Niederlande

Amsterdam-Reiseführer: Nachhaltigkeit und soziale Projekte

Amsterdam ist wunderschön – aber an seinen touristischen Hotspots wie den Grachten im historischen Zentrum auch ziemlich überlaufen.

Amsterdam ist wunderschön – aber an seinen touristischen Hotspots wie den Grachten im historischen Zentrum auch ziemlich überlaufen.

Foto: David Hecker / ddp

Amsterdam/Köln.  18 Millionen Besucher pro Jahr: Amsterdam ächzt unter Touristen. Abseits der Grachten stellt sich die Metropole neu auf: nachhaltig und sozial.

Wie, ein neuer Reiseführer über Amsterdam? Das muss doch wirklich nicht sein! Doch, finden Susanne Völler und Anne Winterling. Die beiden Autorinnen bereisen die Hauptstadt der Niederlande – Ja, Den Haag ist der Regierungssitz! – schon seit geraumer Zeit, und zwar regelmäßig. Sie wissen daher nicht nur genau, dass die bei allem globalen Gewusel doch nur 850.000 Einwohner zählende Metropole in Nordholland unter den jährlich 18 Millionen Touristen aus aller Welt ächzt, sondern kennen viele Ecken abseits der beliebten Grachten.

„Ich fahre seit 25 Jahren mindestens dreimal im Jahr nach Amsterdam“, verrät Susanne Völler. „Vorher war ich häufiger in Rotterdam, weil ich die Stadt cooler fand, aber dann habe ich durch einen Freund, der aus Fryslan kommt, aber in Köln lebt, auch Amsterdam immer besser kennengelernt und viele andere Seiten der Stadt entdeckt.“

Heute ist das Viertel Noord voll angesagt

1997 hat die Kölnerin ihren ersten Amsterdam-Reiseführer auf den Markt gebracht, in dem aktuellen Werk legen sie und Anne Winterling nun natürlich einen anderen Schwerpunkt. „Wegen des Overtourism im Zentrum versucht auch das Stadtmarketing, die Besucher mehr und mehr in die außenseitigen Bezirke zu bringen. Wir haben das aufgegriffen und nun vor allem nach sozialen Aspekten und nachhaltigen Projekten recherchiert“, berichtet Susanne Völler. „Klar ist das Thema gerade ohnehin in aller Munde, aber die Niederländer und gerade die Amsterdamer haben immer eine sehr spannende Art, etwas daraus zu machen.“

So zum Beispiel in Noord. Vom Hauptbahnhof mal nicht direkt das historische Zentrum rund um den Dam ansteuern, sondern rauf auf die kostenlose Fähre und man strandet vor einem riesigen Glaspalast – dem „EYE“ Filmmuseum. Früher war dieses Viertel die hässliche Seite Amsterdams, wohin sich nie ein Tourist verirrt hätte. Industriebauten kennzeichneten die trostlose Landschaft, doch heute ist Noord voll angesagt. Zunächst eroberten Künstler das riesige Gelände der ehemaligen NDSM-Werft, dann machten die Stadtplaner hier alles chic und ein Kreativer lockte den nächsten an.

Mit dem Rad in die Polderlandschaft

„Oder De Ceuvel, wo Architekten, Designer und Schreiner in upgecycelten Hausbooten wohnen und arbeiten, nachdem sie den Boden mit Pflanzen entgiftet haben“, schreiben Susanne Völler und Anne Winterling. Noch ist die Gegend eher ein Geheimtipp, etwas für Insider, doch auf den ehemaligen Docks lassen sich immer mehr Gastronomen, coole Shops, Conceptstores, Clubs und Start-ups mit Coworking-spaces nieder. „Broedplaats“, Brutplätze, nennen sich diese kleinen Inseln der Szene, die meisten von ihnen verfolgen nachhaltige und/oder soziale Konzepte.

