SPD-Ortsverein

Ist die SPD noch zu retten? An der Basis herrscht Frust

Gedämpfte Stimmung bei den Sozialdemokraten in Duisburg-Rheinhausen.

Gedämpfte Stimmung bei den Sozialdemokraten in Duisburg-Rheinhausen.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Duisburg-Rheinhausen.   Die SPD ist in einem absoluten Stimmungstief. Die Wahlen in Bayern und Hessen brachten Rekordverluste. Ein Besuch beim Ortsverein Rheinhausen.

Es ist nicht so, als hätten Sozialdemokraten keinen Humor. „Als wir die Veranstaltung geplant haben, lag die SPD noch bei satten 19 Prozent“, begrüßt Dirk Smaczny die 20 Gäste und einige lachen verhalten. Es ist eben Galgenhumor. Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt, Friedrich-Ebert-Straße in Duisburg-Rheinhausen. Treffen des Ortsvereins Mitte. Smaczny ist der Vorsitzende und eigentlich geht es heute Abend um die internationale Politik, weswegen Johannes Pflug gekommen ist. Aber natürlich kriegt hier keiner den Zustand der Partei aus den Klamotten. Gerade hier.

Der Raum ist hell erleuchtet und riecht nach Bohnerwachs. Dekoriert ist er mit nostalgischen Stücken aus der alten Zeit, als Stahl und Kohle hier Zehntausende beschäftigten, und das rote Parteibuch fast so verbreitet wie der Führerschein war. Eine Schaufensterpuppe mit Helm und silbernem Hitzeschutzmantel, eine Grubenlampe, eine rostige, eiserne Faust, die einen Hammer hält. Ein hölzernes Schild der Vereinigung der Pensionäre von Krupp-Stahl. Vor einem Vierteljahrhundert wurden die Kruppschen Hüttenwerke in Rheinhausen endgültig dicht gemacht. Geraucht wird vor der Tür, Bier gibt es keins.

Die meisten hier sind ergraut, Jungsozialist ist keiner mehr.

„Wir gehen ja hoffentlich bald wieder auf die 20 Prozent zu“

Johannes Pflug übt sich in Zweckoptimismus. „Wir gehen ja hoffentlich bald wieder auf die 20 Prozent zu“, sagt er zu den Genossen. Muss man sich mal vorstellen. Pflug, den sie hier alle Hans nennen, war bis vor fünf Jahren Bundestagsabgeordneter, Schwerpunkt Außenpolitik. Wahlkreis Duisburg II, vor zwanzig Jahren holte er 66,4 Prozent der Erststimmen, mehr als jeder andere Kandidat bundesweit. Das war die Wahl, bei der die SPD auf 40,9 Prozent kam und Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde. Aktuell sieht Forsa die Partei bei 13 Prozent.

Mit Pflug ist die weite Welt in das Seniorenzentrum gekommen. Der Mann war viel unterwegs, häufig in den beiden Koreas, er bespricht sich immer wieder mit dem chinesischen Botschafter, hat noch gute Drähte in deutsche Diplomatenkreise. Er analysiert ohne Punkt und Komma die globale Lage, Amerika, Russland, China, Nordkorea, Taiwan, drohende Konflikte, die Herausforderungen, vor denen Europa steht. „Leider“, sagt er, „betrachtet auch unsere Partei Europa noch als Nebensächlichkeit“, und er warnt vor neu aufkeimendem Nationalismus und vor dem amerikanischen Präsidenten, den er als „faschistoid“ wahrnimmt. Das kommt gut an.

Natürlich geht der Blick in der anschließenden Diskussion auch zurück, zum Beispiel in die Zeit, als „der Schröder“ sich gegen den Irak-Krieg gestellt hat, was hier durch die Bank goutiert wird. Aber letzten Endes ist ihnen allen hier klar, dass mit glanzvollen Auftritten auf dem internationalen Parkett nur selten Wahlen gewonnen werden können. Als Pflug schon gegangen ist, diskutieren sie im kleinen Kreis über den Zustand der Partei. Es herrscht viel Frust.

Bruno Hensellek, 63, massig, grauer Bart, Mitglied der Bezirksvertretung Rheinhausen, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ein „bisschen angepisst“ seien sie alle, weil die Berlin alles wieder umstoße, was sie an der Basis mühsam aufbauten. „Der ganze Hartz-IV-Quatsch hängt uns immer noch nach“, schimpft Hensellek. Es ist nicht so, als hätten sie die Partei aufgegeben, das geht hier wohl auch gar nicht. Norbert Fabian beispielsweise, 70 Jahre und Bildungsreferent im Ortsverein, ist einer von denen, die das Gute im Schlechten suchen. Der „Koalitionsvertrag enthält eine sozialdemokratische Handschrift“, doziert er und dass die Partei ein Potenzial von 30 Prozent und mehr habe. Freunde dieser Koalition gibt es allerdings nur wenige hier.

Die in Berlin „sind weit weg von der Wirklichkeit“

Trotzdem stellen sie sich noch bei Wind und Wetter an die Infostände. „Ich würde mir wünschen, dass da mal einer aus Berlin dabei ist. Aber die sind weit weg von der Wirklichkeit.“, klagt Marion Dirks. „Diese Leute, die das Sagen haben, haben keine Empathie“, sagt ihr Mann Dieter. Natürlich schwärmen sie hier von Willy Brandt, ein anderes Kaliber als Parteichefin Andrea Nahles. Sie kann es nicht wirklich, ist die einhellige Meinung. Dieter Dirks wünscht sich, dass die Parteiführung endlich mal einen großen Wurf wagt, eine Vision entwickelt davon, was gut ist für die Gesellschaft. Auskömmliche Rente, bezahlbares Wohnen, eine Reform von Hartz-IV, die den Namen verdient.

Bruno Hensellek bringt die Gemütslage in Rheinhausen auf den Punkt: „Ich wünsche mir, dass die SPD wieder die Politik macht, für die sie vor 150 Jahren gestanden hat. Für die Arbeitnehmer.“ Sie werden aber natürlich weitermachen. Rheinhausen verpflichtet.

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