Bildungspolitik

GEW-Chefin Schäfer über die Situation der Schulen in NRW

Schul- und Bildungspolitik ist Angelegenheit der Länder. Deshalb blicken Pädagogenverbände wie beispielsweise die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Spannung auf die anstehenden Wahlen.

Schul- und Bildungspolitik ist Angelegenheit der Länder. Deshalb blicken Pädagogenverbände wie beispielsweise die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Spannung auf die anstehenden Wahlen.

Foto: Julian Stratenschulte

Schulpolitik ist Ländersache. Vor den Landtagswahlen zieht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bilanz. Größtes Sorgenkind: Lehrermangel

Dorothea Schäfer ist NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie vertritt im Land rund 49 000 Mitglieder, die meisten sind Lehrer. Weil der Landtag wichtige bildungspolitische Vorhaben beschließt und die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte mitbestimmt, ist die Landespolitik von zentraler Bedeutung für die GEW.

Zuletzt hatten Pädagogenverbände von 7000 fehlenden Pädagogen im Land gesprochen, alleine knapp 460 Vertretungsstellen sind derzeit ausgeschrieben. Im NRZ-Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur Ralf Kubbernuß und Volontärin Hanna Lohmann formuliert Schäfer Wünsche für die Zukunft – und bewertet die Arbeit der aktuellen Regierung.

Frau Schäfer, eine Frage, die besonders viele Eltern beschäftigt: Warum fällt so viel Unterricht aus?

Selbst wenn alle Stellen besetzt wären, was sie nicht sind, ist immer mal ein Kollege krank, auf Fortbildung oder in Elternzeit. Eigentlich bräuchten wir acht Prozent mehr als 100 Prozent – als Vertretungsreserve.

Wie schlimm steht es denn um den Lehrermangel ?

Früher suchte die Schule ihr Personal aus, jetzt kann häufig die Lehrkraft aussuchen, zu welcher Schule sie geht. Die kurzfristig erforderliche Beschulung von zusätzlich 40 000 Flüchtlingskindern im vorletzten Jahr hat natürlich eine große Nachfrage ausgelöst, dazu kommt, dass Grundschullehrkräfte nicht so schnell fertig werden, weil ihr Studium jetzt länger dauert. Deshalb können viele Stellen nicht besetzt werden.

12 Wochen Urlaub plus alle Feiertage, dazu der sichere Beamtenstatus: Warum wollen junge Menschen da nicht Lehrer werden?

Die tägliche Belastung bei Lehrern ist hoch. Anders als viele denken, ist Lehrer kein Halbtagsjob. Ist die Schule aus, muss der Unterricht für den nächsten Tag vorbereitet werden, Klassenarbeiten korrigiert werden.

Das Gleiche gilt für Oster- und Herbstferien. Da arbeiten viele Lehrer am heimischen Schreibtisch. Und gegen Ende der Sommerferien beginnen längst die Konferenzen. Es klingt vielleicht simpel, aber es reicht auch nicht, selber gerne Mathe in der Schule gemacht zu haben. Lehrer unterrichten keine Fächer, sondern Kinder. Wer die nicht wirklich mag, sollte einen anderen Beruf wählen.

Wie motiviert man Lehrer sich an Brennpunktschulen zu bewerben?

Es gibt schon jetzt die Möglichkeit besserer Bezahlung für entsprechende Tätigkeiten. Außerdem sollte es für diese Lehrkräfte mehr Entlastungsmöglichkeiten geben, z. B. über eine Absenkung des regulären Pflichtstundenmaßes.

2013 hat NRW die Inklusion auf den Weg gebracht: viele Förderschulen wurden geschlossen, die Schüler kamen an Regelschulen. Nicht alle waren glücklich mit den Ergebnissen. Der CDU-Chef in NRW Armin Laschet forderte sogar ein Moratorium des Prozesses. Hat die Landesregierung die Schulen bei der Umsetzung zu sehr allein gelassen?

Ja, das kann man so sagen. Man hat einfach darauf gesetzt, dass mit dem Gesetz und dem Recht für Eltern auf einen Platz für Kinder in der allgemeinen Schule, wenn sie das wünschen, alles gut ist. Dabei wurden die Erfahrungen, die über Jahre durch den gemeinsamen Unterricht gesammelt worden waren, gar nicht eingebracht.

Heißt das, dass wir die geschlossenen Förderschulen wieder öffnen?

Nein, die Inklusion kann nicht einfach wieder zurückgedreht werden. Aber es gibt Bedarf, nachzujustieren. Wir brauchen eine Doppelbesetzung von Lehrern in integrativen Klassen und die Sonderpädagogen müssen Teil des Kollegiums werden, mit eigenem Unterricht und nicht Gast bleiben, der stundenweise Kinder an der Schule betreut. Dafür muss es aber auch Fortbildungsmaßnahmen geben. Lehrer, die tatsächliches Team Teaching gelernt und gemacht haben, waren begeistert. Aber aktuell ist die Menge und Verteilung an den Schulen einfach falsch. Wir brauchen dringend ein zweites Gesetz zur Umsetzung der Inklusion, in der die Schüler-Lehrer Relation klar geregelt ist.

Trauern Sie der Schwarz-Gelben Landesregierung von 2005 bis 2010 unter Jürgen Rüttgers eigentlich nach?

