Fundtiere

Exotische Tiere: Experten fordern strengere Regeln für NRW

Die Haltung einer Schlange, hier eine junge Boa Constrictor, setzt Fachwissen, Platz, Geld und Zeit voraus.

Die Haltung einer Schlange, hier eine junge Boa Constrictor, setzt Fachwissen, Platz, Geld und Zeit voraus.

Foto: Heiko Kempken

An Rhein und Ruhr.   Exotische Tiere landen in NRW oft im Müll. Um Fundtiere kümmert sich der Terrazoo Rheinberg. Das fordern Fachleute von der neuen Landesregierung.

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Die Funde häufen sich. Erst gestern hat der Mitarbeiter eines Entsorgungsunternehmens in Mönchengladbach eine Kiste mit 18 Königspythons neben einem Müllcontainer entdeckt. Vergangene Woche war es eine Boa Constrictor, die in der Nähe eines Spielplatzes in Witten für einen Feuerwehreinsatz gesorgt hatte. „Die Tendenz, exotische Tiere einfach auszusetzen, ist steigend“, bestätigt Uwe Ringelhan.

Der Mann muss es wissen, schließlich landen gerade die giftigen Exemplare häufig in der von ihm geleiteten Reptilien-Auffangstation NRW im Terrazoo in Rheinberg. Hinzu kommen die „ausgebüxten“ Tiere: „Der Sommer war schon sehr warm, und die Leute nehmen die Tiere mit in den Garten oder lassen die Fenster auf.“

Tiere wachsen Besitzer über den Kopf

Zumeist aber wachsen Kaimane in der Badewanne oder Riesenschlangen ihren Besitzern einfach über den Kopf. Hinzu kommen die anfangs unterschätzten Kosten für Nahrung und Pflege. Und was mit der Giftspinne oder dem Skorpion während des Sommerurlaubes passieren soll, war bei der Anschaffung auch noch kein Thema.

Wem die Tiere gehören, bleibt zumeist ebenfalls ungeklärt. Nordrhein-Westfalen ist eines der wenigen Bundesländer, in dem die Registrierung von Gefahrtieren und deren Haltern sowie der Abschluss einer Tierhalteversicherung keine Pflicht sind. Das vom ehemaligen NRW-Umweltminister Johannes Remmel auf den Weg gebrachte Gesetz gegen die private Haltung hochgefährlicher und giftiger Tiere ist zumindest vorerst vom Tisch.

„In NRW können Sie sich mit 18 Jahren eine Mamba im Internet bestellen, und die Regierung interessiert das nicht“, sagt Uwe Ringelhan. „Dass die Kosten für einen Rettungseinsatz nach einem Bissunfall der Steuerzahler trägt, wissen viele Leute nicht.“ Denn der Rettungseinsatz ist eine Hilfeleistung, ähnlich wie bei einem Wohnungsbrand, die der Staat trägt. „Und mit einem Hubschraubereinsatz kommen da auch schon mal 50 000 Euro zusammen“, so der Zoologische Leiter des Terrazoos.

„So viel Aufwand kann die Registrierung nicht sein“

Obwohl die Einsatzkräfte zumeist für nicht giftige Tiere gerufen werden, befürwortet auch Gerd Kortschlag eine Registrierungspflicht für Gefahrtiere und deren Halter. „Man muss an alles denken. Bei Wohnungsbränden platzen auch Scheiben der Terrarieren, und Tiere kommen frei“, so der langjährige Feuerwehrmann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Leverkusen und dank einer Ausbildung bei Uwe Ringelhan auch Fachmann im Umgang mit Gefahrtieren.

Nicht selten werden Kortschlags ehemalige Berufskollegen in Wohnungen verstorbener Bewohner von exotischen Tieren überrascht, deren Identifizierung, Transport und Versorgung Zeit und Geld verschlingt.

Tod im nächsten Winter

„So viel Behörden-Aufwand kann die Registrierung eigentlich nicht sein“, spricht Kortschlag einen Grund an, warum das geplante Gesetz auf Gegenwind gestoßen war. „So eine Regelung sollte auch nicht an das Ordnungsrecht, sondern am Tierschutz aufgehängt werden“, ergänzt Dr. Ralf Unna. Der Kölner Tierarzt und Vizepräsident des Landestierschutzverbandes NRW weiter: „Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber man schätzt, dass 50 Prozent dieser Exoten – deren Tod auf dem Transportweg eingerechnet – das erste Jahr hier nicht überleben.“

Und wer glaubt, den exotischen Tieren oder der Natur mit dem Aussetzen im Wald noch etwas Gutes zu tun, dem zieht Uwe Ringelhan den Zahn: „Die meisten sterben hierzulande spätestens im nächsten Winter.“

>>INFO: NUMMER FÜR DEN NOTFALL

Für 25 Euro nimmt die NRW-Auffangstation für Reptilien in Rheinberg exotische und giftige Tiere an. „Das sind nur die Kosten für erste Untersuchungen beim Tierarzt“, so Leiter Uwe Ringelhan. „Leider erfahren wir dafür, anders als Tierheime, weder staatliche noch kommunale Unterstützung und sind auf Spenden angewiesen. Und die Haltung der Tiere verursacht hohe Kosten.“ Die rund um die Uhr erreichbare Notfallnummer der gemeinnützigen RAS-Zoo GmbH lautet 0160/99 66 33 29.

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