Ärztemangel

Bringt ein neues Gesetz mehr Kinderärzte an den Niederrhein?

Am 13. Februar findet die nächste Anhörung für das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz im Bundestag statt. Tritt das Gesetz im Mai wie geplant in Kraft, dann könnten sich vorübergehend auch im Kreis Kleve wieder neue Kinderärzte niederlassen.

Am 13. Februar findet die nächste Anhörung für das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz im Bundestag statt. Tritt das Gesetz im Mai wie geplant in Kraft, dann könnten sich vorübergehend auch im Kreis Kleve wieder neue Kinderärzte niederlassen.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

An Rhein und Ruhr.   In Kleve klagen Eltern über zu wenige Kinderärzte. Das neue Terminservicegesetz könnte helfen. Doch Eltern und Experten sehen die Pläne kritisch.

Eltern, die im Kreis Kleve einen Kinderarzt suchen, haben es schwer, so klagt eine örtliche Elterninitiative seit Jahren. Viele von ihnen fänden kaum noch einen Arzt, der ihre Kinder dauerhaft als Patienten aufnimmt. Die meisten Praxen im Kreis seien an der Kapazitätsgrenze angekommen. Eltern, die trotzdem einen Termin erhielten, müssten oft weite Anfahrtswege für den Besuch beim Kinderarzt in Kauf nehmen. So kann es nicht weitergehen, findet die „Elterninitiative Kleve - Kinderärztemangel nicht mit uns“. Die beteiligten Eltern setzen sich deshalb seit der Gründung der Initiative im Jahr 2015 für eine bessere ärztliche Versorgung ihrer Kinder ein.

Das Problem: Hinter der angespannten Situation in Kleve, die sich so vermutlich auch auf andere ländliche Regionen Deutschlands übertragen lässt, steckt mehr als nur der ohnehin bekannte Ärztemangel auf dem Land. Bezüglich der Kinderärzte ist die Situation komplizierter.

In Deutschland erlässt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Richtlinien für die Bedarfsplanung, nach denen die Arztsitze im Land verteilt werden. Laut diesen Richtlinien muss ein Kinderarzt im Kreis Kleve derzeit 3859 Patienten versorgen. In Düsseldorf dagegen sind es nur 2405. Der Grund für diese ungleiche Verteilung: Kinderärzte zählen zu den „allgemeinen Fachärzten“, und für die ist in Großstädten eine höhere Arztzahl vorgesehen als auf dem Land.

Grund dafür wiederum sind die sogenannten Mitversorgungseffekte. Man nimmt an, dass viele Menschen nicht an ihrem Wohnort zum Facharzt gehen, sondern am Ort ihrer Arbeitsstelle. Eine Berechnungsgrundlage, die für Eltern mit kleinen Kindern wohl kaum den realen Bedingungen entsprechen dürfte und die für Familien in ländlichen Gebieten verheerende Auswirkungen hat.

G-BA kündigt neue Bedarfsplanung für Ende Juni an

Obwohl laut einer Studie der Klever Elterninitiative ein Großteil der Kinderärzte im Kreis Kleve keine neuen Patienten mehr aufnimmt und zugleich zahlreiche Eltern verzweifelt einen Arzt für ihren Nachwuchs suchen, dürfen sich hier zur Zeit keine neuen Kinderärzte niederlassen. Denn der Kreis Kleve gilt als überversorgt. Das heißt, es gibt – auf dem Papier – mehr als genug Kinderärzte. Die Menschen in der Region klagen aber über einen deutlich spürbaren Mangel.

Seit Jahren kämpft die Klever Elterninitiative bereits dafür, dass die Politik dieses Problem angeht. Bislang war der einzige konkrete Erfolg aber eine Sonderzulassung für einen zusätzlichen Kinderarzt, der trotz offizieller Überversorgung nach Kleve kommen durfte.

Eine wirkliche Verbesserung, so der Eindruck der Elterninitiative, könne nur eine grundsätzliche Überarbeitung der Bedarfsplanungsrichtlinie bringen. Daran arbeitet der G-BA tatsächlich schon seit längerem, doch Ergebnisse ließen bislang auf sich warten. Auf Anfrage der Redaktion kündigte der G-BA nun aber an: „Wir werden die Anpassungen der Bedarfsplanungs-Richtlinie bis zum 30. Juni 2019 beschließen.“ Vielleicht haben es dann ja auch die Eltern im Kreis Kleve bald leichter.

Neue Kinderärzte durch das Terminservice-Gesetz?

Eine entscheidende Veränderung für Kinder und Eltern in ländlichen Regionen wie dem Kreis Kleve könnte schon vor dem 30. Juni das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bringen, das Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Mai dieses Jahres gerne auf den Weg bringen würde. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die Zulassungsbeschränkungen unter anderem für die Kinderärzte bis zur abgeschlossenen neuen Bedarfsplanung außer Kraft gesetzt werden.

Ziel dieser Regelung sei es, die Versorgung der Patienten bereits in der Übergangszeit bis zum Abschluss der Beratungen des G-BA zu verbessern, so das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage. Sollte das Gesetz tatsächlich in dieser Form in Kraft treten, könnten sich zeitweise also auch in offiziell überversorgten Regionen wie dem Kreis Kleve wieder neue Kinderärzte niederlassen. Ein gute Strategie, um den Kinderärztemangel in ländlichen Regionen zu bekämpfen?

Nein, glaubt die Klever Elterninitiative. Ihre Befürchtung: Kinderärzte, die sich neu niederlassen möchten, würden bei kompletter Wahlfreiheit ihres Arbeitsortes wohl kaum eine „weniger attraktive“, ländliche Region wählen, wo sie obendrein mehr Patienten versorgen müssten als in der Stadt. Unter diesen Bedingungen, so fürchtet die Elterninitiative, würden sich viele neue Kinderärzte eher in einer ohnehin gut versorgten Großstadt niederlassen.

Experten erwarten keine Verbesserung durch TSVG

Eine Sorge, die auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte teilt. Edwin Ackermann, Sprecher des Verbandes für die Region Nordrhein, fordert stattdessen bessere Bedingungen für den medizinischen Nachwuchs und grundsätzlich eine höher angesetzte Ärztezahl in der Bedarfsplanung.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein steht dem Gesetzentwurf kritisch gegenüber: Das Vorhaben, die Zulassungsbeschränkungen für Kinderärzte auszusetzen, unterlaufe alle Bemühungen, die Versorgung in ländlichen oder strukturschwachen Regionen in den kommenden Jahren zu stabilisieren, so Heiko Schmitz, Sprecher der KV Nordrhein. Auch er befürchtet, dass neue Kinderärzte sich eher in Ballungsräumen niederlassen als auf dem Land.

Das Bundesministerium für Gesundheit entgegnet dazu auf Anfrage, die befristete Regelung zur Aufhebung von Zulassungssperren dürfe nicht isoliert betrachtet werden. Sie sei nur eine von vielen Maßnahmen, um Anreize für Niederlassungen in ländlichen Gebieten zu schaffen.

Das Ministerium verweist außerdem darauf, dass der G-BA mit dem neuen Gesetz mehr Kompetenzen bezüglich der Bedarfsplanung erhalten solle. Die Arztsitze könnten so in Zukunft kleinräumiger, bedarfsgerechter und flexibler verteilt werden.

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