Vom alten Hafengelände in Noord aus ist es nur ein fester Pedaltritt – und schon hat man die hektische Betriebsamkeit der Großstadt schnell hinter sich gelassen. „Leiht Euch ein Rad und fahrt in de Polderlandschaft“, rät Susanne Völler daher denjenigen Amsterdam-Besuchern, die etwas mehr Zeit mitbringen, als es gemeinhin fürs Abhaken der wichtigsten Spots reicht. Im „Café Noorderlicht“ (NDSM-Plein 102, Neveritaweg 33) noch ein Getränk oder einen Happen genommen – alles bio – und durch den Noorderpark geht es raus in Richtung Nieuwendam. Auf dem Buik-sloterdijk hat man fast schon vergessen, dass man in Amsterdam ist…

Mit dem Rad schnell raus

Wer sich nicht so weit ab vom Schuss bewegen will, findet natürlich auch im historischen Zentrum jede Menge grüne Oasen. Zum Beispiel den Vondelpark, in den 60ern sowie 70ern Treffpunkt der Hippies und heute das beliebteste Freizeitrevier der Amsterdamer, die hier spazieren gehen, joggen, skaten oder im frisch renovierten „Blauwe Theehuis“ etwas trinken.

Auch im zentral gelegenen Jordaanviertel, eingerahmt von der Singel- und der Prinsengracht, finden sich ruhige Orte: die Hofjes. Alleinstehende Frauen, alte Leute mit wenig Einkommen und andere sozial abgehängte Menschen durften hier früher kostenlos wohnen. Heute bietet der soziale Wohnungsbau zum Beispiel Studenten eine halbwegs bezahlbare Unterkunft im an sich völlig überteuerten Amsterdam.

Frankendael Park lädt zur Entspannung ein

Nicht viel weiter weg im ehemaligen Juden- und Plantageviertel östlich der Amstel lädt der Frankendael Park zur Entspannung ein. Wer beim Essen gehen nicht auf den Euro gucken muss, lässt sich hier im „De Kas“ verwöhnen. Gekocht wird ausschließlich mit frischen Produkten, die im eigenen Garten oder im Gewächshaus gedeihen oder von lokalen Anbauern in Bio-Qualität geliefert werden.

Susanne Völler und Anne Winterling liefern also jede Menge Gründe, nach Amsterdam zu kommen - nur vielleicht nicht unbedingt in den Ferien, am Oster- oder Pfingstwochenende und vor allem mit dem Ziel, sich auch mal abseits der bekannten Touristenströme zu bewegen.

Top-10-Tipps aus dem Amsterdam-Reiseführer:

  • Seite 19: „Zero Waste“-Restaurants
  • Seite 53: „Heirate einen Amsterdamer“ und ähnliche Projekte abseits des Mainstream-Tourismus
  • Seite 58: Brouwerij De Prael – Brauen mit sozialem Anspruch
  • Seite 59: „Geschichten von Geflüchteten“, Projekt der Rederei Lampedusa
  • Seite 61: Tony Chocolonely – Schokolade auf Welttour, absolut sklavenfrei
  • Seite 113: Dignita Hoftuin, Gewinn fließt in die Stiftung, die sich um Opfer von Menschenhandel kümmert;
  • Seite 165: „Touristen-Wald“ der ökologischen Hotelkette Conscious
  • Seite 185: Café Trust mit Konzept „ Pay as you can“
  • Seite 189: OT301 – es lebe die Subkultur!;
  • Seite 296 ff.: Keti Festival – Erinnerung an die niederländische Kolonialzeit.

Das Buch: Adressen für Restaurants, Unterkünfte und so weiter folgen sozialen und/oder nachhaltigen Aspekten. Regionale und saisonale Produkte und Initiativen sowie Second-Hand-Adressen finden dabei besondere Berücksichtigung. Der Magazin-Teil im hinteren Teil des Reise-Taschenbuchs (ab Seite 254) führt zum Beispiel „Auf die Öko-Tour“ oder in „Zero Waste-“ und Reste-Restaurants“. Das Buch: „Amsterdam“, Reise-Taschenbuch; DuMont-Reiseverlag, Ostfildern, ISBN 978-3-616-02003-7; 308 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Tourenkarten, City- und Detailpläne; Preis: 18,90 Euro.

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