Kommunen in NRW

Kleinste NRW-Gemeinde Dahlem stemmt sich gegen Landflucht

Der Bürgermeister der Eifelgemeinde Dahlem Jan Lembach.

Foto: Kai Kitschenberg

Der Bürgermeister der Eifelgemeinde Dahlem Jan Lembach.

Dahlem.   Mehr Zuzüge als Abgänge, Tip-Top-Gemeinwesen, Supermarkt, Ärzte und eine prämierte Schule: Dahlem in der Eifel ist alles andere als abgehängt.

Das Rathaus ist zwar keine Schönheit, aber hell und aufgeräumt und wenn man jetzt ein Anliegen hätte im Bürgerbüro, käme man sofort dran und müsste nicht erst eine Nummer ziehen wie in der Stadt. Und die Hinfahrt erstmal, auf prima Straßen mit frisch gezogenen Begrenzungslinien, kein rumpelig-geflickter Frostlöcher-Asphalt vernachlässigter Stadtviertel, dabei kann es hier auch kalt werden, sehr kalt.

Wir sind in der Eifel, genauer in Dahlem-Schmidtheim, einem von sechs Orten der Gemeinde Dahlem, der kleinsten Gemeinde in Nordrhein-Westfalen. Ein Kaff? Mitnichten. Das wird uns Bürgermeister Jan Lembach (52) schon erklären, der nun vier erfolgreiche Jahre in dieser kleinsten NRW-Verwaltungseinheit im Amt ist.

Und, fragt der skeptische Großstädter, welche Vorteile hat das Leben in so kleinen Ortschaften mit jeder Menge Grün drumherum? „Wir kümmern uns“, sagt Lembach. In Dahlem kommt der Bürger nicht ins Rathaus, da geht die Verwaltung zum Bürger: „Anwohner hätten gerne eine Haltestelle an einer Straße. Wir prüfen, schreiben dem Rat eine Vorlage, der Rat stimmt zu.“ Fall erledigt.

Es sei ja fast peinlich, aber so habe der Rat – das sind neben dem Bürgermeister zwölf CDU-, sechs SPD- und zwei FDP-Mitglieder, in der Vergangenheit nahezu alle Vorhaben einstimmig passieren lassen – „wir haben einfach nicht die Reibungsverluste großer Verwaltungseinheiten, sind gut sortiert“.

Viel Platz für wenig Menschen

Hört sich so an. Aber auch die Dahlemer haben sich vor wenigen Jahren mehr Sorgen um ihre Zukunft gemacht, als sie es heute tun, hatten mit Landflucht, Überalterung, leerstehenden Häusern und negativen Prognosen zu kämpfen. Doch Bürger und Verwaltung hielten dagegen, zogen an einem Strang. Heute verzeichnet Dahlem Jahr für Jahr mehr Zuzüge als Abgänge, unterm Strich wächst die Bevölkerung: „Die Zahl stabil zu halten wäre schon ein Erfolg“, sagt Lembach.

Platz jedenfalls wäre genug da. In Dahlem verteilen sich rund 4300 Menschen auf 95 Quadratkilometern – die Großstadt Mülheim an der Ruhr ist knapp so groß und beherbergt 168 000 Einwohnern. Für den Großraum Köln wird in den nächsten zwei Jahren eine erneute Steigerung der Mieten um 20 Prozent prognostiziert. Da wundert es nicht, dass auch in Dahlem die Menschen in Kauf nehmen, drei Stunden ins Rheinland und wieder zurück zu pendeln, Dahlem hat gute Bahnverbindungen nach Köln.

Wir steigen in Bürgermeister Lembachs flottes Elektroauto und starten unsere Rundfahrt. Auf einer Anhöhe blicken wir auf den Windpark, mit dem die Gemeinde gutes Geld eingenommen hat. 60 000 Euro, erzählt der Bürgermeister, gehen Jahr für Jahr aus diesem Topf direkt an die Vereine der Gemeinde, als Zuschuss.

An mehreren Stellen entstehen Neubaugebiete, die Grundstücke sind zum Teil atemberaubend schön gelegen mit Blick auf Wälder und Wiesen. Sie kosten 40 Euro/Quadratmeter. Durchschnittpreis in Düsseldorf: 440 Euro/Quadratmeter. Stolz ist Lembach auf das neu erstandene Altenpflegeheim, zusammen mit mobilen Pflegediensten und einer ebenfalls neuen Tagespflege sei eine Versorgungslücke für alte Menschen geschlossen.

Bäckereien, Supermärkte und ein Flugplatz

In Dahlem gibt es Bäckereien, Supermärkte und einen Flugplatz, aber keine Warteliste für den Kindergarten: „Wer kommt, wird aufgenommen“, und keine Sorgen, welche Grundschule für das Kind die beste ist. Es gibt nur eine für rund 200 Kinder, die im Unterricht mit Ipads lernen und eine eigene Schwimmhalle haben. Die Schule hat wegen ihres innovativen Konzepts bereits so viele Preise gewonnen, dass Lembach sie schon nicht mehr zählen kann.

Direkt nebenan – eine Unterkunft für Flüchtlinge, 80 sind es gerade, Dahlem übererfüllt die vom Land verlangte Pro-Kopf-Auslastung. Probleme? Lembach schüttelt den Kopf: „Nicht, dass ich wüsste. Da haben sich viele Ehrenamtliche engagiert!“ Wir fahren am Hausarzt vorbei, der die Praxis vom pensionierten Vorgänger übernommen hat und an schmucken Häusern, deren Fassaden und Dächer frisch renoviert leuchten.

Um dem Leerstand entgegenzuwirken, haben die Dahlemer Teile der Gemeinde als Sanierungsgebiet ausgewiesen und Fördergelder des Landes abgerufen. Wer den Hof pflastern oder die Fassade streichen lässt, kassiert erhebliche Zuschüsse. Die schmucken Ortskerne wiederum locken Familien von außerhalb an, die sich in Dahlem niederlassen. 30 Häuser wurden im letzten Jahr verkauft.

Fachkräfte fehlen auf dem Land

Für 25 000 oder 50 000 Euro kann man in einem der Dahlemer Ortsteile ein solides Eifelhäuschen kaufen. Die Gebühren, von Abfallentsorgung bis zur Grundsteuer B sind für Großstädter ein Witz.

Was fehlt? Jan Lemberg zuckt mit den Achseln: „Hier kann jeder machen, was er will. Wenn er Holz schlagen, Fallschirmspringen, Hundesport betreiben, laufen, radfahren, die Natur genießen will, kann er das tun!“

Und dann fällt ihm doch noch etwas ein, was die kleinste Gemeinde in NRW mit anderen Regionen des Landes gemein hat: Es fehlen Fachkräfte. Die wenigen Großbetriebe der Umgebung ebenso wie die Handwerksbetriebe am Ort suchten händeringend Nachwuchs und Mitarbeiter.

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