Kein „Kükenschreddern“

Bio-Hof in Kamp-Lintfort zieht pro Jahr 800 Bruderhähne groß

„Die Kunden haben bei uns den Anstoß gegeben“: Bärbel und Klaus mit zwei fünf Wochen jungen Bruderhähnen, die in Kamp-Lintfort aufgezogen und gemästet werden.

„Die Kunden haben bei uns den Anstoß gegeben“: Bärbel und Klaus mit zwei fünf Wochen jungen Bruderhähnen, die in Kamp-Lintfort aufgezogen und gemästet werden.

Foto: Julia Tillmann

Am Niederrhein.   Für die Legehennen auf Gut Frohnenbruch am Niederrhein müssen keine männlichen Eintagsküken getötet werden. Die Kunden wollen es so.

Neugierig recken die fünf Wochen jungen Hähne ihre Hälse aus dem Hühnermobil. Verdammt kalt da draußen für Mai, aber: Die Kamera der Fotografin interessiert ja doch. Dann fassen sich die ersten ein Herz, steigen die Leiter runter auf die Wiese. Sie scharren hier, picken dort. Eigentlich wären die weißen Hähnchen schon seit vier Wochen und sechs Tagen tot.

Bundesweit 45 Millionen männliche Eintagsküken werden Schätzungen zufolge jedes Jahr direkt nach dem Schlüpfen erstickt und dann geschreddert. Aufzucht und Mast lohnen sich wirtschaftlich nicht. Die speziell fürs Eierlegen gezüchteten Hühnerrassen setzen nur wenig Fleisch an. In Nordrhein-Westfalen streiten Landesregierung und große Brütereien seit Jahren übers Kükenschreddern. Eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes war zunächst für diesen Donnerstag (23. Mai 2019) erwartet worden. Nun soll sie am 13. Juni fallen. Die Richter haben noch Beratungsbedarf.

Der Biolandhof Frohnenbruch im Kamp-Lintforter Stadtteil Hoerstgen zeigt, dass es auch ohne Kükenschreddern geht. „Für mich liegt kein Sinn darin, Küken schlüpfen zu lassen und sofort zu töten, nur weil es nicht die richtigen sind“, sagt Bauer Klaus Bird. Auf dem Hof des 53-Jährigen und seiner Frau Bärbel werden auch die Brüder der Legehennen groß gezogen – Bruderhahnmast nennt sich das, ist in NRW und bundesweit aber bisher noch die große Ausnahme.

Den ersten Monat bleiben die Küken im Stall

Zweimal 400 Bruderhähne werden auf dem Hof Frohnenbruch pro Jahr gemästet, genauso viele Legehennen kommen jedes Jahr immer wieder neu hinzu. Der Fleischverkauf der Bruderhähne rechnet sich allein nicht. Er ist nur möglich, weil zugleich auch die Eier vom Hof um etwa 15% teurer wurden. Sie subventionieren die Bruderhahnmast. Von den Kunden wird das sehr gut angenommen: „Sie haben uns damals, im Jahr 2014, sogar den Anstoß zur Bruderhahnmast gegeben“, erzählen die Birds im Gespräch mit der Redaktion.

Hof in Kamp-Lintfort: Hier geht es auch ohne Kükenschreddern
Hof in Kamp-Lintfort: Hier geht es auch ohne Kükenschreddern

15 Wochen werden die Bruderhähne gemästet. Die Küken erhält der Hof Frohnenbruch, der 1846 von der Familie betrieben wird, auch vom Niederrhein – nämlich aus Goch. Den ersten Monat verbringen die Tiere im 33 Grad warmen geschlossenen Stall, dann geht es ins Hühnermobil auf die Wiese. Dass die Rasse Lohmann-Braun für viele Eier mit guter Schale, aber eben nicht um des Fleisches Willen gezüchtet wurde, ist deutlich zu erkennen.

Gefieder ermöglicht Sortierung nach Geschlecht

„Sportlich“, nennt Klaus Bird die sehr schlanken Hähne. Schon der

Rassenname Lohmann-Braun zeigt, wie weit die Nutztierzucht fortgeschritten ist. Denn braun sind nur die Eier legenden Weibchen. Die Färbung des Gefieders ermöglicht eine Sortierung nach Geschlecht schon bei Eintagesküken.

Gut 1,1 Kilo Schlachtgewicht bringen die Bruderhähne schlussendlich auf die Waage. Zum Vergleich: Ein Fleischmast-Hähnchen kommt schon nach elf oder zwölf Wochen auf 2,3 Kilogramm. „Bei gleichem Futtereinsatz“, sagt Klaus Bird. Das Fleisch der Bruderhähne geht im Hofladen mit 11,90 Euro pro Kilo in den Verkauf – am Stück. So gehen die Hähnchen in der Regel später bei den Kunden auch in den Ofen. Eine Zerlegung macht wenig Sinn.

„Verbraucher können viel bewirken“

Zur Einführung der Bruderhahnmast hatten die Birds erst 15%, dann 40% und dann alle ihre Eier teurer gemacht. Der Zuspruch ist groß: „Wir sind nie auf einem Ei sitzengeblieben“, erzählt Klaus Bird und Frau Bärbel ergänzt, dass die Kunden untereinander sogar für Bruderhahn-Produkte Werbung machten. Die Erfahrung der vergangenen Jahre belege, dass Verbraucher bereit seien, mehr zu bezahlen, wenn auf das Töten der Eintagesküken verzichtet wird. „Für mich ist die Botschaft ganz wichtig, dass Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten ganz schön viel bewirken können“, sagt Klaus Bird.

>>>> MINISTERIN DRÄNGT AUF ENDE DES KÜKENSCHREDDERNS

Auch NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser fordert Verbraucher auf, ihre Macht zu nutzen. Kunden sollten im Handel zu Bruderhahn-Produkten oder auch zu Eiern von Legehennen zu greifen, deren Geschlecht schon im Ei bestimmt wurde. Mittlerweile gibt es auch bei großen Einzelhandelsketten und Discountern mehrere Initiativen. Informationen gibt es bei der Verbraucherzentrale.

Die CDU-Politikerin will an der von ihrem grünen Amtsvorgänger Johannes Remmel erlassenen Verbotsverfügung gegen das Kükenschreddern festhalten, gegen die sich die großen Brütereien vor Gericht bislang erfolgreich gewehrt hatten. „Diese Tierquälerei muss schnellstmöglich ein Ende haben“, ist Heinen-Esser überzeugt. Mit den ethischen Grundsätzen des Tierschutzes sei die Praxis des Tötens von männlichen Eintagesküken „nicht vereinbar“.

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