Nach den Gewittern

Experten: Größere Kanalrohre wären keine Lösung bei Unwetter

Wuppertal konnte die Kanalisation die Wassermassen in der vergangenen Woche nicht mehr aufnehmen.

Wuppertal konnte die Kanalisation die Wassermassen in der vergangenen Woche nicht mehr aufnehmen.

An Rhein und Ruhr.   Nach den teilweise verheerenden Unwettern der vergangenen Tage stellt sich die Frage: Sind die Kanalnetze nicht gerüstet für den Klimawandel?

Gullydeckel, die nach oben schießen, als wüteten Geysire unter der Erde – überflutete Unterführungen, vollgelaufene Parkhäuser, abgesoffene Innenstädte. Es sind die Bilder der vergangenen Woche; aus Aachen, aus Wuppertal, Essen oder Soest. Die Kanalisation hat vor Unwetter und Starkregen kapituliert. Es bleibt die Frage: Sind die Kanäle in den Städten zu klein und marode, nicht gerüstet für den Klimawandel?

So einfach ist die Sache nicht. Zwar liegen die meisten Abwasserrohre tatsächlich länger als 50 Jahre im Boden und viele sind geplant worden, als die Städte noch deutlich kleiner waren. Teilweise sind die Rohre sogar bis zu 100 Jahre alt, viele wurden zudem schnell und in schlechterer Qualität in den Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt.

Und ja: obwohl bundesweit jährlich rund vier Milliarden Euro in die Kanalnetze fließen, gibt es einen Sanierungsstau, sagt Professor Johannes Pinnekamp von der RWTH in Aachen. „Es müsste mehr Geld investiert werden, wir laufen hinterher“, betont der Wissenschaftler, der an der Hochschule das Institut für Siedlungswasserwirtschaft leitet. „Das ist eine Daueraufgabe für die Städte.“

Aufwand für überdimensionierte Rohre wäre gigantisch

Pinnekamp betont aber auch: Größere Rohre wären keine Lösung, um vollgelaufene Innenstädte in Zukunft zu verhindern: „Zu große Kanäle sind unwirtschaftlich und unvernünftig.“ So sei beispielsweise der Aufwand gigantisch, um eine überdimensionierte Kanalisation in Trockenzeiten vor Ablagerungen zu schützen. Ohnehin könnten selbst die größten Rohre keinen hundertprozentigen Schutz vor Überflutungen garantieren. Wenn innerhalb weniger Stunden hunderte Liter Regen pro Quadratmeter fallen, ist selbst das bestausgebauteste Netz chancenlos. „Manche Starkregenereignisse lassen sich nicht kalkulieren“, sagt Pinnekamp. Das sieht auch Michael Steinbach von der Emschergenossenschaft so: „Bei den Kanälen gibt es eine Grenze.“

Also müssen die Kommunen sich durch andere Maßnahmen auf solche Unwetter einstellen. Am wirksamsten lassen sich Überflutungen verhindern, wenn die Regenmassen gar nicht erst in die Kanalisation gelangen.

Doch dafür muss das Wasser versickern oder abfließen können. Das Problem: Viele Flächen in Nordrhein-Westfalen sind so stark versiegelt, dass überhaupt kein Niederschlag mehr in den Boden eindringen kann. Nach Angaben des Umweltministeriums nimmt die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Nordrhein-Westfalen beinahe 23 Prozent ein, rund die Hälfte davon ist versiegelt. „Wir müssen Flächen wieder entsiegeln“, fordert deswegen Johannes Pinnekamp. Ein Beispiel: Statt einen Parkplatz komplett zu asphaltieren, sollte er mit Gittersteinen gepflastert werden, die Wasser durchlassen.

Bessere Zusammenarbeit nötig

Um den Regen zu regulieren, ist der Bau von Auffang- und Rückhaltebecken nötig. „Das Wasser muss dahin möglichst gefahrlos abfließen können“, sagt Pinnekamp.

Diese Funktionen können künstliche Seen übernehmen, die es bereits in vielen Städten gibt und die gleichzeitig bei Hitze kühlen und einen hohen Freizeitwert für die Menschen in der Umgebung bieten können. Ein Beispiel dafür ist der Niederfeldsee, der vor einigen Jahren im Essener Norden errichtet wurde. Das Regenwasser fließt dort unter anderem vom Dach eines Schulgebäudes in der Nähe durch einen Verbindungskanal hinein – und gelangt so überhaupt nicht in die Kanalisation. Der See wiederum hat einen Ausgang zu einem natürlichen Bach.

Um diese „wassersensible Stadtentwicklung“ voranzutreiben ist es laut Pinnekamp vor allem wichtig, dass die einzelnen Ämter in den Städten besser zusammenarbeiten. Die Kommunen haben das überwiegend verstanden – und arbeiten teilweise auch städteübergreifend. So haben sich etwa die Städte in der Emscherregion darauf verständigt, sich in diesen Fragen noch stärker auszutauschen.

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