Trauma-Ambulanzen

Damit mehr Gewaltopfer schnell Hilfe finden

Unter den Folgen von Gewalttaten leiden Opfer oft noch Jahre lang.

Unter den Folgen von Gewalttaten leiden Opfer oft noch Jahre lang.

Foto: dpa

Im Rheinland.   Landschaftsverband will das Angebot in den 35 Trauma-Ambulanzen im Rheinland bekannter machen. 2017 zählten sie lediglich 386 Hilfesuchende.

Körperverletzung. Misshandlung oder Missbrauch, Vergewaltigung – Gewalttaten verletzen nicht nur den Körper, sondern fast immer auch die Seele. Was viele Gewaltopfer offenbar nicht wissen: Sie haben Anspruch auf umgehende Hilfe. Verteilt über die Region gibt es 35 sogenannte „Trauma-Ambulanzen“. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat Verträge mit psychiatrischen Kliniken geschlossen, damit diese Gewaltopfern schnell und unbürokratisch Hilfe gewähren. Im Jahr 2017 nutzten 386 Personen im Rheinland dieses Angebot.

„Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass es in Nordrhein-Westfalen insgesamt jedes Jahr rund 30.000 Fälle von Gewaltkriminalität gibt“, sagt Peter Anders, Fachbereichsleiter beim LVR. Zudem sei es nicht viel, wenn man bedenke, dass die Zahl der „Trauma-Ambulanzen“ im Rheinland stetig gewachsen sei – die der Hilfesuchenden aber stagniere, so Anders weiter gegenüber der NRZ.

Gespräche mit dem Land NRW geplant

Ein Verwaltungspapier des LVR listet jetzt auf, wie die „Trauma-Ambulanzen“ mehr Hilfsbedürftige erreichen und wie auch das Angebot dort verbessert wird. Es geht z. B. um den Aufbau einer eigenen Internetpräsenz, um die Sicherstellung von Behandlungsmöglichkeiten für spezifische Zielgruppen (etwa für behinderte Gewaltopfer), um Fortbildungen und um den Aufbau einer internen Koordinierungsstelle zum Aufbau eines psychosoziales Versorgungsangebotes nach Terroranschlägen. In enger Abstimmung mit dem Schwesterverband in Westfalen-Lippe will der LVR mit der Landesregierung besprechen, welche Dinge wie umgesetzt werden können.

Für Peter Anders ist aber ganz klar: Die Trauma-Ambulanzen an sich sollen nicht infrage gestellt werden, niedrige Patientenzahl hin oder her. „Das ist ein unheimlich wichtiges Angebot“, betont der LVR-Fachmann. Die Hilfesuchenden hätten Schlimmes erlebt. Peter Anders macht es mit einem Vergleich anschaulich: „Krimis aus Schweden gelten ja als besonders heftig. Ich glaube, die Autoren dort haben Patientenakten der Ambulanzen gelesen...“ Auch nach dem Anschlag im Kölner Hauptbahnhof sei die Hilfe einer Trauma-Ambulanz in Anspruch genommen worden, berichtet Anders.

Nach Jahren kommt das Geschehene hoch

Der zentrale Punkt: Die Hilfe in den Traumambulanzen erfolgt unkompliziert. „Es genügt, sich bei der Ambulanz zu melden und zu sagen, dass man Gewaltopfer ist“, erklärt der LVR-Fachmann. Unerheblich sei, wann die Tat geschehen ist. Bei Kindesmisshandlungen etwa komme es häufig vor, dass Betroffene auch im Erwachsenenalter noch darunter leiden, nach Jahrzehnten kommt das Geschehene plötzlich wieder hoch: „Auch diese Menschen können sich selbstverständlich melden.“

Bis zu fünf Sitzungen in der Trauma-Ambulanz sind für den Hilfesuchenden kostenlos, bei Bedarf können im Anschluss bis zu zehn Stunden Akutpsychotherapie beantragt werden. „Das Ziel ist die Überführung in die Regeltherapie“, erklärt Peter Anders. Dass der Staat die Kosten für die schnelle Hilfe übernimmt, ist im sogenannten Opferentschädigungs-Gesetz (OEG) geregelt.

Etwas weniger als 2017

Der Gedanke dabei: Die Folgen solcher Gewalttaten können über Jahre anhalten bis hin zu dauerhaften psychischen Behinderungen und einer Berufsunfähigkeit. Betroffene sollen Hilfe erfahren. Der Staat springt ein und finanziert Rehabilitation, auch um hohe soziale und wirtschaftliche Kosten zu vermeiden. Der Staat vergütet den Ambulanzen die Sitzungen zu festen Sätzen. Der LVR geht davon aus, dass 2018 im Rheinland insgesamt 258.000 Euro fließen, etwas weniger als 2017.

Eine Adressliste gibt es hier.

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