Überhaupt nicht, da war viel mehr Druck im System. Damals wurde nicht nur das Einschulungsalter vorgezogen, sondern auch die verpflichtende Grundschulempfehlung eingeführt. Die Erfahrungen zeigen, dass bei vielen Kindern keineswegs im Alter von neun Jahren feststeht, welchen Schulabschluss sie schaffen können.

Und welche Note würden Sie der aktuellen Regierung für die nun endende Legislaturperiode geben?

Ein „Befriedigend Plus“, denn die Richtung stimmt. Die Blockade zur Gesamtschulgründung wurde aufgehoben, längeres gemeinsames Lernen ist möglich. Aber das Ausmaß, das die Inklusion annimmt, wurde unterschätzt.

Fehlt es in der Schulpolitik nicht auch oft an Klarheit?

Ja. Die Kommunen dürfen oder müssen häufig Dinge entscheiden. Was dabei raus kommt, ist aber nicht immer gut. Bei der Schulzeitverkürzung zum Beispiel braucht es ein klares Prinzip. Es darf nicht sein, dass ein Umzug innerhalb von NRW unmöglich wird, weil in der einen Stadt G8 und in der anderen G9 angeboten wird. Die Zeit in der Sekundarstufe I zu verkürzen war ein Kardinalfehler. Wir brauchen sechs Jahre in der Sek I – in allen Schulen. Und dann variabel zwei bis vier Jahre Oberstufe.

Im Jahr 2015 sind 40 000 schulpflichtige Flüchtlinge nach NRW gekommen. Welche Herausforderungen brachte das mit sich?

Die Kinder waren zum Teil auf einem sehr unterschiedlichen Stand. Nicht alle waren zuvor zur Schule gegangen. Auch war die Verteilung sehr ungleichmäßig: Zum Beispiel Dortmund hat sehr viele Zuweisungen erhalten.

Hat das den Lehrermangel verschärft?

Keiner hat 2015 mit so vielen Menschen gerrechnet. Wir begrüßen aber, dass die Landesregierung schnell neue Stellen geschaffen hat. Durch den Nachtragshaushalt ging das relativ unproblematisch.

Wie sollten aus Ihrer Sicht Flüchtlinge in die Schulen integriert werden?

Wir hatten Willkommensklassen, ab nächsten Schuljahr sollen die Kinder in die Regelklassen. Das war prinzipiell keine schlechte Idee.

Hat das denn funktioniert?

Die Idee war, dass in den Willkommensklassen die geflüchteten Kinder unterrichtet werden, aber sie auf dem Schulhof und bei einzelnen Aktionen oder Fächern bereits Kontakt zu den anderen Kindern haben. Mancherorts hat man die Flüchtlingskinder aber in leer stehende Gebäude „ausgelagert“, so dass gar keine schrittweise Integration möglich war.

Und wenn die Kinder jetzt in die Regelklassen kommen?

Wir haben die Sorge, dass es für die Lehrkräfte eine Herausforderung ist, wenn sie noch größere Klassen unterrichten müssen und die Kinder nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen. Prinzipiell erwarten wir in den Grundschulen weniger Probleme: Jüngere Kinder erlernen die Sprache schneller. Auch verständigen Grundschüler sich einfach mit Händen und Füßen.

>> Landesschülervertreter Jurek Macher will trotzdem Lehrer werden

Der Essener Jurek Macher (17) besucht die 11. Klasse des Gymnasiums Borbeck. Er ist Vorstandsmitglied der Landesschülervertretung. Er sagt, dass er für die Zeit nach dem Abitur über ein Lehramtsstudium nachdenkt – trotz aller Nachteile.

Das liege aber daran, dass er sich selber gut im Beruf vorstellen könne. Dabei sieht er aber auch die vielen Dinge die an Schulen schieflaufen. Trotzdem: „Ich habe den Ehrgeiz Dinge, die mich stören, besser zu machen.“

Jurek weiß auch, dass er mit seinem Zukunftsplan ziemlich alleine da steht: „In meiner Stufe kenne ich keinen, der sich auch vorstellen könnte Lehrer zu werden.“

Das Geld fehlt

Auch um die Finanzierung von Bildung sorgt sich der Schülervertreter: „Gerade, wenn es um die Besetzung von Lehrerstellen geht, sieht es oft mau aus. Das erhöht den Druck auf die anderen Lehrer, was ich in der Schule auch mitbekomme. Es führt aber auch zu hohem Unterrichtsausfall und schlechten Kurswahl-Möglichkeiten für die Schüler.“

Es gibt aber noch andere Bereiche, die ihm Kopfzerbrechen bereiten: „die Leistungsorientierung und Selektion unseres Bildungssystems.“ Er meint damit das mehrgliedrige Schulsystem und den „ständigen Leistungsdruck“ unter dem die Schüler durch die Klausuren sowie die Art des Unterrichts stünden. „Das alles sorgt für ein gestresstes Klima an den Schulen“, findet er. Für Jurek Macher sind das Gründe, warum er sich in der Schülervertretung engagiert. Er vermutet, dass es die vielen Probleme sind, die den Lehrerberuf für seine Mitschüler so unattraktiv machen. Außerdem sagten einige: „Ich war jetzt lange genug in der Schule, da will ich doch nicht noch Lehrer werden.“

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