine Alltags-Maske um den Hals, sie trägt sie in ihrer Lerngruppe. Eine Maskenpflicht anordnen will Schulleiter Wolters aber nicht. „Wir haben eine dringende Empfehlung ausgesprochen, wollen aber niemanden vom Unterricht ausschließen, der nicht an eine Maske kommt.“ Und ob für alle Schüler Masken bereitgestellt werden könnten, sei fraglich. Noch eine Baustelle. Dass die ersten Tage überhaupt funktioniert haben, sagt Wolters, das liege an seinem Team, das sehr gut zusammen gearbeitet habe.

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