Flüchtlings-Blog

Keine Namen, keine Fotos – die Angst der Geflüchteten

Wo sind ihre Kinder? Rita H. verlor auf der Flucht den Kontakt zu ihrer Familie.

Foto: Hendrik Schulz

Wo sind ihre Kinder? Rita H. verlor auf der Flucht den Kontakt zu ihrer Familie. Foto: Hendrik Schulz

NRW.  37 Geflüchtete haben für unser Blog "Menschen unterwegs" ihre Geschichte erzählt. Für Volontär Hendrik Schulz waren die Interviews nicht leicht.

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Es flüchten die Jüngeren, weil sie die Hoffnung sind. Es flüchten die Männer, weil sie die Kraft dafür haben. Alte, Frauen, Familien fliehen seltener. Denn die Flucht braucht Kraft – und die ist bei der Ankunft in Deutschland meist aufgebraucht. Oft ist ihre Hoffnung das einzige, was sie noch antreibt.

Viele lassen sich nicht fotografieren – aus Angst

Verzweiflung, Terror und Krieg haben die Geflüchteten hinter sich gelassen. Aber die Angst bleibt. Deshalb gibt es auf unserem Blog auch so wenige Portrait-Fotos: Die Menschen haben Angst. Angst vor dem, wovor sie geflohen sind. Angst, dass es sie bis hierher verfolgt. „Ich habe noch Angehörige in der Heimat“, sagen mir viele. Sie möchten nicht, dass ihr Gesicht und ihr Name in der Zeitung oder im Internet stehen.

Deshalb sind einige Namen abgekürzt oder Tarn-Identitäten. Auch die Ortsangaben sind teils absichtlich vage. Bekommt der IS mit, dass jemand aus einem von ihnen kontrollierten Dorf geflohen ist – und die Familie ist noch da...? Der Terror kenne keine Gnade, fürchten die Menschen. Diese Angst haben Geflüchtete aus dem arabischen Raum, diese Angst haben Schwarzafrikaner und Tschetschenen.

Wer sein Gesicht fotografieren lässt und seinen vollen Namen nennt, dessen Freunde und Verwandte sind schon geflohen. Oder tot. Und das möchten die Flüchtlinge erzählen.

Eine Sozialbetreuerin sagt mir, dass Frauen - ohnehin in der Unterzahl - eher nicht erzählen wollen. Wenn sie mit ihrem Mann hergekommen sind, übernimmt der traditionell das Reden. Wenn sie allein kamen, sind ihnen unterwegs oft Dinge widerfahren, über die sie kaum sprechen können.

Aber die meisten reden. Während ich mit meinem Gesprächspartnern irgendwo in der Unterkunft auf eine Bank sitze, bilden sich richtige Warteschlangen. Ein Syrer bittet die Sicherheitsleute immer wieder, niemanden zu nah heranzulassen. Er hat Angst, ausspioniert zu werden. Er verdächtigt manche seiner Landsleute, insgeheim für den Assad-Geheimdienst zu spitzeln. Ist das Paranoia oder die Angst womöglich begründet?

Will der fremde Deutsche uns nur aushorchen?

Viele denken bei Interviews sofort ans Aushorchen. Oder sie wittern, dass ich für die Gespräche mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorfühlen will. Ohne Sozialbetreuer und Übersetzer würden die Allermeisten kein Vertrauen fassen zu diesem fremden Deutschen, in dem sie immer auch einen Repräsentanten des deutschen Staates sehen.

Flüchtlinge Sie fragen: Werden wirklich Ingenieure gesucht? Warum geht es nicht weiter mit dem Asylverfahren? Wieso müssen sie in dieser Turnhalle wohnen, während ihre Verwandten doch schon eine eigene Wohnung haben? Fragen, auf die ich keine Antworten habe.

Sie fragen auch: Stimmt es, dass Albaner alle wieder zurückmüssen? Das wollen auch Evigena und Donalda wissen, zwei lebenslustige Teenagermädels aus Tirana. Ja, fast alle, so leid es mir tut. Hätte ich sie besser belogen? Jetzt klammern sie sich an die Hoffnung, dass ein winziger Bruchteil bleiben darf. Ob sie inzwischen noch hoffen dürfen oder bereits wieder zurückkehren mussten in ihr Land, das sie nicht "Heimat" nennen wollten?

Name bleibt ungenannt, Gesicht bleibt verdeckt

Irgendwann – nachdem ich beteuert habe, dass der wahre Name nicht notiert ist, dass ich alle Fotos gezeigt habe und sie sicher sein können, nicht erkannt zu werden – dann irgendwann wollen die Geflüchteten erzählen. Dann platzt es nur so aus ihnen heraus.

Ein irakischer Lehrer spricht fast eine Stunde lang. Nicht ein einziges Mal muss ich nachfragen. In anderen Fällen tut mir unbedachtes Nachhaken leid. Eine Kurdin erzählt, dass sie nicht weiß, wo ihre beiden Kinder sind – und mit jedem Wort bricht ihre Stimme ein bisschen mehr. Ich bin erleichtert, als die Übersetzerin sie in die Arme nimmt.

Unendlich besorgt und unendlich dankbar

Zur Begrüßung bieten mir die, die so gut wie nichts haben, ihre Gastfreundschaft an - auch wenn sie skeptisch sind. Legen ein sauberes Tuch auf den einzigen Stuhl im Zimmer, holen Tee in der Massenunterkunft, bieten eine selbstgestopfte Zigarette an.

Und zum Abschied gibt es fast immer einen langen Händedruck. Diese Menschen sind alles Mögliche: Verzweifelt und unendlich besorgt über ihre Zukunft und das Schicksal ihrer Liebsten. Und genauso unendlich dankbar, dass Deutschland sie aufnimmt und ein Dach über dem Kopf gibt. Mehr als einmal werde ich deshalb „mein Freund“ genannt. Weil ich zugehört habe, als sie etwas erzählt haben.

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